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Mein Sonntag

Foto: Mirjam Oliva

Vor acht Wochen haben wir das Haus unserer Eltern verkauft. An eine junge Familie, so wie es sich mein Vater gewünscht hatte. Wir hatten auch die Kinder kennengelernt, Luisa und Max. An diesem Sonntag waren wir drei Schwestern da, um die Schlüssel zu übergeben.

Bevor die Käufer kamen, ging ich ein letztes Mal durch den Garten. An der Südseite des Hauses steht ein alter Apfelbaum. Sein Stamm ist mit Flechten überwachsen. Die Äpfel, die er hervorbringt, sind klein und kaum genießbar. Trotzdem haben meine Eltern nie daran gedacht, ihn abzusägen. Um einen Ast ist eine Wäscheleine gespannt. Und an Sommerabenden singt die Amsel im Laub.

Im Gras lag Fallobst. Ich war mit einer Schüssel gekommen und ging herum, um die Äpfel aufzuheben. Weich waren sie, matschig, manche angefressen. Vor einem blieb ich stehen, betrachtete ihn genauer. Er war schon gebräunt und vom Schimmel zartgrau getupft. Einfach so lag er da ­– faul.

So paradox es klingt: Ich begann ihn fast ein bisschen zu beneiden. Er war reif gewesen loszulassen, sich der Erde und der Zeit anzuvertrauen. Hatte Sonnenwonne genossen. Hatte sich vom Tau erfrischen und von Grashalmen streicheln lassen. Ich stellte mir vor, wie hin und wieder ein Vogel gekommen war, um sich an ihm zu laben.

Ich stand noch ein bisschen da, in Gedanken versunken. Dann hörte ich es klingeln. Gerade zur rechten Zeit. Ich hatte den Garten säubern wollen und fühlte mich jetzt auch innerlich aufgeräumt. Ich ging mit der Schüssel zum Kompost. Ein paar Äpfel ließ ich liegen. Wer weiß, auf welche Gedanken Luisa und Max kommen, wenn sie sie sehen.

Sabine Henning