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Mein Sonntag

Liebe Mama, wie habe ich es als Kind geliebt, in Deinem Arm einschlafen zu dürfen. Gehalten von Dir und Deiner Wärme. Im Advent hast Du mir jeden Abend die Weihnachtsgeschichte vorgelesen, dazu gab es heiße Milch mit Honig. Mit fünf Jahren konnte ich sie auswendig – und auch mit 39 Jahren meine ich, im Weihnachtsgottesdienst einen leichten Milch-Honig Geschmack auf der Zunge zu verspüren. Am allerersten Tag der Deutschen Einheit 1990 hast Du mich nicht zur Schule gehen lassen. »Heute gibt es wichtigeres, heute wird Geschichte geschrieben«, sagtest Du, riefst beim Flughafen an und reserviertest zwei Plätze bei Air Berlin. Für jeden Fluggast gab es die Tageszeitung und ein Glas Sekt – für mich der erste überhaupt. Statt in der Schule zu sitzen, war ich mit Dir am Brandenburger Tor. Nur dieses eine Mal hast Du mir Schulschwänzen ausdrücklich erlaubt; dieser Tag wird unvergessen bleiben. Geborgenheit und Leichtigkeit schenktest Du mir, obwohl die Last der Verantwortung für mich auf Deinen Schultern lag und Du selbst noch so jung warst. »Liebe Mama, wie hast Du das eigentlich geschafft?«, habe ich Dich gestern gefragt. »All die alltäglichen Sorgen, Beruf, Muttersein, alleine zu tragen?« – »Nicht alleine«, antwortete sie, »Gott hat mir geholfen. Und darauf habe ich vertraut.«

Sarah Seifert