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Mein Sonntag

Ein Familientreffen auf Langeoog anlässlich einer Hochzeit. Das Paar wünscht keinen kirchlichen Segen. Mein Schwiegervater, meine Frau, meine Tochter und ich wollen zwischen all den Café- und Restaurantbesuchen aber doch etwas für unsere geistige Erbauung tun und besuchen die Inselkirche. Gleich nachdem wir die einem Schiff nachempfundene Türklinke gedrückt haben und eingetreten sind, zieht uns das Altarbild in den Bann. Wir sehen ein offenbar havariertes Schiff, davor eine Plattform, auf der gelangweilte Reisende warten. Ganz im Vordergrund ein Tisch mit ungeordneten Stühlen, als seien die Menschen daran gerade aufgesprungen. Nur einer sitzt noch dort, von dem man aber nur die Hände sieht. Ein rätselhaftes Bild, das sich einer schnellen Interpretation verschließt, aber bei jedem von uns Assoziationen hervorruft. Meine Tochter will wissen, warum das Schiff untergegangen ist. Meinem Schwiegervater fällt als erstes das schiefe Kreuz in der Bildmitte auf. Ich denke mir den verlassenen Tisch als letztes Abendmahl und das Schiffsunglück als Kreuzigung zusammen. Die Menschen scheinen nun auf ein Hoffnungszeichen zu warten. Dabei ist es längst da: Es sitzt – wieder? – am Tisch. Über unsere Fragen und Deutungen kommen wir ins Gespräch. Wir reden über Glaube, Hoffnung und Liebe. Tiefer als sonst. Als wir wieder draußen stehen, suche ich im Netz nach einer »offiziellen« Deutung, finde interessante Hintergrundinfos zum Bild von 1990 (hier) – bin aber froh, dass sich der Künstler Hermann Buß einer eindeutigen Allegorese verschließt. So bleiben uns die spontanen Impulse aus unserer angeregten Unterhaltung. Erbaut schließen wir uns der Hochzeitsgesellschaft wieder an.

Frank Hofmann