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Mein Sonntag

Vergilbte Fotos aus der Kindheit

Ein Novembersonntag, der sich nicht zwischen heiter und wolkig entscheiden kann. Wir bleiben zuhause und schauen bei Kaffee und Kakao alte Fotoalben an. In der nächsten Woche steht bei mir ein halbrunder Geburtstag an, da schaut man gerne mal zurück. Bei meinen Kindheitsfotos bleiben wir hängen. Vergilbte Momentaufnahmen in schwarz-weiß, die einen bunten Film in den Kopf projizieren. Ich spüre ein warmes Gefühl der Dankbarkeit. So viele Jahre mit geliebten und liebenden Menschen. Wie schön, dass ich meine Eltern noch zu Details befragen kann.

Ich muss an einen Satz von Paul Tillich denken: »Der Überschwang eines dankbaren Herzens ehrt Gott, selbst wenn es sich nicht in Worten an ihn wendet. Der Ungläubige, den Dankbarkeit für sein Dasein erfüllt, ist kein Ungläubiger mehr.« Dankbarkeit ist ein religiöses Grundgefühl, ist Sinn und Geschmack fürs Unverdiente.

Unverdient – da klingt schon das andere starke Grundgefühl an: das des Scheiterns. Auch dazu fallen mir viele Episoden aus meinem Lebensfilm ein. Ich denke an Menschen, bei denen ich mich entschuldigen möchte, zu denen aber der Kontakt abgebrochen ist. Sollte ich nicht mal versuchen, den Faden wieder aufzunehmen, um Vergebung zu bitten?

Eine Woche nach meinem Geburtstag ist Bußtag. Ein Monat der Gegensätze, dieser November.

Frank Hofmann