Eine radikale Bewegung
Autor: Friedrich Eckhardt
Illustration: Ramona Ring
Die Bibel erzählt davon, dass Jesus den Jüngern an Gründonnerstag die Füße wusch. Was macht diese Praxis so revolutionär – bis heute?
Es ist der Duft vom Lavendelöl, der mich am stärksten an jene Gründonnerstage in Graz erinnert. Lavendel, weil er beruhigt. Weil er den Raum verwandelt. Und weil er stark genug ist, um die Nervosität zu übertönen – meine eigene und die der Menschen, die zögernd vor mir stehen.
Für jede waschende Person haben wir einen Stuhl aufgestellt, und davor Schüsseln, in greifbarer Nähe Thermoskannen mit warmem Wasser und Handtücher. Mitten im öffentlichen Raum – am Südtiroler Platz nahe der Straßenbahnstation, in der Fußgängerzone und vor einem Einkaufszentrum. Unser Team besteht aus Pfarrer:innen und Ehrenamtlichen verschiedener Konfessionen: evangelisch, römisch-katholisch und altkatholisch. Vorher haben wir untereinander geübt. Gewaschen zu werden und sich waschen lassen – beides wichtige Erfahrungen.
Aber die Versuche bereiten einen nicht auf diese Intimität vor. Darauf, dass ich die Füße fremder Menschen in meine Hände nehme. Dass ich Hornhaut spüre, Narben, manchmal Zehennägel, die nicht perfekt sind. Und ja, manchmal ist da ein Moment des Zögerns in mir: Schaffe ich das?
Eine Hemm-Schwelle weicht
Doch genau in diesem Moment geschieht etwas Merkwürdiges. Die Hemm-Schwelle, die unsere Kultur so sorgfältig pflegt, verschwindet. Was bleibt, ist ein Mensch. Ein verletzlicher Mensch, der mir seinen Fuß oder seine Hand anvertraut – für manche ist es leichter, sich die Hand waschen zu lassen. Für mich macht es keinen Unterschied. Ob ich einen Fuß oder eine Hand wasche: Die Distanz weicht und eine Nähe entsteht, die fast erschreckend ist in ihrer Direktheit.
Die Passanten:innen reagieren unterschiedlich. Manche gehen schnell weiter, mit abgewandtem Blick. Als hätten wir etwas angeboten, das zu intim ist für die Öffentlichkeit. Andere bleiben stehen und schauen. »Meine Füße sind nicht schön genug«, sagen sie und gehen weiter. Als müsste man Voraussetzungen erfüllen für einen Liebesdienst.
Und dann erlebe ich die Momente, die alles rechtfertigen. Eine ältere Frau setzt sich. Sie hatte gefragt: »Wirklich? Sie machen das?« Ihre Stimme hatte leicht gezittert. Als ich ihre Füße ins warme Wasser tauche, blicke ich in ihre Augen. Sie schließt sie, und ich sehe, wie berührt sie ist. Später erzählt sie mir, dass ihr Mann im Pflegeheim liegt. Dass niemand sie mehr berührt. »Ich hatte vergessen, wie sich das anfühlt«, sagt sie, »dass jemand für mich da ist.«
Was Jesus tat, war ein Skandal
Im katholischen geprägten Umfeld erkennen einige sofort das Ritual, nicken wissend. Andere sind irritiert, dass wir es aus dem geschützten Kirchenraum und der Liturgie herausgeholt haben, hinein ins Treiben der Stadt. »Das gehört doch in die Kirche«, höre ich. Als ob das Heilige Mauern bräuchte, um heilig zu bleiben.
Was Jesus am Abend vor seinem Tod getan hat, war ein Skandal. Der Lehrer wäscht die Füße seiner Schüler. Der Herr kniet vor den Dienern. Diese Umkehrung aller Hierarchien verstört uns bis heute. Denn wenn Jesus, der Christus, sich so tief hinabbeugt, was sagt das über Macht? Über Würde? Über den Weg nach oben?
Die Fußwaschung ist kein Wellness-Ritual. Sie ist kein Akt der Hygiene. Sie ist Hingabe. Vollständige, bedingungslose Hingabe. Und genau das macht sie zu einem Mysterium, das uns im Innersten berührt. Hingabe heißt: Ich gebe mich preis. Ich werde verletzlich. Ich nehme die unterste Position ein – freiwillig.
In unserer Leistungsgesellschaft, in der wir uns ständig nach oben arbeiten, größer, besser, erfolgreicher werden wollen, ist diese Bewegung nach unten radikal. Sie stellt alles in Frage. Sie fragt: Was, wenn wahre Größe darin besteht, klein zu werden? Was, wenn Liebe bedeutet, dem anderen zu dienen, ohne Gegenleistung?
Wir berühren Themen, die wir sonst vermeiden
Bei der Fußwaschung berühren wir – wörtlich und im übertragenen Sinn – Themen, die wir sonst vermeiden. Schamspielt eine große Rolle: Viele Menschen schämen sich für ihre Füße, für ihre Bedürftigkeit, dafür, dass sie Zuwendung brauchen. Ein junger Mann zögert, er möchte etwas zahlen. Es braucht Überzeugung, bis er versteht, dass diese Art von Fußwaschung keine Gegenleistung verlangt. Und dann ist da das Thema Berührung: Wir leben in einer Gesellschaft, in der Berührung selten geworden ist. Entweder ist sie sexualisiert oder professionalisiert – ist Intimität oder Dienstleistung. Die Fußwaschung ist etwas Drittes, reine Zuwendung. Genau das irritiert und heilt zugleich. Und es geht um Vertrauen: Wer sich von einem Fremden die Füße waschen lässt, vertraut darauf, dass diese Geste gut gemeint ist. Dass keine Manipulation dahintersteckt.
Nach den Fußwaschungen 2023 und 2024 in Graz bleibe ich mit Fragen zurück. Warum berührt uns diese einfache Handlung so tief? Vielleicht, weil sie daran erinnert, was wir vergessen haben: Dass wir einander brauchen. Dass Größe in der Demut liegt. Dass Liebe konkret wird in der Berührung, im Sich-Hinknien, im Dienen. Die Fußwaschung ist ein Gegenentwurf zu einer Welt, in der jeder für sich kämpft. In der Schwäche versteckt werden muss. In der Dienen als Niederlage gilt. Sie sagt: Es gibt einen anderen Weg. Einen Weg, der in der Hingabe Erfüllung findet.
Begreife ich, was Liebe bedeutet?
Wenn ich heute Lavendel rieche, denke ich an die Augen der Menschen. Und ich denke an die Frage, die Jesus seinen Jüngern stellte: »Begreift ihr, was ich an euch getan habe?« Vielleicht ist das die Frage, die wir uns alle stellen sollten. Nicht nur am Gründonnerstag. Sondern jeden Tag, wenn wir anderen begegnen: Begreife ich, was Liebe bedeutet? Bin ich bereit, mich hinzuknien?
Die Fußwaschung lädt uns ein, das Leben vom Boden her zu denken. Von unten, wo die Füße sind, die uns tragen. Von dort, wo wir verletzlich sind. Und vielleicht ist genau das die Botschaft von Gründonnerstag: dass Gott uns dort begegnet, wo wir meinen, am weitesten von ihm entfernt zu sein. In unserer Bedürftigkeit. In unserer Unvollkommenheit. In unseren müden, staubigen Füßen, die jemand in die Hand nimmt und liebevoll wäscht.
Friedrich Eckhardt ist seit 2018 evangelischer Pfarrer in Graz. Er freut sich auf das Tischabendmal an Gründonnerstag, bei der die Menschen in der Kirche Mitgebrachtes teilen.
Dieser Text stammt aus unserem