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Mein Sonntag

Der Friedhof mit Blick auf das Meer

Ein Sonntag in einem kleinen Ort auf einer dänischen Insel. Im Hafen, wo die Fähre anlegt, ist erstaunlich viel Trubel. Die Schiffsmotoren dröhnen, rund um den Hafen wird lautstark gebaut und die Touristen strömen fröhlich schnatternd zum Kiosk, um sich mit einem Hot Dog und Pommes zu stärken.

Wir nicht. Wir gehen den steilen Berg vom Hafen in den Ort hinauf. Mit jedem Schritt wird es ruhiger, beschaulicher. Einzige Highlights: ein kleiner Bäcker und ein Fahrradverleih, eine Dorfkneipe und der Dagli Brugsen, bei dem man die nötigsten Lebensmittel bekommt  – heute natürlich geschlossen.

Und dann, am höchsten Punkt des Ortes: die Kirche. Ungewöhnlich groß ist sie, fast scheint sie die Häuser und schmalen Gassen um sich herum zu erdrücken. Wir gehen durch die schmiedeeiserne Pforte. Kiesel knirschen unter unseren Füßen. Aber bevor wir die Kirche betreten, möchte ich lieber noch mal um sie herum gehen, denn ich ahne: Von dort kann man auf die Ostsee schauen.

Doch als wir um die Ecke biegen, erwartet uns noch etwas Anderes: Dies ist mit Sicherheit der schönste Platz des ganzen Ortes. Atemberaubend der Blick auf das Meer, das tief unter uns liegt. Atemberaubend die Weite. Die sich abzeichnende Silhouette der nächsten Insel, viele Seemeilen entfernt. Und hier, auf diesem paradiesischen Fleckchen Erde, haben die Dorfbewohner ihre Toten begraben.

In mir steigt ein seltsames Gefühl auf, eine Mischung aus Rührung und Ergriffenheit. »Zeige mir, wie du deine Toten bettest, und ich sage dir, wer du bist«, fällt mir unweigerlich ein. Oder, wie Konfuzius sagte: »So, wie ein Volk seine Toten verehrt, so offenbart sich seine Seele vor dir.«

»Für unsere Verstorbenen nur das Beste«, mögen sich die Dorfbewohner einst gesagt haben. Vielleicht war es aber auch nur schnöde Logik: Die Kirche gehört an den höchsten Punkt des Ortes und der Friedhof gehört an die Kirche… Und ganz vielleicht hat bei dieser Entscheidung ja auch jemand an die Trauernden gedacht: In diesen stillen Tagen im November, in denen wir an unsere Verstorbenen denken, ihre Gräber auf den Friedhöfen besuchen und winterfest machen, brauchen wir einen Blick, der uns trösten kann, und einen Aus-Blick, der uns ahnen lässt, dass hinter dem Horizont noch etwas auf uns wartet.

Ulrike Berg