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Mein Sonntag

Ein verschneiter Weg vor blauem Himmel, Schneeflocken wirbeln durch die Luft.

Foto (c): läns/photocase.de

Schon am Neujahrstag kriegte mein Mann es über den Kopf: »Heute schmeiß ich all den Weihnachtskram raus«, ließ er mich wissen – und prompt flog nicht nur der Baum raus, sondern auch alle Engel, Wichtel, Sterne, Elche und Lichterketten, die uns so stimmungsvoll durch die Advents- und Weihnachtszeit begleitet hatten. Einerseits freute ich mich, dass er kräftig putzte und die Kartons mit all den Sachen auch gleich auf dem Dachboden verstaute, andererseits kam mir unser Haus nun ganz schön kahl vor. Das Ausmaß seines schnellen Entschlusses aber wurde mir erst an diesem Sonntag klar.

Als der Spielmannszug am Vormittag durch die Straßen zieht, bemerkt mein Sohn es sofort: Heute ist ein besonderer Tag – welcher könnte das sein? »Heute ist Dreikönigstag«, erkläre ich ihm. »Die heiligen drei Könige kommen heute sozusagen bei Jesus im Stall an.« Mein Sohn ist entsetzt: »Na, dann hätte Papa die Krippe ja noch gar nicht wegpacken dürfen!« Stimmt… Widerwillig holt mein Mann den entsprechenden Karton also wieder vom Dachboden – schließlich muss die Ankunft der drei Weisen aus dem Morgenland kräftig gefeiert werden. Wir stellen den Stall erneut auf und wickeln die Holzfiguren aus dem Seidenpapier, aber: keine Könige! Dann fällt es mir wieder ein: Ich habe sie beim Aufstellen der Krippe am ersten Advent irgendwo beiseitegelegt – schließlich sollten sie ja erst am 6. Januar dazustoßen. Ich beginne zu suchen, durchwühle alle Schubladen, gucke in jeden Schrank – nichts! Gegen Mittag gebe ich entnervt auf und versuche meinen Sohn zu vertrösten: »Hauptsache Jesus ist geboren. Ob die Könige nun ankommen oder nicht, ändert ja nicht sooo viel.« Keine Chance – er ist entrüstet: »Na, die sind doch wichtig, Mama!« Und auch meine Töchter kommen plötzlich aus dem Quark. »Also, ausgerechnet du solltest das doch eigentlich wissen, Mama«, meint unsere Große vorwurfsvoll. »Die sind aufgebrochen, einfach so, ins Blaue hinein – ohne genau zu wissen, was sie erwartet. In dieser Hinsicht sind die doch Vorbild für uns, dass wir was wagen sollen, wenn unser Gefühl uns sagt, das muss jetzt sein.« »Und ihre Reise war ja nun auch nicht grad ein Zuckerschlecken«, ergänzt die Mittlere. »Trotzdem haben sie sich nicht beirren lassen und durchgehalten – bis sie am Ziel waren. Das macht doch Mut, oder etwa nicht?« Selbst mein Mann fällt mir nun in den Rücken: »Predigst du nicht immer, dass wir auch die Dinge, die uns wichtig und wertvoll sind im Leben, an andere weitergeben und mit ihnen teilen sollen? Genau das machen die Drei doch: Sie bringen diesem kleinen Winzling ihre wertvollsten Schätze – und dann knien sie auch noch vor ihm nieder…«

Ich gebe mich geschlagen: »JA-JA-JA!! Ist ja schon gut, ich suche weiter!« Bis zum Abend suche ich, aber Caspar, Melchior und Balthasar bleiben verschwunden. Ich bin sicher, dass ich sie irgendwann im Laufe der kommenden Wochen in irgendeinem Schrank oder einer Schublade finden werde. Und dann kriegen sie einen Ehrenplatz auf der Fensterbank im Wohnzimmer und bleiben da – bis zum nächsten Weihnachtsfest. Denn meine Familie hat mir klar gemacht, dass es uns guttun kann, uns nicht nur am 6. Januar an die Drei zu erinnern, sondern an jedem Tag im Jahr.

Ulrike Berg