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Mein Sonntag

Winterlinge und Märzenbecher wachsen aus dem Herbstlaub

Laetare! Freu Dich! So heißt dieser Sonntag. Aber: nach Freuen ist mir eigentlich gar nicht. Vor kurzem ist eine sehr enge Freundin gestorben. Ich bin so gar nicht in der Stimmung, mir Freude ansagen zu lassen.

Und dann ist der Sonntag da. Ich trete aus der Haustür, warme Luft empfängt mich und verschlägt mir fast die Sprache. Das fühlt sich an wie Urlaub! Das ist die erste Frühlingsluft! Plötzlich habe ich ein breites Lächeln auf dem Gesicht. Die Kinder laufen ohne Jacken. Und ich höre mich laut lachen, als sie fragen, ob sie im Garten eine Wasserschlacht machen dürfen. Gegen Mittag verirrt sich der erste Zitronenfalter auf unsere Veranda. Auf dem Weg zu einer Freundin entdecke ich Winterlinge und Märzenbecher, sie wachsen aus vergessenem Herbstlaub. Dieser Sonntag ist voller kleiner Auferstehungsmomente. Und sie tun richtig gut.

Die moderne Trauerforschung sagt: Jeder Mensch hat Selbstheilungskräfte. Sie bewirken, dass selbst in der Phase der unmittelbaren Trauer schon wieder positive Gefühle auftauchen können – ein spontanes fröhliches Lachen, der Trost einer schönen Erinnerung, einige unbeschwerte Momente. Wer in der Trauer lacht, der trauert nicht weniger. Er ist mitten in der Verarbeitung.

Trauer braucht das Lachen. Ich finde, das ist eine schöne Erkenntnis der Trauerforschung. Es tut gut, sich das bewusst zu machen: Wir Menschen brauchen die Leichtigkeit, das Unbeschwerte. Das überrascht uns manchmal ganz unerwartet. Vielleicht im Lachen mit anderen, vielleicht an einem Frühlingssonntag. Wir können uns Freude nicht ansagen lassen. Aber wir können die Augen offen halten und sie annehmen wie ein Geschenk.

Iris Macke