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Mein Sonntag

Ein Blick in die Gedenkstätte Neuengamme

(c) Mohney/KZ-Gedenkstätte Neuengamme

»Fahr erst mal lieber alleine hin«, meinte meine Frau, »dann weißt Du, ob wir das unserer Tochter zumuten können.« Mein Vorschlag, die KZ-Gedenkstätte Neuengamme bei Hamburg zu besuchen, führte zu einer familiär geteilten Sonntagsgestaltung. Ehrlich gesagt, war ich darüber auch ganz froh. Mein Hauptinteresse war ohnehin ein sehr persönliches. Einer meiner Großväter war nach dem Krieg für kurze Zeit hier interniert, bis seine »Entnazifizierung« amtlich wurde.

Die landschaftliche Idylle der Elbmarschen und die weitläufigen Grünanlagen um die erhaltenen Gebäude scheinen sich um den denkbar größten Kontrast zu den Gräueln zu bemühen, die hier zwischen 1938 und 1945 verübt wurden. Doch die Ausstellungen der Gedenkstätte mit vielen biografischen Einzelzeugnissen lassen die schreckliche Vergangenheit plastisch auferstehen. Man lernt, in welcher Reihenfolge Häftlingsgruppen hier interniert und oft zu Tode gequält wurden: erst sogenannte »Berufsverbrecher« (Kennzeichen: grüner Winkel), dann »Asoziale« (schwarzer Winkel), politische Gefangene (roter Winkel), Juden (zwei gelbe Winkel zum Davidsstern) und schließlich – entgegen der Haager Konvention – auch Kriegsgefangene.

Auf der Rückfahrt wird mir mit Blick auf die aktuelle weltpolitische Lage klar: Wenn auch nur einem Menschen die Würde genommen wird (und sei es dem Chef einer Terrororganisation), dann befindet sich das Gemeinwesen auf einer schiefen Ebene, dann gibt es bald kein Halten mehr. Deshalb sind die beiden Sätze »Die Würde des Menschen ist unantastbar« und »Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich« die für mich wichtigsten in unserem Grundgesetz. Darin erkenne ich jene »Verantwortung vor Gott und den Menschen«, von denen die Präambel spricht. Zu kompliziert für eine Neunjährige? Ich hoffe nicht.

Frank Hofmann

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