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Mein Sonntag

Es sollte ein fröhliches Kurzurlaubs-Wochenende im Harz werden. Wurde es auch. Aber mit einem ungeahnten Plus. Denn untergebracht waren wir im ehemaligen Sommerhaus der Familie Bonhoeffer, im kleinen Friedrichsbrunn in der Nähe von Thale mitten im Ostharz. 1913 hatten Karl und Paula Bonhoeffer das Haus gekauft. Für Dietrich Bonhoeffer war es seit seiner Kindheit Ausgangspunkt für Wanderungen, Treffpunkt der Familie, Rückzugsort für Gespräche und Studien und im Krieg für seine Geschwister Zufluchts- und Schutzort vor den Bomben.

Heute ist das Haus renoviert, im oberen Geschoss befinden sich die zwei Ferienwohnungen. Top eingerichtet – und doch ist der alte Geist zu spüren. Nicht nur wegen der Zimmertüren, die noch aus Bonhoeffers Zeit stammen. Im Untergeschoss befinden sich ein Café und ein Museum, und als ich die alten Fotos dort betrachte, sehe ich: der großzügige Garten sah zu Bonhoeffers Zeiten schon genauso aus. Die Zeitzeugnisse, die ich im Museum studieren kann, bringen mich diesem mutigen Mann, der so wunderbare Texte formuliert hat, auf ganz neue Weise näher. Ich habe fast das Gefühl, als würde ich ihn hier privat kennenlernen. So schreibt seine Schwester Susanne über die Friedrichsbrunner Ferien: »In dem großen Friedrichsbrunner Garten konnten wir tun und lassen, was wir wollten. In den Schneisen der Tannenwälder krochen wir herum und suchten mit großem Eifer Pilze, die wir genau kennenlernten. Dietrich konnte außer sich vor Freude geraten, wenn er ein besonders schönes Exemplar fand.«

Ich denke an Dietrich Bonhoeffer, als ich an diesem Sonntagmorgen durch den Wald laufe. Die gleichen Wege ist er gegangen, sogar später noch, als er mit seinen Konfirmanden in Friedrichsbrunn war, den Kindern aus dem Berliner Arbeiterviertel Prenzlauer Berg. Der Brief an seine Eltern, auch im Museum veröffentlicht, lässt schmunzeln und vermuten, dass die Eltern den Besuch dieser Horde Jugendlicher nicht nur gutgeheißen hatten. So schreibt Dietrich im August 1923 an seine Eltern: »Ich bin sehr froh, dass ich mit den Konfirmanden hier sein kann; wenn auch noch nicht besonders viel Verständnis für Wald und Natur vorhanden ist, so begeistern sie sich doch an Kletterpartien im Bodetal und am Fußball auf der Wiese. Ich glaube auch, dass Ihr dem Haus später diese Bewohner nicht mehr ansehen werdet. Bis auf eine zerschlagene Fensterscheibe steht alles.«

Mehr über das Bonhoeffer Haus und einen ersten Eindruck der atmosphärischen Gestaltung dort finden Sie hier: http://www.bonhoeffer-haus-friedrichsbrunn.de

Iris Macke