A-
A
A+

Mein Sonntag

Noch eine Stunde nach dem Konzert dröhnten mir die Ohren und es klopfte mir das Herz. – Laut war es gewesen. Heftig. Lang. 85 Minuten dauert die 6. Sinfonie von Gustav Mahler. Und an diesem Sonntag haben wir sie nach einem halben Jahr intensiver Probenarbeit zum ersten Mal aufgeführt. In der St. Laurentii-Kirche in Itzehoe. Wir spielten unser Konzert unter dem großen, freihängenden Kreuz ­– am ersten Sonntag nach Ostern. Der hohe Kirchenraum verstärkte unseren Klang. Sechs Trompeten, acht Hörner, vier Posaunen, Basstuba und sechs Schlagzeuger, die Holzbläser fünffach besetzt, Harfe, Celesta, Kuhglocken und natürlich die Streicher – 115 Musikerinnen und Musiker haben diese Sinfonie zum Klingen gebracht. Mir dröhnten die Ohren, weil es im vierten Satz enorm laut wird – aber mein Herz pochte fast genauso laut, weil die Musik mich voll und ganz ergriffen hat. Ein Teil von ihr zu sein, das ist ein einmaliges und sehr erfüllendes Gefühl.

Gustav Mahler schrieb seine 6. Sinfonie zu einer Zeit, in der alles in seinem Leben gerade ziemlich gut lief. Er hatte eine Festanstellung an der Wiener Hofoper bekommen, was zu Beginn des 20. Jahrhunderts keine Selbstverständlichkeit war, denn er war Jude. Mit seiner Frau war er glücklich verheiratet – später sollte sie ihn betrügen. Zwei Töchter waren geboren – die älteste sollte bald sterben. Doch noch war Sommer – und von all dem schweren Schicksal war noch nichts in Sicht. In den Sommerwochen komponierte Mahler seine Sechste und scheint allem Unheil, das da erst noch kommten sollte, vorzugreifen. Denn die Sinfonie hat es in sich. Sie wird auch „die Tragische“ genannt. In ihr bricht jeder Traum von heiler Welt, von Sommerfrische oder Familienidyll zusammen. Gustav Mahler hat die tiefsten Abgründe des Menschseins in sich gespürt und auskomponiert, die heftigsten Schicksalsschläge, die einen Menschen erschüttern können, in Musik geformt. Es gibt Passagen, an denen das Orchester zu fliegen und in Dur-Klängen einem guten Ende entgegenzustreben scheint. Aber dann wendet sich das Blatt und am Ende dieser dichten und intensiven 85 Minuten kann man als Zuhörer und Mitspieler eigentlich nicht mehr daran glauben, dass es jemals ein Happy End geben kann – nicht in diesem Leben.

Mir geht es gerade ziemlich gut. Gestern hat diese Musik mich mit voller Wucht ergriffen. Nein, ich weiß nicht, was in meinem Leben noch passieren wird. Aber über der Tuba und den Posaunen, über dem musikalischen Leiden und Sterben und der nagenden Ungewissheit in den letzten Takten Gustav Mahlers schwebte das Kreuz. Und das sagte mir – am ersten Sonntag nach Ostern: Das Leid und der Tod sind nicht das Ende der Geschichte.

Kirsten Westhuis