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Mein Sonntag

Ich laufe durch den Sonntagmittag. Es ist mäßig kalt und ich genieße Luft und Ruhe. Kaum jemand ist heute unterwegs. Viele Male bin ich schon durch dieses Moor getrabt, die Strecke bietet Heimvorteil. Ein gelber Reiz in den Augenwinkeln lässt mich stocken. Hab ich das gerade wirklich gelesen? Ich stoppe meinen Lauf und gehe zurück zu dem Strommast, an dem ein gelber Post-it-Zettel klebt. Darauf, fett gedruckt: Wofür lebst Du? Habe ich mich doch nicht getäuscht. Ein schnelles Handy-Foto und weiter geht’s. Wofür lebe ich eigentlich? Um glücklich zu sein? Was ist denn glücklich? Wen brauche ich, um glücklich zu sein? Was ist mir wirklich wichtig? Den Rest des Laufes sinniere ich vor mich hin. Denke herum an den ganz großen Lebensfragen. Finde Antworten, verwerfe sie, denke weiter.

Zu Hause rufe ich als erstes das Internet auf: www.die-erinnerungsguerilla.org. Diese Adresse war auf dem Post-it mit angegeben. Denn wer kommt da eigentlich auf die Idee, solche Fragen an einen Strommast im Moor zu pinnen? Die Internetseite erklärt schnell und übersichtlich die Idee: Die Erinnerungsguerilla ist ein Kunstprojekt, das allein aus dem Verteilen solcher kleinformatiger Aufkleber  besteht. Mitmachen kann jeder, die Blocks mit den Fragen können online bestellt werden. Und können dann – wie »mein« Zettel im Moor – verteilt werden. Die Zettel sind rückstandsfrei ablösbar und können immer neu verklebt werden, nicht nur an Strommasten, sondern auch in U-Bahnen, an Bushaltestellen, Straßenlaternen, Fahrradsatteln, Mülleimern. Das Projekt ist sogar schon von der Initiative Kreativ- und Kulturwirtschaft der Bundesregierung ausgezeichnet worden. Die Idee dahinter beschreiben die Initiatoren so: »Die Erinnerungsguerilla glaubt an die Kraft von Fragen. Fragen, die an zentrale Themen im menschlichen Leben rühren. Fragen, die an unsere innersten Überzeugungen, Werte und unsere ganz eigenen Vorstellungen, wie sich das Leben gestaltet, erinnern sollen. Diese Fragen sind offen, suchen keine direkte Antwort, fügen nichts Neues hinzu und wollen nicht konfrontativ belehren.«

Bei mir hat das geklappt. Ich bin ins Nachdenken gekommen. Und nehme mir vor: Zu einem der nächsten Läufe will ich mir gedanklich selber eine Frage mit auf den Weg nehmen. Ideen dafür liefern mir die Erinnerungsguerillas auf ihrer Internetseite:

Tut es gut, was Du machst?
Wann singt Dein Herz?
Was macht Dir mehr Angst: Freiheit oder Sicherheit?
Was bleibt, wenn Du gehst?

 

Iris Macke