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Mein Sonntag

Ein Grabstein mit Tannengrün und Kerzen

Diesmal war alles anders: Advent, Weihnachten, der Jahreswechsel. Diesmal war alles anders, denn wir hatten ein sehr schweres Jahr 2017. Zwei liebe Menschen sind gestorben: im August meine Schwester, Ende November mein Schwager. Der Advent war von Trauer und Trauerfeier geprägt. Man funktionierte zwischen all den Tränen – und auch die Vorbereitungen auf Weihnachten wurden stoisch, fast trotzig, abgearbeitet. Wir wollten Weihnachten feiern, wie immer. Schon allein wegen der Kinder, aber auch für uns Erwachsene: Es muss ja weitergehen…

Also feierten wir. Ein bisschen stiller als sonst vielleicht, ein bisschen nachdenklicher, ein bisschen sehnsüchtiger. Und doch auch auf eine andere Art besonders feierlich – vielleicht, weil wir das Licht, das Gott an Weihnachten in die Welt bringt, besonders nötig hatten und weil wir das Geschenk, als Familie zusammen sein zu können, ganz bewusst genießen konnten. Zwei Menschen in unserer Mitte fehlten. Kerzen brannten an ihren Fotos, zwei Sterne hingen für sie im Weihnachtsbaum. In Gedanken waren sie in unserer Mitte. Momente großer Sehnsucht, aber auch großer Verbundenheit.

Dann kam das, wovor mir so sehr graute: Nachdem am Samstag, dem Dreikönigstag, die Sternsinger traditionell die Häuser gesegnet hatten, sollte am Sonntag der Baum rausfliegen – und mit ihm die gesamte Weihnachtsdekoration. Gegen Mittag lag der Baum auf der Terrasse, sonnbeschienen, und all die Kartons mit Weihnachtsschmuck und -deko verschwanden hinter der sich schließenden Bodenklappe. Das Wohnzimmer gefühlt total kahl. Und für den Nachmittag war auch noch ein Friedhofsbesuch geplant, denn die Trauerkränze, die über die Feiertage das Grab in ein Meer von Blumen getaucht hatten, waren weggeräumt worden, und wieder musste alles mit Tanne zugedeckt werden. Ernüchterung pur. Überall. Auch in mir drin.

Meine Mutter hatte die Idee, als sie den Baum da so liegen sah: »Wollen wir nicht statt der frisch gekauften Tannenzweige einfach den Baum nehmen, der uns durch das Weihnachtsfest begleitet hat, um das Grab abdecken?« Gesagt, getan: Wir trugen die Tanne zum Friedhof vor das Grab unserer beiden Lieben. Dort schnitten wir die Spitzen der Zweige ab – nicht mehr sattgrün und frisch und mit ein paar »Gebrauchsspuren«, aber voll mit all unserer stillen Freude, unseren Tränen, unserem Lachen, unseren Erinnerungen, unserer Zuversicht und Hoffnung, die der Weihnachtsbaum als stummer Begleiter in unserem Wohnzimmer über die Feiertage miterlebt hatte. All das brachten wir ihnen. Vor allem aber die Liebe, die wir an diesem Weihnachtsfest spürten. Und deckten sie damit zu.

Ulrike Berg