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Mein Sonntag

»Jenseits von richtig oder falsch gibt es einen Ort. Dort treffen wir uns.« An dieses Zitat des persischen Sufi-Mystikers Dschalal ar-Rumi, das Martin Schulz in der TV-Runde mit Angela Merkel drei Wochen vor der Wahl bekannt machte, musste ich gestern bei unserem Sonntagsausflug denken. Wir haben nämlich diesen Ort gefunden. Er liegt im Hamburger Hafen, mitten im Containerland. Wenn man durch den Elbtunnel nach Süden fährt, kann man den Ort für einen kurzen Moment sehen. Ganz nah an der Autobahn. Verlässt man die A7 an der nächsten Abfahrt Waltershof, muss man aber sehr genau wissen, wo man hinwill, um im verschlungenen Straßenlabyrinth den rechten Weg zu finden.

Doch die Menschen, für die dieser Ort eingerichtet wurde, kommen nicht mit dem eigenen Auto. Sie fahren Hamburg an mit den großen Containerschiffen, werden auf Wunsch am Kai von einem Kleinbus abgeholt und hierher gebracht: zum »Duckdalben«, dem Haus der Deutschen Seemannsmission Hamburg-Harburg. Neben allerlei nützlichen und angenehmen Dienstleistungen können die Seeleute hier einen »Raum der Stille« in Anspruch nehmen. Nicht ein, gleich sieben Wegweiser führen zu dem Andachtsraum im ersten Stock: ein Kreuz, ein siebenarmiger Leuchter, eine Mondsichel mit Stern, das Rad der Lehre, die Silbe »Om«, ein Khanda-Emblem und ein Yin-Yang-Zeichen. Zeichen für die sieben am häufigsten unter den Seeleuten verbreiteten Religionen: Christen- und Judentum, Islam und Buddhismus, Hinduismus, Sikhismus und Daoismus. In dem großen, lichtdurchfluteten Obergeschoss wartet auf jeden Gläubigen eine liebevoll und künstlerisch gestaltete Nische. Für die islamische Ecke malte ein jordanischer Kalligraph die erste Sure des Koran, die Fatiha. An der christlichen Wand hängt ein Holzkreuz mit rotem Längs- und blauem Querbalken: Holzteile eines Fischerboots, das Flüchtlinge zur Insel Lampedusa brachte.

In jeder Ecke ein zu entdeckender Schatz – so wird jede Nische auch für Andersgläubige interessant. Das Nebeneinander der Weltanschauungen ist hier, mitten im Trubel des Containerhafens, auf eine ganz friedliche Weise umgesetzt. Richtig oder falsch? Spielt hier keine Rolle. Im Absoluten sind die Gegensätze vereint.

Frank Hofmann