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Mein Sonntag

Ein traumhafter, sonniger Segeltag mit einer frischen Brise aus West, der nichts zu wünschen übrig lässt. Am frühen Nachmittag laufen wir in die Schlei ein, 20 Minuten später haben wir unser Schiff im Hafen von Maasholm festgemacht und die ganze Familie schwärmt aus – jeder, wozu er Lust hat: Eis essen, Krebse angeln oder Schlauchboot fahren. Ich entscheide mich für einen Spaziergang. »De Maas rund« – so heißt der Weg ein Mal rund um die Landzunge, auf der das kleine Fischerdorf Maasholm liegt.

Seit 25 Jahren kommen wir jeden Sommer mehrmals hierher und bei jedem Besuch ist »De Maas rund« mit traumhaftem Blick auf die Schlei Pflicht.

Nur eines habe ich schon viele Jahre nicht mehr gemacht: die kleine Kirche besucht, die hoch oben über dem Spazierweg liegt. Also erklimme ich die Treppenstufen Richtung Kirchturm und rüttele erwartungsvoll an der Türklinke. Ich habe Glück: Die Kirche ist offen – und ich bin allein. Verändert hat sich hier nicht viel in all den Jahren. Der kleine Kirchraum mit weiß getünchten Wänden und Parkettboden ist mit schlichten Holzstühlen ausgestattet. Hinter der letzten Reihe steht eine Truhenorgel, vorn führen zwei Stufen zu einem kleinen, ebenfalls schlichten Holzaltar. Die Fenster sind aus weißem Glas. Große Schätze gibt es hier nicht – oder doch?

Ich bleibe vor einem Ständer stehen, auf dem ein dickes Buch aufgeschlagen liegt. Das »Gästebuch«, das natürlich in keiner Kirche an Urlaubsorten fehlen darf! Ich beginne zu lesen. Und lese … Und blättere ….

Und lese … – und bin verwundert. Neben vielen Einträgen von Besuchern, die sich einfach nur darüber freuen, dass die Kirche geöffnet ist und sie hier eintreten können, und einigen wenigen Sätzen, in denen Menschen Gott um etwas bitten, lese ich immer wieder »Danke, Gott«. Danke dafür, dass ich gesund bin oder wieder geworden bin, danke, dass Du meine Familie bisher immer vor allem Schlimmen beschützt hast, danke für meinen Job, danke für alle Menschen, die mich lieben und die ich liebe, danke, dass ich jeden neuen Tag genießen darf, danke, Gott, dass ich lebe.

Eigentlich ja ganz normal, aber doch erstaunt es mich, ja, es rührt mich fast. Leben wir nicht in einer viel zitierten »Gesellschaft des Jammerns«? Offensichtlich nicht. Und es tut gut, von so viel Dankbarkeit zu lesen.

Noch mehr rühren mich allerdings die vielen, vielen Einträge, von Menschen, die nach Jahren wieder hierhergekommen sind, um sich an besonders schöne Zeiten zu erinnern, die sie an diesem Ort erlebt haben – mit Partnern, Eltern, Kindern oder Freunden, die mittlerweile gestorben sind. Die Schreibenden sind meist von weither angereist, um hier noch einmal dem Glück von damals nachzuspüren und dafür zu danken.

In dieser Kirche gibt es also doch einen großen und ganz besonderen Schatz: Diese alten, vertrauten Mauern sind mit all ihrer Beständigkeit und Verlässlichkeit für viele Menschen ein Ort des Trostes und der liebevollen Erinnerung.

Ulrike Berg