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Mein Sonntag

Günter auf dem Familienboot auf dem Meer im Sommer.

Als ich mich vergangenen Freitag in den Zug nach Siegen setzte, sah ich dem Wochenende in meiner Heimatstadt zufrieden entgegen. Ich freute mich auf meine Mutter und die stillen Momente im vertrauten Wald. Und besonders freute ich mich auf meinen Besuch bei Heike und Günter. Ich hatte auf ihre Kinder aufgepasst, seit ich elf Jahre alt war – bis zu meinem Abitur. Während die Landschaft an meinem Fenster vorbeizog, dachte ich an diese Zeit zurück. Nach der Trennung meiner Eltern war ihr Haus ein sicherer Ort für mich gewesen. Bei ihnen musste ich nicht für Harmonie sorgen oder funktionieren. Ich konnte einfach sein. Im Kamin brannte ein Feuer, ich bekam einen warmen Milchkaffee und ein warmes Wort. So war es auch an diesem Sonntag. Während wir zusammensaßen, erzählte Günter mir von seinem letzten Jahr und einem Ereignis, das sein Leben verändert hatte.

Als Jugenddiakon war er viele Jahre auf Sommerfreizeiten nach Ostfriesland gefahren. Jedes Mal kam er auf dem Weg von der Unterkunft zum Hafen an einem großen Boot vorbei, das dort im Vorgarten eines Hauses lag. Von Jahr zu Jahr verfiel es zusehends, was ihm als passioniertem Segler nicht in den Kopf gehen wollte. Doch alle Versuche, zu klingeln oder den Hausbesitzer per Brief zu erreichen, schlugen fehl. Nach vier Jahren hielt es er vor Neugier nicht mehr aus: Er nahm eine Leiter, kletterte in das Boot und schaute es sich genauer an. Im Innenraum überwältigte ihn der Geruch von abgestandener Luft und Rauch. Alles hier war schwarz und ausgebrannt. Die Restauration würde eine Menge Arbeit bedeuten und Nerven kosten. Nein, es war zu viel daran zu tun! Günter strich den Gedanken an das Boot aus seinem Kopf. Doch als er im nächsten Jahr wieder daran vorbeifuhr, sah er einen Zettel daran hängen: »Zu verkaufen!«, stand darauf.  Nach reiflicher Überlegung schrieb er dem Besitzer. »Ein Versuch ist es wert«, dachte er halbherzig bei sich. Doch: keine Antwort.

2017 brach Günter ein letztes Mal zu der Jugendfreizeit auf. Er würde in diesem Jahr pensioniert werden. Als er an dem Boot vorbeikam, erschrak er. Der Rumpf war in die Erde gesackt. Der Anblick stimmte ihn traurig. Er hatte zwar nie ein Boot besessen. Aber er würde auch bald sehr viel Zeit haben. Vielleicht könnte er es retten? Kurzerhand brachte er einen Zettel mit seiner E-Mailadresse am Bug an. Wenige Tage später bekam er eine Antwort. Der Besitzer schrieb, er sei froh, das Boot loszuwerden und überließ es ihm zu einem symbolischen Kaufpreis.

So kam das Boot 2018 nach Siegen. Ein Jahr lang restaurierte es die ganze Familie unermüdlich in ihrem Garten– bis es eines Tages wieder seetauglich war! Sie tauften es auf den Namen »Westerly«, angelehnt an ihren Familiennamen. Günter transportierte es zum Wesel-Datteln-Kanal und schipperte das neue Familienboot mit seiner Tochter über den Rhein in die Nordsee. Dort liegt es nun im Hafen von Harderwijk und mehrmals im Jahr fährt die ganze Familie auf Segeltörns.

Als ich am Sonntagabend wieder im Zug sitze, bewegt mich die Geschichte noch immer. Zugleich spüre ich eine tiefe Ruhe und Klarheit in mir, wie auf einem windstillen Meer. Günters Geschichte gibt mir Zuversicht. Sie zeigt mir, dass ich bekomme, was ich brauche und eine Leere sich füllen wird – auch wenn ich manchmal länger darauf warten muss.

Rebecca Wangemann ist Praktikantin bei Andere Zeiten.