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Mein Sonntag

Foto: Sensay/photocase.de

Das kann doch nicht wahr sein! Am vergangenen Wochenende sind wir noch am Strand von Wenningstedt auf Sylt in die Nordsee gesprungen – und jetzt ist schlagartig Herbst. Nicht nur, weil der Himmel grau ist und es Bindfäden regnet – nein: Es riecht auch nach Herbst. Man spürt ihn in der Luft.

Und wenn es nach Herbst riecht, dann kommt garantiert postwendend der Moment, den ich so sehr hasse: Meine Töchter maulen rum, dass sie jetzt mal wieder ihre dicken Pullis und warmen Jacken brauchen, die irgendwo auf dem Boden in den Kisten schlummern. Und das bedeutet: Zeit für die »Klamotten-Umschaufel-Aktion«. Sommerklamotten von drei Kindern raus aus den Schränken, rein in Kartons, rauf auf den Boden. Dann Unmengen Kartons mit Kinderkleidung der Vorjahre (oder geerbt) vom Boden nach unten schaffen, durchforsten, ob irgendeinem irgendwas noch passt, was nach Herbst und Winter aussieht. Das, was passt, in die Wäsche schmeißen, den Rest wieder in Kartons stopfen und zurück auf den Boden.

Was das Ganze noch brisanter macht: Die Kartons sind natürlich ziemlich chaotisch gepackt und nicht nach Größen und Jahreszeit sortiert, die Kinder haben überhaupt keine Lust, Unmengen von Hosen anzuprobieren und vor allem: Ich habe keine Lust zu dieser Aktion. Aber meine Freundin hat sie – und schlägt mir bei einem Telefonat am Sonntagmorgen vor: »Ich komm nachher vorbei und wir machen das zusammen. Dann sortieren wir das Ganze auch gleich mal vernünftig, beschriften die Kartons und schmeißen weg, was sowieso nie wieder einer anzieht.« Zuerst versuche ich mich rauszureden: »Mir geht's heute nicht so. Ich fühl mich schlapp. Das Wetter zieht mich auch so runter…« Aber sie lässt nicht locker. Also willige ich ein, denn wahrscheinlich hat sie Recht: Wenn eine Aktion so gar keinen Spaß macht und einem so richtig bevorsteht – dann muss man sie sich eben schön machen! Und das tun wir.

Statt auf dem engen, muffigen Boden in den Kartons zu rumwühlen, machen wir uns die Mühe und schleppen sie zwei Treppen runter ins Wohnzimmer. Das ist zwar anstrengend, aber dann wird's so richtig gemütlich. Wir kochen Tee, stellen Kekse und Obst auf den Tisch, zünden Kerzen und ein Feuer im Ofen an. Dann legen wir los – und, oh Wunder, nach und nach kommen die Kinder aus ihren Zimmern und machen mit. Sie finden es lustig, was da so in den Kartons schlummert, haben zu vielen Kleidungsstücken eine kleine Erinnerungsgeschichte parat und lassen sich immerhin wenigstens mal eine Hose anhalten oder eine Mütze über den Kopf streifen. Das Schönste ist: Wir lassen uns nicht hetzen, nehmen uns den ganzen Sonntag Zeit!

Am Ende haben wir viel erzählt, gelacht und gekuschelt und ganz nebenbei zwölf Umzugskartons Kinderkleidung sortiert – total stressfrei und sonntäglich entspannt!

Ulrike Berg