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Mein Sonntag

Eine Briefkastenklappe mit dem Aufkleber: Mehr liebe Worte.

Sonntagsspaziergang mit einem Brief in der Hand. Der dicke Umschlag musste unbedingt noch in den Versand: ein Geburtstagsbrief, der rechtzeitig da sein soll. Ich mache mich gern auf den Weg. Draußen grünt und blüht es. Über Nacht sind Vorgärten und Rabatten bunt geworden. Und genauso bunt ist der Postkasten, in den ich immer meine Briefe werfe. Er ist ringsherum mit Aufklebern übersät. Das ist bestimmt verboten, aber die Leute im Viertel nutzen den Postkasten auch auf diese Weise, um die Botschaften loszuwerden, die ihnen wichtig sind. »FÄLLT ENTSCHEIDUNGEN – NICHT BÄUME!«, steht da zu lesen und »Kohleausstieg jetzt«, »Nazis raus aus unserem Viertel!« und »Protestwelle«, »FCSP« für »Fan Club St. Pauli und »FCK TRMP« für …  nun ja, als kritische Äußerung über ein prominentes Staatsoberhaupt der westlichen Welt. Fast ist der Briefkasten zu einem Ort des Meinungskampfes geworden. Die Sticker erinnern mich daran, dass das  Ankleben und Aushängen von Statements im öffentlichen Raum seit Jahrhunderten gang und gäbe ist. Wahrscheinlich ist auch die Reformation durch nichts anderes als das Anschlagen eines öffentlichen Aushangs in Gang gesetzt worden – nur eben an einer Kirchentür und nicht an einem Briefkasten.

So bin ich immer gespannt, was unser Kasten im Viertel Neues zu bieten hat – auch an diesem Sonntag. Und tatsächlich prangt ein Aufkleber quer über seiner Klappe, den ich noch nicht kenne. Dieses Mal ist die Botschaft gar nicht so politisch: »Mehr liebe Worte« steht darauf. Die schlichte Message rührt mich an – an diesem Frühlingssonntag mitten in der Fastenzeit. Mehr liebe Worte geht nicht immer, aber öfter, als wir denken. Eigentlich habe ich ein anderes, traditionelles Fasten-Vorhaben: Ich versuche, keinen Tropfen Alkohol zu trinken. Aber warum soll ich für die letzten Tage nicht noch ein weiteres Vorhaben hinzufügen? Einen Versuch des Plus-Fastens! Das nehme ich mir vor: Mehr liebe Worte sagen – bis Ostersonntag und vielleicht sogar darüber hinaus.

Kai-Uwe Scholz