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Evangelist Markus

Ein Schmuggel dieses Ausmaßes muss damals schon ein Skandal gewesen sein. Im Jahre 828 – so ist es überliefert – entwendeten venezianische Kaufleute in Alexandria die Gebeine eines heiligen Markus und überführten sie, unter gepökeltem Schweinefleisch versteckt, nach Venedig. Dort wurde ihm zu Ehren der Vorläufer des heutigen Doms San Marco erbaut.

Viel Trubel um einen Heiligen, der der historischen Forschung zufolge nicht der Autor des Markusevangeliums gewesen sein kann, auch wenn man ihn damals dafür hielt. Doch wer liegt tatsächlich unter den jahrhundertealten Mauern von San Marco mit dem geflügelten Löwen an der Fassade begraben? Die Tradition weiß von einem frühen Bischof von Alexandria namens Markus, den die koptische Kirche als ihren ersten Papst ansieht. Er soll am Ostersonntag des Jahres 68 oder 69 buchstäblich vom Altar des Ostergottesdienstes weggerissen und zu Tode geschleift worden sein. Teile seiner Reliquien wurden 1968 von Venedig an die koptische Kirche zurückgegeben – über 1000 Jahre nach ihrem Raub.

Sein Todestag wird bis heute als Gedenktag für den Evangelisten Markus begangen, obwohl die tatsächliche Entstehung des wohl ältesten Evangeliums im Dunkeln liegt. Das Werk des unbekannten Markus ist allerdings ein bedeutendes Stück Theologie und Literaturgeschichte und gibt Lesern und Auslegern bis heute Rätsel auf. Wer nach dem historischen Jesus forscht, kommt an Markus als dem ersten Leben-Jesu-Erzähler nicht vorbei. Er begründete die Textform der Evangelien, die die Jesusbotschaft erzählen. Grund genug, dieses Unbekannten zu gedenken. In Darstellungen der christlichen Kunst erkennt man den Evangelisten Markus am Symbol des Löwen – eine Tradition, die sich auf prophetische Visionen bei Ezechiel und in der Offenbarung gründet.