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Unser Blog für andere Zeiten

Liebe Leser*innen, was wir vom AZ-Team weiterhin in dieser besonderen Zeit erleben und wie wir mit ihren Anforderungen umgehen, lesen Sie in unserem Newsletter, der jeden Samstag um 18 Uhr erscheint. Sie können ihn hier abbonieren: www.anderezeiten.de/newsletter

 

#30 – Dienstag, 14. April 2020, 9:58 Uhr

Ich bin keine regelmäßige Kirchgängerin. Picke mir Gottesdienste heraus, die mir besonders erscheinen und hüpfe so von hier nach da. Aber ein Ostermorgen ohne Kirche? Das war für mich schwer vorstellbar. Dann war er da, der strahlend schöne und klare Ostermorgen. Als alle Eier gefunden und alle Spielzeuge getestet worden waren, zog ich meine Laufschuhe an. Trabte in unser nahe gelegenes Naturschutzgebiet, in dem zu dieser Zeit nur wenige unterwegs waren. Und holte mir bei Kilometer 3 die Glocken der St. Pauli-Kirche auf die Ohren.

Dort vor Ort und online bei mir: NDR-Kollege Daniel Kaiser und Pastor Sieghard Wilm. Ich gestehe – erst war es etwas befremdlich, den Ostergottesdienst im Laufen zu hören. Doch schnell hat es mich mitgerissen. Niemand singt das Halleluja so innig wie Daniel, Sieghard Wilm erzählte von seiner Osterprozession in der vergangenen Nacht. Mit einer Kerze über die Herbertstraße und gemeinsam mit dem katholischen Kollegen sei es das erste Mal gewesen, dass in Hamburg Protestanten und Katholiken zusammen Ostern feierten. Das klang gut in meinen Ohren. Dazwischen in meinem Blick: Streitende Graugänse, weite grüne Felder und Sonne durch einen dichten Blätterwald. Und hin und wieder überraschte Spaziergänger, denen ich aus meinem überlaufenden Herz »Frohe Ostern« entgegenschmetterte. Die meisten haben sich sichtbar gefreut. Wohl noch nie durfte ich die Osterfreude so direkt weitergeben. Wieder zurück im Dorf hielt ich bei unserer Kirche. Pflückte vom Kirchenzaun einen »Segen to go«. Einen biblischen Vers, laminiert und Mut machend. Etwas Handfestes zum Mitnehmen statt der üblichen Osterkerze. Und ein Satz aus dem Pauli-Gottesdienst glüht auch in mir weiter: Unser ganzes Leben ist ein Gottesdienst.

Iris Macke

Wenn Sie sich mit anderen austauschen und sich Trost und Kraft zusprechen möchten – in unserem Fastenforum www.anderezeiten.de/forum haben Sie die Möglichkeit dazu. Der Austausch geht längst über die Fastenthemen hinaus, er begleitet und stärkt viele Leser*innen. Daher haben wir das Forum in diesem Jahr so lange verlängert, bis das öffentlich Leben wieder aufgenommen wird.

#29 Ostermontag, 13. April 2020, 10:53 Uhr

Der Ostermontag ist so etwas wie der Nachglühtag des Osterfestes. In früheren Zeiten hielt dieses Nachglühen länger, bis zum Osterdienstag zum Beispiel oder gar zum Weißen Sonntag, aber irgendwann entschied man, dass so viel Osterfeierei die Leute doch zu sehr vom Arbeiten abhält. Vielleicht hat man auch einfach gemerkt, dass die Osterfreude schwer konservierbar ist.
Auch bei uns in der Familie ist Ostermontag nur noch Ostern light. Leider. Ja, es gibt noch gefärbte Eier, Kuchen- und Hefezopf-Reste, Schokoladen-Hasen dazu die Fortsetzung des Corona konformen Freizeitsprogramms, vielleicht einen gemeinsamen Film im Fernsehen oder ein Brettspiel. Aber: Der Höhepunkt war da ja schon. »Christus ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden«, das klingt gefühlt am Ostermontag um einiges weniger revolutionär als am Ostermorgen. Die Botschaft ist da meist schon kalendarisiert, abgehakt, auf Wiedervorlage fürs nächste Jahr gelegt.

Auch das Kerzenlicht, das unsere Familie in der Osternacht – ohne Kontakt zu anderen Gläubigen – aus der Kirche geholt hat, ist inzwischen erloschen. Irgendwann ist eben auch das heiligste Kerzenwachs verbraucht. (Ich war überrascht, dass das mitgebrachte Osterlicht sogar noch den ganzen Ostersonntag gebrannt hatte.)

Und jetzt? War‘s das schon mit der Osterfreude, während die Menschheit weiterhin noch Monate, vielleicht Jahre von einer heimtückischen Krankheit in Geiselhaft genommen wird? Ehrlich gesagt: Dann tausche ich lieber die Schokoladen-Osterhasen und die gefärbten Eier gegen stärkere Drogen ein. Zum Beispiel gegen die Gewissheit, »dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.« (Römer 8, 38-39).

Denn Nachglühen ist zwar gut, aber Weiterglühen ist besser.

Axel Reimann

 

#28 – Karfreitag, 10. April 2020, 10:05 Uhr

1998 war der Karfreitag auch ein 10. April. Ich weiß das so genau, weil ich am 10. April Geburtstag habe. Und weil ich meinen Geburtstag sehr gern feiere. Aber eine Party am Karfreitag? Geht natürlich gar nicht! 1998 habe ich ein etwas verschämtes Sit-in mit Freunden am Abend gemacht. Natürlich ohne Tanzen. Ich finde die Ruhe am Karfreitag wichtig. Das Aufmerken: Heute ist ein besonderer Tag, ein Tag des Innehaltens, der Stille. Karfreitag heißt Stopp!

Leider bestimmt »Stopp« seit vier Wochen unser Leben. Und es ist der wohl erste Karfreitag, an dem ich mich nicht vorbehaltlos darüber freue, dass die Karussells auf dem Hamburger DOM am Boden bleiben. In diesem Jahr sind sie noch nicht einmal aufgebaut.
Festtag und Trauertag. Geht das zusammen? Muss ja. Das Kirchenjahr kennt kein Kalenderjahr kennt kein Virus. Und vielleicht ist es gerade diese Gleichzeitigkeit, die unsere Aufgabe ist und die unser Leben so besonders macht. Wir sind noch immer in die Freiheit der Entscheidung gestellt, wie wir unsere Lebenszeit gestalten. Natürlich – unter Einbeziehung der äußeren Umstände. Aber die spielen doch sowieso immer eine Rolle. Nicht nur zu Corona-Zeiten. Am Karfreitag. Und meinem Geburtstag.

Iris Macke

PS: Dank an meine Schwiegermutter Gabi für die tolle Torte, die sie mir mit Sicherheitsabstand hat zukommen lassen!

 

#27 – Donnerstag, 9. April 2020, 11:28 Uhr

Heute wäre es endlich soweit gewesen – mein Mann und ich wären zu einer lange geplanten Reise nach Panama und Costa Rica aufgebrochen. Wir reisen gern und regelmäßig. Erwandern uns die Natur und entdecken die Städte ferner Länder. Besonders lieben wir aber den Austausch mit Menschen, die das fremde Land ihr Zuhause nennen. Wir finden, Gott hat die Erde und die Menschen darin ganz wunderbar gemacht! Trotzdem ist Reisen für uns nicht selbstverständlich, wegen der Umweltbelastung durchs Fliegen und der gesundheitlichen Risiken. Doch die CO2-Kompensation war bezahlt und der Impfpass gecheckt.

Bereits im Februar war zu erahnen, dass wegen Corona aus unserem Abenteuer vielleicht nichts werden würde. Unsere Reiselust war plötzlich kein schönes Thema mehr für uns. Immer beklemmender wurde der Gedanke an einen Aufbruch unter diesen Bedingungen: angesichts des Leids der bereits an Covid-19 Erkrankten und auch wegen Prognosen zur Ausbreitung des Virus. Wir atmeten tatsächlich erleichtert auf, als schließlich auch die mittelamerikanischen Länder die Einreise verboten hatten und wir (endlich) unseren Reiseanbieter wegen der Stornierung unserer schon komplett bezahlten Reise kontaktieren konnten. Die Entscheidung war gefallen. Wir fühlten uns besser. Ich mochte mein Zuhause schon immer, trotz Fernweh. Nun mag ich es besonders. Es fühlt sich sicher an. In den kommenden drei Wochen werden wir vielleicht die Landkarte immer mal wieder zur Hand nehmen. Wir werden schauen, an welchem Ort wir gerade gewesen wären auf unserer Route. Möglicherweise lesen wir dann etwas über den Vulkan, den wir erklimmen wollten, die Kaffeefarm, die wir besichtigen wollten oder über das Leben der Faultiere.

Es wird eine Reise in Gedanken sein. Und das ist völlig in Ordnung.

Susanne Abraham leitet das Telefonteam von Andere Zeiten

#26 – Mittwoch, 8. April 2020, 10:00 Uhr

In unserem Fastenforum hatten sich Leser*innen über die »offenen Bücherschränke« in ihren Nachbarschaften ausgetauscht, wo man jetzt an neuen Lesestoff kommt. Die Schränke sind für alle zugänglich und funktionieren nach einem simplen Tauschprinzip: Man nimmt sich ein Buch und stellt ein anderes hinein. Eine super Sache, finde ich. Um in meiner Nachbarschaft eine kleine Gemeinschaftsaktion zu starten, wählte ich vier Bücher aus, auf die ich in meinem Bücherregal verzichten konnte. Eines davon, »Sungs Laden«, hatte ich gerade erst gelesen und gemocht. Die anderen drei klangen vielversprechend, standen aber seit Jahren ungelesen im Regal. Vielleicht würde sich jemand anders darüber freuen, dachte ich, schnappte mir einen hübschen Schuhkarton und schrieb ein Schild: »Büchertauschbox – Nehmen und Geben«. Die Box hätte die Nachbarn neugierig machen und verbinden sollen und sie hätte uns nebenbei auch noch etwas über die Lesevorlieben in der Nachbarschaft verraten. Welches meiner Bücher wäre zuerst eingetauscht worden? Wären nach einer Woche nur noch Fantasybücher in der Box gewesen? Oder Ratgeber für Balkonbepflanzung?
Das Wetter war sonnig, sodass ich die Box gut sichtbar auf einem Grünstreifen platzierte. Dort störte sie nicht und viele Spaziergänger und Anwohner würden sie sehen. Abends war die Box weg. Ich suchte auch in den Seitenstraßen, aber sie war nicht mehr zu finden. Meine wohlwollendste Erklärung ist, dass jemand gern alle vier Bücher lesen wollte und die Box mit nach Hause genommen hat. Vielleicht braucht meine Nachbarschaft auch noch etwas Übung für Aktionen wie diese. Und voraussichtlich habe ich noch ein bisschen Zeit, um mir weitere auszudenken. Bis ich die nächste starte, versuche ich es mit meiner Melodika und Musik vom Balkon.
Linda Giering

#25 – Dienstag, 7. April 2020, 11:55 Uhr

»15 Corona-Tote im Wolfsburger Altenheim! Wollen Sie, dass das auch hier passiert? Bleiben Sie zu Hause«. Das steht auf den Schildern vor der Senioreneinrichtung. Nein, natürlich will ich nicht, dass sich die Menschen in der Wohnanlage meiner Mutter mit dem Corona-Virus anstecken oder gar an der Erkrankung sterben. Noch deutlicher war die Pflegefachkraft am Telefon, als ich nach Besuchsmöglichkeiten frage. »Warum kapieren Sie nicht, welche Gefahr hier lauert?« Spürbar wurde, welche Angst und Befürchtungen die Pflegekräfte umtreibt – um die alten Leute und um sich selbst.

Meine Mutter war und ist nicht begeistert. Sie ist neu in der Einrichtung und muss sich in Quarantäne begeben, ihr Zimmer darf sie nicht verlassen. Sauer war sie, als ich ihr erzählte, dass ich sie nicht besuchen kann. »Ich habe kein Corona – du hast kein Corona, was soll das? Und wenn ich Corona bekomme, dann sterbe ich halt.«

Was tun oder lassen? Das schlechte Gewissen meldete sich in alle Richtungen. War und bin ich unverantwortlich? Wie kann ich verhindern, dass meine Mutter in eine Depression fällt? Mit dem Smartphone kommt sie nicht gut zu recht. Sie kann mit ihren Fingern auf den Bildschirm tippen, aber nichts passiert. Oder viel passiert, was zu großer Verwirrung oder Frustration führt. Ohne Besuche, ohne dass andere oder ich sie anrufen können: Woher sollen wir wissen, wie es ihr geht? Ich würde Handschuhe, Schutzmaske, -helm und -anzug anziehen und mich ständig testen lassen, wenn ich damit meine Mutter bei Laune halten und die Pflegekräfte entlasten oder unterstützen könnte.

Nach dem ich mich gefangen hatte, konnte ich mit der Pflegedienstleitung ausloten, was möglich ist. Betreuung durch den Pflegedienst wie Dame spielen, technische Hilfen geben – das geht. Ich kann mir die Wunschliste meiner Mutter durchgeben lassen und für sie einkaufen gehen. Ein anderes Handy besorgen ist eine wichtige Verbesserung. Freunde und Verwandte zu bitten, ihr zu schreiben und sie anzurufen, sobald das neue Telefon da ist, habe ich auf den Weg gebracht. Ein Glück für mich ist, dass ich mich mit meiner Frau beraten kann und wir gemeinsam Lösungen finden.

Gestern war ich ganz froh, weil meine Mutter und ich zusammen gelacht haben. »Wir werden das zusammen durchstehen«, hat sie am Telefon gesagt. Das Ende der Quarantäne ist abzusehen, dann darf sie wieder in den Garten. Das ist schon was! Ich hoffe sehr, dass alle Pflegerinnen und Pfleger wie auch Bewohner und Bewohnerinnen von dem Virus verschont bleiben. Das wünsche ich für alle Menschen. Ich stelle fest, wie fokussiert mein Blick ist und die schreckliche weltweite Situation sich dann in den Hintergrund schiebt.
Heute ist meine Mutter wieder genervt darüber, im Zimmer eingesperrt zu sein. Nur der Gang zur Toilette oder zur Dusche sind möglich. Ich hoffe, die Sendung »Wer weiß denn sowas?«, ein Schluck Weißwein und die hübsche neue Orchidee lassen den Tag etwas versöhnlich ausklingen.

Andreas Schimmer ist Geschäftsführer von Andere Zeiten.

#24 – Montag, 6. April 2020, 10:31 Uhr

Heute Morgen rief mich Günter Crefeld aus Hamminkeln in Nordrhein-Westfalen an. Der pensionierte Leiter einer Grundschule engagiert sich seit vielen Jahren mit rund 60 anderen Ehrenamtlichen in der Flüchtlingshilfe. Er wollten wissen, wie er Menschen in dem heillos überfüllten Flüchtlingslager Moria auf Lesbos helfen kann. Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen warnen vor einer humanitären Katastrophe und haben einen Evakuierungsplan entwickelt, stoßen bei der Politik jedoch noch auf taube Ohren. Günter Crefeld bekommt die große Not in Gesprächen mit Menschen in Flüchtlingsunterkünften vor Ort mit. Denn einige haben Verwandte, die zur Zeit auf Lesbos oder in Idlib in Nordsyrien in Lagern leben. »Die Menschen hier sind stark verunsichert und traurig«, sagt er. Per Video-Anruf versuchen er und seine Mitstreiterinnen zu trösten, so gut es geht.

Auch praktisch bieten sie Hilfen an: Eine Bekannte von Crefeld hat rares Desinfektionsmittel in einer Apotheke in der Nachbarstadt entdeckt. Das will sie kaufen, in kleinere Flaschen abfüllen und verteilen. Der Vater einer befreundeten Familie aus Aserbeidschan legt das kaputte Tablet in Crefelds Briefkasten und holt es dort nach der Reparatur wieder ab. Er braucht den Rechner für seine Online-Deutschprüfung im Juni. Ein junger Mann aus Guinea setzt seine Kochausbildung nach der Schließung des Restaurants in einem Altenheim fort. Crefeld konnte sich dafür einsetzen, dass er in eine kleinere Unterkunft umziehen kann ­– um die Gefahr einer Ansteckung mit Corona möglichst gering zu halten. Geschichten wie diese machen mir Hoffnung. Ich freue mich, wenn wir sie uns erzählen.

Sabine Henning

 

#23 – Sonntag, 5. April 2020, 11:00

In Österreich ist es bereits seit Mittwoch Pflicht, einen Mund-Nasenschutz zu tragen. Die Menschen bleiben zu Hause – und werden kreativ. Unsere Nichte aus Wien hat uns über WhatsApp mit Bildern von großartigen Kreationen versorgt: Sogar ein mit Goldpailletten besetzter Stoff wurde von ihr zu einer schicken Schutzmaske verarbeitet. Zunächst dachte ich, mit genügend Abstand zu meinen Mitmenschen werde ich gewiss auf eine Maske verzichten können. Hier haben wir ja auch noch keine Maskenpflicht. Doch nachdem sich auch bei mir Erkältungssymptome zeigten, bin ich da vorsichtiger geworden. Lieber drinnen bleiben. Die Sonne auf dem Balkon genießen ... Aber – ein Minimum an Bewegung an der frischen Luft würde mir doch sicher gerade jetzt gut tun, oder? Und eine kreative Beschäftigung lenkt ein bisschen ab von der allgegenwärtigen Informationsflut. Ohne hohe Ansprüche und mit dem, was an Material zu Hause zu finden war, nähte ich die abgebildete Maske. Und, da Gummiband nicht nur in Wien inzwischen nirgends mehr zu haben ist, bekam meine Maske ganz besondere Bänder – nämlich die vom Nikolausgeschenk aus dem Anderen Advent 2014/15. Darauf steht ein Vers aus Jesaja (43, 19): Denn siehe, ich will ein Neues schaffen. Es sprosst ja schon.


Susanne Abraham leitet das Telefonteam von Andere Zeiten.

 

#22 – Samstag, 4. April 2020, 10:48 Uhr

In der Whatsapp-Gruppe ärgert sich ein Vater darüber, dass sein Kind beim Homeschooling auch Aufgaben in Fächern wie Kunst oder Musik machen soll: »Die sollen sich jetzt besser vor allem auf die Kernfächer konzentrieren.«

Ein Freund im Home Office erzählt, wie er sich mit seinen Kollegen per Videokonferenz über Zuständigkeiten und Projekte und Umsatzprognosen für die nächsten Monate unterhält. Und danach joggen gehen muss, um den Ärger darüber loszuwerden: »Die machen sich jetzt alle total wichtig.«

Eine Facebook-Bekannte postet Kinderfotos und Selbstgekochtes – und eigene Theorien, warum das Corona-Virus eine Strafe Gottes sei: »Gott lässt nicht mit sich spaßen!«

Der US-Präsident überlässt einem Kissenhersteller bei einer Pressekonferenz des Weißen Hauses das Mikrofon, damit der dem Volk empfiehlt, in der Krise wieder häufiger die Bibel in die Hand zu nehmen.

Vier verstörende Beispiele aus der vergangenen Woche, wie Menschen in Krisen agieren. Da stellt sich schnell die Frage: Was ist wesentlich? Was ist wirklich wichtig in der Krise? Und zwar vor allem für die Menschen, die nicht »systemrelevant«, nicht für die Daseinsvorsorge unbedingt notwendig sind. Für die, die nicht Leben retten und Kranke pflegen, die nicht die öffentliche Ordnung aufrechterhalten, die nicht im Supermarkt Regale befüllen oder Busse und Lkw steuern. Also für uns andere, für die, die zuhause sein können, die eigentlich ausgebremst sein müssten. Die plötzlich dunkel ahnen, dass ihre lebenszeitfüllende Tätigkeit vielleicht gar nicht sooo wichtig ist wie die der Krankenschwester oder Supermarkt-Verkäuferin.

Es gibt ja die Vermutung (oder die Hoffnung), dass sich die Menschen in der Krise auf das Wesentliche im Leben besinnen. Ich glaube, so weit sind wir noch nicht. So weit bin ich noch nicht. Ich vermute sogar, dass man erst rückblickend »das Wesentliche« identifizieren kann. Im Moment jedenfalls sind wir alle noch viel zu sehr mit der Neuorganisation des Alltags, der Verarbeitung der Informationsflut, der Bewältigung widerstreitender Gefühle beschäftigt. Und selbstverständlich gibt es gute Gründe, warum wir auch in unseren beruflichen Tätigkeiten oder im sonstigen Tagesablauf so gut es geht Normalität simulieren. Zur Aufrechterhaltung der inneren und äußeren Ordnung. Wenn dann noch Zeit ist, wird die gefüllt mit »Beschäftigungsangeboten«. Ablenkung, Zerstreuung, Gute-Gefühle-Produktion. Es ist unser persönlicher »Horror Vacui«. Das darf auch erst mal sein, finde ich.

Vielleicht muss man aber auch gar nicht so tief schürfen, was jetzt für alle wichtig ist: Das Wesentliche in einer Krise, in der das Leben bedroht ist, ist, das Leben zu schützen. Das eigene, das von Familie und Freunden, das des Nächsten im Haus nebenan und des Nächsten im Flüchtlingslager vor unseren Grenzen (zum Beispiel so wie es meine Kollegin Sabine Henning vor einigen Tagen vorgeschlagen hat). Mit Vernunft, mit Zuversicht, mit Liebe. Von mir aus auch mit Mundschutz beim Einkaufen.

Wenn dann noch Zeit ist, kann man auch persönliche Schwerpunkte für die Krisenzeit setzen. Meine Vorschläge: In diesen Zeiten mehr Kunst und Musik im Homeschooling. Mehr Witze erzählen bei geschäftlichen Videokonferenzen. Mehr Verschwörungstheorien über Selbstgekochtes. Und mehr Kopfkissen vor den Fernseher, wenn wieder Pressekonferenzen aus dem Weißen Haus gezeigt werden. Aber das ist nur meine Meinung.

Axel Reimann

#21 – Freitag, 3. April 2020, 11:28 Uhr

Schon länger hatten wir geplant, uns am Wochenende in Lüneburg zu treffen und dort die gemeinsame Zeit zu genießen. Ich hatte eine Liste mit Aktivitäten, die wir unternehmen, und Orten, die wir besuchen wollten. Meine Kamera wollte ich mitnehmen, vielleicht sogar das Stativ. In dem hübschen kleinen Teeladen hätte ich gern meine Teevorräte aufgestockt. Auf den Blick vom Wasserturm über die roten Dächer des Städtchens hatte ich mich gefreut.

Zwar ist schon länger klar, dass Reisen nicht angesagt ist. Doch heute macht es mich besonders wehmütig. Da uns knapp drei Stunden Bahnfahrt trennen und wir beide kein Auto haben, haben mein Freund und ich uns mittlerweile vier Wochen nicht gesehen. Im Moment ist nicht absehbar, wann das guten Gewissens wieder geht. Das ist frustrierend, denn ich freue mich immer schon lange im Voraus auf unsere Wochenendbesuche. Wir wollen aber auch beide vernünftig und verantwortungsvoll mit der Situation umgehen und das beinhaltet gerade nun mal keine Bahnreisen. Stattdessen knacken wir am Telefon noch öfter als sonst die Zwei-Stunden-Marke, schreiben mehr Nachrichten oder – wie ich – eine Postkarte. Sie erzählt von Abenteuern und Freiheit, von anderen Gedanken und gemeinsamen Zeiten. Die Liebe in Zeiten von Corona.

Linda Giering

#20 – Donnerstag, 2. April 2020, 10:57 Uhr

Schlechte Laune oder anstrengendes Homeschooling … jaja, das ist unser Alltag. Aber im Ernst: Eigentlich haben wir uns doch alle ein bisschen Wohlfühl-Corona zurechtgelegt, liebe Kollegen, oder? Unsere Homeofficeplätze mit Kamin oder konzentrierte Stille in unserem sonst so lebhaften Großraumbüro, eigentlich haben wir doch noch alle irgendwo Klopapier und Familienzeit ist auch »Quality Time«.

Gestern kam es für mich anders. Gestern kam Corona ganz nah. Ein Spaziergang (das dürfen wir!) mit einer Freundin. Sie ist Seelsorgerin in einem großen Krankenhaus. Erzählt von der Patientin, die seit Wochen im Krankenhaus liegt und die sie immer besucht hat. Jetzt ist die positiv getestet. Oder der Mann, der kaum noch ansprechbar ist. Seine Frau ist in Quarantäne und darf nicht zu ihm. Eine andere Freundin arbeitet beim Gesundheitsamt und ist verzweifelt. »Wen schickst Du in Quarantäne und wen nicht? Das ist doch reine Willkür. Und hinterher sind die dann doch negativ. Holst Du dann alle Leute aus der Quarantäne wieder zurück? Da hat doch keiner mehr den Überblick.«

Und ich selbst? Habe Corona im Familienkreis. Die drei haben hohes Fieber, sind schlapp, Übelkeit, Kreislauf. Eigentlich waren wir alle ganz zuversichtlich. Das wird schon. Keine Vorerkrankung, jung und fit. Ich schreibe ihnen eine Nachricht: »Wie war Euer Tag? Hoffe Euch geht es weiterhin besser? Darf ich in meinem Blog schreiben, dass Ihr Corona habt?« Keine Antwort über Stunden. Ich gehe laufen. Auch, um sorgenvolle Gedanken loszuwerden. Ich laufe an einem glühenden Aschehaufen vorbei. Hier war schon seit langem das Holz für das Osterfeuer aufgeschichtet. Sie haben es angezündet, jetzt schon.

Iris Macke

 

#19 – Mittwoch, 1. April 2020, 10:37 Uhr

Gestern Morgen hat es gekracht. Ein nichtiger Anlass: das Geräusch meiner Schlappen. In denen mache ich Frühsport, seit das Fitnessstudio geschlossen hat. »Muss das sein«, rief meine Frau, »dieses Geschlurfe?« – »Hallo, geht's noch?« Gestern beklagte sie sich noch, dass ich sie nicht geweckt hatte – und heute nun war ich ihr zu laut! »Dir kann man auch gar nichts recht machen!« – »Und du nimmst überhaupt keine Rücksicht!« Seit einer Woche sei sie nun schon krank, würde aus Sorge, dass es der Virus sei, überhaupt nicht mehr schlafen können. »Und du tust das alles als Hypochondrie ab!


So ging das erstmal eine Zeit weiter, eskalierend, bis unsere Tochter sich beschwerte. Sie bestand auf einer Versöhnung. Ich zog meine Jacke wieder aus, wir haben dann doch gemeinsam gefrühstückt.
Die Nerven sind strapaziert. Obwohl wir zu den Privilegierten gehören, die derzeit weder Covid-19-Patienten in der Familie noch wirtschaftliche Einbußen zu beklagen haben. Aber die Sorge ist da. Jede Information über die Pandemie wirft neue Fragen auf. Statt Antworten zu finden, vergoogelt man sich bis in die Untiefen des Netzes. Die eher zur Hysterie neigenden Verwandten melden sich jetzt besonders oft. Jedes Mal mit neuen Ängsten, »Theorien« oder Schreckensszenarien. Ich frage mich, wo sind denn all die Menschen, die die gewonnene Zeit mit den Tipps nutzen, die derzeit in den sozialen Medien verbreitet werden? Wo sind nur die entschleunigten Ausmalbildmaler, Puzzleleger, Monopolyspieler, Kelleraufräumer in unserem Bekanntenkreis?
Wie sehr einem das alles auf die Nerven gehen kann, bekannte gestern auch die Autorin und Journalistin Johanna Adorján auf Instagram: »Was wurde eigentlich aus schlechter Laune? Hat die sonst noch jemand oder nur ich mitsamt komplett ablehnungsbedürftigen Hassanfällen auf NOCH etwas wahnsinnig gut Gemeintes?«
Um 21 Uhr steht unsere Straße auf den Balkonen und applaudiert. Na, die können es schon mal nicht sein.

 

Frank Hofmann

#18 – Dienstag, 31. März 2020, 10:42 Uhr

Auf den Tag genau vor neun Monaten ist mein erstes Enkelkind auf die Welt gekommen. Er entdeckt gerade das Krabbeln und nimmt seine Umwelt immer aktiver wahr. Hätte ich vor drei Wochen gewusst, dass es das letzte Mal für unbestimmte Zeit sein wird, dass ich ihn sehen und berühren kann – ich hätte dieses Gefühl bewusster und intensiver aufgenommen und gespeichert. Auch wenn man Gefühle leider nicht in Konservendosen einmachen, bei Bedarf herausnehmen und genießen kann. Aber welch ein Glück, dass es digitale Möglichkeiten gibt! So erhalte ich fast täglich Bilder und kleine Filmchen und kann mich an seinen Fortschritten erfreuen. Babybilder machen einfach glücklich! Ich hoffe von ganzen Herzen, dass wir seinen ersten Geburtstag ganz real im Familienkreise feiern können.

Angelika Gollnast arbeitet im AZ-Telefonteam

 

#17 – Montag, 30. März 2020, 10:01 Uhr

Unser Supermarkt heißt Böge. Er ist der kommunikative Dreh- und Angelpunkt unseres Dorfes. Verbunden mit Erinnerungen an lachend ausgesprochene Einladungen zum Grillen oder zum Kaffee. Und: Wollen die Kinder nicht mal wieder zusammen spielen? Das ist im Normalfall so. Zurzeit stehen zwei Sicherheitsmänner in Warnwesten vor dem Eingang. Ich darf den Laden nur mit Einkaufswagen betreten und im Eingangsbereich liegen Gummihandschuhe, stehen Desinfektionsspender. Im Kassenbereich sind rote Abstandshalter auf dem Boden und die Kassiererinnen sitzen hinter Plexiglas. Alles richtig so. Trotzdem ein mulmiges Gefühl. Aber ich gestehe: Ich gehe gerade auch freudig-aufgeregt zu Böge. Denn es ist der einzige Ort im Dorf, wo man sich zufällig trifft. Der Lehrerin unseres Sohnes gehe ich sonst gern aus dem Weg. Jetzt: ein lustiges Wedeln mit den Armen. Damit deuten wir beide an: Wir sind uns des Sicherheitsabstandes bewusst. Die ernst gemeinte Frage: Wie geht es Ihnen? Ein kurzer Austausch über die surreale Situation. Und der ehrliche  Wunsch: Bleiben Sie gesund! Jedes Treffen läuft gerade so, ob entfernte Bekannte oder gute Freunde. Mehr als diese beschränkte Kommunikation geht nicht, niemand will länger im Laden bleiben als nötig. Aber ich sehe Licht am Ende des Tunnels. Ich habe eine seriöse Nachricht, ganz fernab von Corona. Sie bringt überraschte, mitfühlende Gesichter hervor. Und ich genieße es mittlerweile, Überbringerin einer echten News  zu sein. Ich streue sie gern, denn sie lenkt im Gespräch ab von allem, was gerade so sehr unser Leben bestimmt. Ich glaube, ich gehe morgen wieder einkaufen. Einfach nur um sagen zu können: »Pass' bloß auf! Mir haben sie letzte Woche in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch mein Fahrrad aus dem Garten geklaut!«

Iris Macke

#16 – Sonntag, 29. März 2020, 12:45 Uhr

Seit 15 Jahren laufe ich morgens mehr oder weniger die gleiche Strecke. Runter zur Elbe, über den Strand zum Wanderweg und dann bis zu Hamburgs schönster Grünanlage, dem Jenischpark, und wieder zurück. Seit 15 Jahren begegnen mir dort mehr oder weniger dieselben Menschen. Einige grüße ich, andere wiederum sind in all den Jahren auch durch einen freundlichen Blick nicht zu einem angedeuteten Kopfnicken zu bewegen gewesen. Oft habe ich mich darüber geärgert, andererseits weiß ich auch, dass man beim Laufen mental der Welt abhandenkommen kann.

Seit einer guten Woche ist das anders. Wenn sich Läufer an der Elbe begegnen, weichen sie in einem großen Bogen aus. In diesen verrückten Zeiten ein Zeichen der Freundlichkeit. Dafür bedankt man sich gegenseitig. Meist nicht nur mit einem Kopfnicken, sondern mit einem Lächeln. Inzwischen sind selbst aus den radikalsten Grußverweigerern freundliche Mitmenschen geworden. Wir nehmen einander nun deutlicher wahr, erkennen uns als schützenswerte Subjekte an. Ein schönes Gefühl. Jeder neue Gruß lädt mich mehr auf als ein Like auf Instagram. Beschwingt kehre ich nach Hause zurück. Ich bin gespannt, ob das auch in entspannteren Zeiten so bleiben wird.

Frank Hofmann

 

#15 – Samstag, 28. März 2020, 10:23 Uhr

Die zweite C-Woche war wieder ein Auf und Ab der Gefühle. Sonntag: Hochstimmung. Länder und Bund beschlossen: Kein streng reglementierter Freigang! Sondern unbegrenzt draußen sein, sogar zu zweit! Luftsprünge. Am Montag dann der Dämpfer. Mein Lieblingsradiosender hatte sein Programm umgestellt. Gefühlt gibt es nur noch ein Thema. Prompt kam ich mir wieder vor wie in einem Katastrophenfilm.
Dabei, das höre ich jetzt von einigen, stehen die Strukturen langsam: Das Homeoffice läuft – mit kleinen Kindern bei vielen im Schichtsystem. Ohne Videokonferenz hätten wir unseren Kollegen Axel nie mit Heiligenschein (aka Deckenlampe) gesehen. Mein Nachrichtenkonsum zum Virus hat sich auf zweimal am Tag eingependelt. Ich brauche nicht jede kleine Regung zu registrieren.  Mir reicht zu wissen, dass wir uns vorbereiten. Auch, indem wir zuhause bleiben. »helfen vom sofa« heißt die neue Seite einer Flüchtlingshelferin, die ich Ihnen ans Herz legen möchte. Sie richtet den Blick auf die, von denen in den Medien kaum noch die Rede ist, aber die elend leiden.
Gut aufgelegt war heute Morgen die Kassiererin in meinem örtlichen Drogeriemarkt. Ich habe sie gefragt, wie es ihr geht. Sie hat sich gefreut und mir gesagt, dass der erste große Ansturm erst einmal vorbei sei. Wann wieder Klopapier reinkommt, wollte sie mir trotzdem nicht verraten.

Sabine Henning

#14 – Freitag, 27. März 2020, 9:43 Uhr

Wocheneinkauf im Lebensmittelladen bei uns im Ort. Ich habe meinem Mann einen Zettel geschrieben und er zieht tapfer los. Zugegeben: Ich bin ein wenig gespannt, was er mitbringen wird und ob wirklich alles zu kriegen ist, was ich notiert habe. Aber allzu große Sorgen mache ich mir nicht. Irgendetwas kann man ja in der Küche immer zaubern … Eine Stunde später ist er zurück. »Manches gab es nicht«, berichtet er. Nudeln zum Beispiel. Und auch in den Truhen mit den Tiefkühlprodukten herrschte gähnende Leere. »Dafür hab ich den hier gekauft.« Stolz hält er eine Art Stock hoch – mit Säckchen unten dran. »Im Discounter?«, frage ich etwas irritiert. »Ja, das war so ne Aktion. Und ich dachte: Da hat doch irgendjemand so was gesagt mit einem Apfelbaum.«  – »Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch einen Apfelbaum pflanzen.« – »Ja, genau!«

Ich gebe zu: Ich bin baff, dass mein Mann beim Anblick der Apfelbäume ausgerechnet an dieses Zitat von Martin Luther gedacht und dann zugegriffen hat. Für einen Moment sind Nudeln und Tiefkühlerbsen vergessen. Gestern hat er das Bäumchen gemeinsam mit unserem Sohn eingepflanzt. Ein schöner Moment! Da steht er nun in unserem Garten – als doppeltes Sinnbild sozusagen: als hoffnungsvolles Symbol in diesen anderen Zeiten und als Fingerzeig, dass wir irgendwann in einem späteren Herbst seine Äpfel ernten und gemeinsam essen werden.

Ulrike Berg

 

#13 – 26. März 2020, 12:08 Uhr

In dieser Woche bin ich das erste Mal nach einer einwöchigen Pause wieder mit dem Fahrrad durch die Stadt gefahren. Es tut richtig gut! Auf den leeren Straßen komme ich zügig und entspannt voran. Und der entscheidende Vorteil: Ich muss mir keine Gedanken um Mindestabstände zu meinen Mitmenschen machen! Abstand halten auf dem Rad habe ich schließlich schon in der Grundschule von einem netten Verkehrspolizisten gelernt. Das hat sich gut eingeprägt.

Davor war ich mit der S-Bahn gefahren, schließlich hatte ich unseren Familienhund Kerry im Schlepptau. Der Zweimeter-Abstand zu anderen? Kein Problem. Wir beide hatten immer einen Vierer-Sitzplatz für uns allein. Trotzdem fühlte ich mich oft gehetzt und beobachtete, wie viele Menschen an der nächsten Station einstiegen. Sonst lese ich gerne in der S-Bahn. Doch auf mein Buch konnte ich mich überhaupt nicht mehr konzentrieren. Dafür habe ich nun den Dreh raus, wie man ohne jeglichen Hautkontakt zu Türen und Sitzen mit dem öffentlichen Nahverkehr fährt.

Das sind alles Maßnahmen, mit denen ich das unangenehme S-Bahnfahren etwas besser verantworten kann. Trotzdem – ich war schon vor Corona ein Fahrradfreund, jetzt bin ich es umso mehr. Ich kann mich bewegen, ohne mich oder andere Menschen in Ansteckungsgefahr zu bringen. Kann mich sportlich betätigen und bin fix überall, wo ich hinmöchte. Allerdings bin ich mir nicht so sicher, wie sehr ich das Radeln noch lobe, wenn es mal wieder kräftig regnet …

Linda Giering

 

#12 – 25. März 2020, 14:34 Uhr

Sich wiedersehen können (so wie es meine Kollegin von ihrer Nichte Dana und deren Eltern berichtet hat), tatsächlich treffen, sich umarmen, zusammen sein – das ist kostbar geworden. Eigentlich war es immer kostbar, aber vor der Corona-Krise lebten die meisten von uns so, als ob diese Möglichkeit immer zur Verfügung steht. Ich habe vor einigen Tagen einen Brief meiner Patentante bekommen, der mir das noch mal sehr bewusst gemacht hat. Es war eine Geburtstagskarte. Glückwünsche und Grüße, vor allem Gesundheit. Nicht viel Text. Und dann war da noch dieser eine Satz, der mich sprachlos gemacht hat: »Leider können wir uns nicht mehr treffen, da dein Onkel Pflegestufe 5 ist und nur noch im Bett liegt.« Er könne auch nicht mehr sprechen.

Es ist jetzt nicht so, dass ich total überrascht war vom schlechten Gesundheitszustand meines Patenonkels. Ich wusste, dass es ihm schon lange nicht mehr gut geht. Das letzte Mal habe ich ihn bei der Beerdigung meiner Mutter gesehen, das ist schon einige Jahre her. Wir leben nicht nur geografisch sehr weit weg voneinander, unsere Lebenswelten sind auch sonst schon seit Jahrzehnten sehr unterschiedlich gewesen. Aber wenn wir uns dann mal trafen, bei Hochzeiten, Taufen oder anderen Familienfesten, haben wir uns umarmt und gelacht und auf die Schulter gehauen. Mein Onkel und meine Tante haben mir als Kind meine ersten Bücher geschenkt, mein erstes Fahrrad gekauft, meinen ersten Kinder-Sekt eingeschenkt. Ich habe bei ihnen als Kind gelegentlich Silvester gefeiert, Rommé gespielt und ihre Tischdecke ruiniert. Und seit ich eigene Kinder habe, bekommen die von ihnen Geschenke, wenn wir uns alle Jahre mal sehen. Ich würde meinen Onkel gern noch mal umarmen. Danke sagen und alles Gute für die Reise. Ihm auf die breiten Schultern klopfen.

Das wird aber nicht passieren. Es ist: zu spät. Er gehört wahrscheinlich zum gefährdetsten Teil der von Covid-19 gefährdeten Risikogruppe. Jede Infektion könnte sein Todesurteil sein. Besuche sind tabu. Und ich versuche ohnehin gerade, die eigene Lebenswelt in Corona-Zeiten stabil zu halten. Es ist nicht die Zeit, quer durch die Republik zu reisen, um warme Worte loszuwerden. Vielleicht muss das so sein, wir sind beide nicht gemacht für pathetische Abschiede. Aber ich wünschte, ich hätte mich vorher mal aufgemacht zu ihm. Vor Corona. Die Besuche, die Begegnungen, die Umarmungen, die man aufschiebt, haben ein Verfallsdatum.

Ich weiß nicht, ob ich diese Erkenntnis mitnehmen werde in die Zeit nach der Corona-Krise. Vielleicht ist das auch zu viel verlangt. Vielleicht reicht es, wenn wir uns auf der Reise unerwartet wiedersehen

Axel Reimann

 

#11 – 25. März 2020, 9:56 Uhr 

Update: Dana ist wohlbehalten zu Hause angekommen. Zwar ist der Flug von London nach Berlin gestrichen worden. Aber sie konnte mit dem Zug nach Brüssel und von da aus über Welkenrath nach Aachen. Von dort wurde sie in der Nacht von ihren Eltern abgeholt und ruht sich jetzt erst einmal aus.

Wir sind sehr dankbar!

 

#10 – 24. März 2020, 9:16 Uhr

Es war ihr erstes ganz großes Abenteuer. Monatelang hatte sie dafür gejobbt und gespart. Am 8. Oktober war sie losgeflogen: Dana, die Nichte meines Mannes. Für ein halbes Jahr wollte sie in Neuseeland bleiben, danach noch vier Wochen Australien anhängen. Ich kenne sie, seit sie vier Jahre alt ist. Jetzt ist sie 18. Die letzten Monate kamen regelmäßig Nachrichten von ihr: sie ist kreuz und quer durchs Land gereist, hat Bilder in die Familiengruppe gepostet von Orten, die fremd und aufregend klangen: »Hier am Onetangi Beach habe ich mich das erste Mal ein bisschen in Neuseeland verliebt«. Dana hat auf einer Kiwi-Farm gearbeitet, die Südinsel besucht, zu Weihnachten Fotos von Palmen geschickt und mit Napier ihre neuseeländische Lieblingsstadt entdeckt. Sogar Bungee-Jumping hat sie gemacht!

Dann kam Corona. Eine liebe Freundin lud sie ein, so schnell wie möglich von Auckland nach Melbourne zu kommen und da eine eventuelle Quarantäne auszusitzen. Bevor Dana fliegen konnte, wurde die australische Grenze geschlossen. Die organisierende Reiseagentur konnte einen Flug nach Deutschland frühestens für den 29. März buchen. Doch würde das reichen? Mitte letzter Woche lautete die Antwort einer bekannten Fluggesellschaft so: »Wir wissen nicht, ob der Flug am 29. März noch durchgeführt werden kann. Wir haben aber derzeit noch Kontingente, wenn auch ausschließlich in der Business Class. Der Flugpreis läge dann bei 5500 Euro.« Nicht nur Danas Eltern schwankten zwischen dem horrend hohen Preis und der Chance, ihre Tochter umgehend nach Hause zu holen. Gestern früh dann eine Nachricht von Dana an die Familiengruppe: »Mein Flug für den 29. wurde gestrichen. Mama und Papa haben mir jetzt so schnell es geht einen neuen Flug gebucht. Ich befinde mich am Gate in Auckland kurz vor dem Boarding. Ich fliege nach Dubai, weiter nach London und von da nach Berlin. Wenn alles gut läuft bin ich am Abend des 24. März in Hamburg. Ich habe Euch sehr lieb und freue mich auf zu Hause.« Gegen Mittag dann eine weitere Nachricht: »Bin gerade auf Bali gelandet. Mussten jetzt alle aus dem Flieger, um gleich wieder in denselben einzusteigen.« Und wir zu Hause? Hoffen und beten, dass Dana heute Abend gut und gesund nach Hause kommt. Bleib behütet, Dana

 

#9 – 23. März 2020, 10:47 Uhr

Sorry, dass ich das sagen muss: Aber ich bin nicht wirklich ein Hunde-Fan. Nicht, dass ich Hunde nicht mögen würde, aber ich käme nie auf die Idee, mir einen anzuschaffen. Das kann man ja auch mal so sagen ... Es gibt ja genug Menschen, die einen Hund in ihrer Familie haben und ihn liebevoll betreuen. Ich habe Meerschweinchen. Die liebe ich! Jedem das Seine.

Kerry, die Hündin unserer Volontärin Linda, war ja schon öfter bei uns in der Redaktion. Bisher fand ich das »ganz okay«, aber ich habe nicht weiter Notiz von ihr genommen. Jetzt, in diesen »anderen Zeiten«, hat sich das geändert: Wenn ich mit Linda gemeinsam »Stallwache« in der Redaktion habe, und sie Kerry dabeihat, dann tut mir das gut! Früher hätte ich mich geärgert, wenn sie mein Schokobrötchen von meinem Schreibtisch klaut – heute freue ich mich darüber, denn: Nach einem ersten Schreck, weil ich ja schon reingebissen hatte, muss ich unweigerlich über ihre Unbeschwertheit lächeln. Ja klar, sie hat natürlich keine Ahnung von Viren und schert sich nicht darum, ob sie sich mit irgendetwas anstecken könnte. Das erdet mich und gibt mir eine Lockerheit, wie ich sie in diesen Tagen leider viel zu selten empfinde. 

Und spätestens, wenn sie sich schwer verliebt an meinen Webpelz-Mantel schmiegt, muss ich herzhaft lachen. Linda darf ich im Moment nicht zur Begrüßung in den Arm nehmen, aber dass Kerry stundenlang mit meinem Webpelz kuschelt, ist ungefährlich – und gibt mir ein beruhigendes Gefühl von Normalität, das ich derzeit an vielen anderen Stellen so schmerzlich vermisse. Danke, Kerry!

 

 

#8 – 22. März 2020, 11.05 Uhr

Erinnern Sie sich noch an den Perspektivwechsel von Iris Macke aus dem Anderen Advent 2018/19? Unsere Leserin Karoline Hock hat ihn für unsere andere Zeit neu geschrieben. Wir sind sehr dankbar und teilen ihren Text hier mit Ihnen.

Wir wünschen Ihnen einen schönen Sonntag Laetare, ein »kleines Ostern«, mit vielen Hoffnungsschimmern.

Frühling heißt Aufbruch

Nein, die Wahrheit ist
Dass dieser Frühling nur beunruhigend und verunsichernd ist
Ich glaube nicht
Dass ich in diesen Wochen zur Ruhe kommen kann
Dass ich den Weg nach Innen finde
Dass ich mich ausrichten kann auf das, was kommt
Es ist doch so
Dass das Virus rast
Ich weigere mich zu glauben
Dass etwas Größeres in meine Welt hineinscheint
Es ist doch ganz klar
Dass Vertrauen fehlt
Ich kann unmöglich glauben
Nichts wird sich verändern
Es wäre gelogen, würde ich sagen
Miteinander schaffen wir das.

Und nun lest den Text von unten nach oben!

Karoline Hock

 

 

#7 – 21. März 2020, 11:50

Die vergangenen drei Tage war ich im Homeoffice. Bin nicht mehr meine zehn Kilometer Rad am Tag in die Redaktion und zurückgefahren, danach nicht mehr zum Sport oder zum Chor. Ich saß nicht mehr mit Freunden bis früh am Morgen in einer Bar, ging nicht mehr auf Konzerte und ins Theater. Meine lieben Menschen fehlen mir, auch die Ecken und Kanten, die Auseinandersetzungen, die Inspiration. Meine Orte fehlen mir und meine Rituale. Die Straßen sehen aus wie sonntags, nur dass nicht Sonntag ist.

Und anders als mein Kollege Axel gestern vorgeschlagen hat, kann ich nicht so schnell umschwenken und sagen, »das ist jetzt Alltag«. Ich brauche Zeit, um das alles zu verstehen. Und doch noch ein bisschen Nabelschau. Oder anders gesagt: Trauerarbeit. Denn unser Leben wird sich radikal ändern. Manchmal fühle mich orientierungslos. Und dann ziehen mich Nachrichten und Bilder nur weiter runter. Doch ich mache in diesen Tagen auch immer wieder die Erfahrung: Wenn ich meine, dass nichts mehr geht, taucht ein Gedanke auf, der mich rettet. Ich lese von einer tollen Aktion auf Facebook. Oder ein Lied, ein Text spricht zu mir. Irgendwann ist auch dieses innere Bild zu mir gekommen, das mir hilft: Ich stelle mir vor, auf einer Reise zu sein. Ich kenne dieses Land noch nicht. Es kommt mir unwirtlich vor. Alles ist anders, als ich erwartet hatte. Alle tappen mehr oder weniger im Nebel. Ich möchte erkunden, wo ich lang gehen kann. Wie ich das Gefühl von Freiheit bewahren kann, auch wenn ich nur noch selten rauskomme.

Ich werde mir ein anderes Leben aufbauen in diesem Land. Neue Wege finden, mit meinen Kollegen und Liebsten zusammen zu sein, einen neuen Rhythmus. Mich schön anziehen, auch wenn ich zum Arbeiten zuhause bleibe. Pausen machen und lecker kochen. Damit ich nicht vergesse, was mir guttut, habe ich mir eine Liste geschrieben, meinen Reiseführer. Der soll mich leiten, bis ich angekommen bin – wo auch immer das sein wird. Und wenn es mal wieder hart auf hart kommt, greife ich auf eine weitere vielfach erprobte Methode zurück – das Abhaken. Ich erinnere mich an vorletzten Freitag, als die Schulschließungen beschlossen und die Börse in den Keller gesunken war. Meine Fantasie produzierte minütlich neue Endzeitszenarien. Vor Angst konnte ich kaum atmen. Die erste Woche ist geschafft.

Sabine Henning

 

#6 – 20. März 2020, 12.28 Uhr

Es ist ja nicht so, dass ich ein Partylöwe wäre. Aber zumindest theoretisch lag mir bis vor kurzem etwas an der Möglichkeit, meinen Geburtstag, vor allem meinen runden, mit einem etwas größeren Kreis von Gästen zu feiern. Das ist aus bekannten Gründen in diesem Jahr nicht möglich. Ich feiere also im engsten Familienkreis, wie das so schön heißt. Das geht ja im Moment allen so, deshalb erwähne ich hier nur, dass ich mich schon morgens sehr über Schwarzwälder Kirschtorte, Mohnkuchen und Brownies sowie sehr liebevoll, sehr bedacht ausgewählte Geschenke gefreut habe. (Bleibt die Frage, wer all den Kuchen und die Torte essen soll, wenn auch Überraschungsgäste vernünftigerweise wegbleiben). Das Ganze wird heute also ein sehr ruhiger Geburtstag, vielleicht mit noch mehr Brettspielen, noch mehr Familiengemütlichkeit als wir ohnehin schon seit Tagen pflegen.

Das war jetzt mein Geburtstags-Report. Aber das reicht dann auch mit der Nabelschau! Denn: Wir könnten jetzt alle solche Geschichten schreiben, wie wir uns auf diese neue Welt einstellen. Auf Klopapier-Rationierung und Hygieneregeln, auf Home Office und Schulkinderbetreuung, auf Angstbewältigung und Vorsorgeüberlegungen, auf Gefühlsschwankungen und Überlebenstechniken. Und auf Feiern, die nur noch im engsten Familienkreis stattfinden. Das ist jetzt Alltag!

Ich will jetzt auch keine »Beschäftigungstipps« oder »Ablenkung« oder »Botschaften, die einen auf andere Gedanken bringen«. Wenn ich einen Geburtstagswunsch äußern darf, dann diesen: Lassen Sie uns in die Tiefe gehen, jetzt, da wir müssen und die Zeit dafür bekommen. Wir brauchen ein Ziel, ein Ziel, das wert ist, dafür zu brennen – und keine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Das wird für jeden anders aussehen. Der eine erkennt plötzlich, dass er Nachbarn hat, denen er helfen kann. Die andere findet endlich die Weltformel. Das könnte eine sehr spannende Zeit werden.

Neben meinem Schreibtisch türmt sich ein Stapel Bücher, die ich mir zur Vorbereitung auf unseren Podcast zur Auferstehung zusammengesucht hatte. Damit ich im Zweifel halbklug hätte mitreden können. Denn ich hatte, ehrlich gesagt, bei diesem Thema keine wirkliche Meinung. Die Podcast-Aufnahme ist nun erst mal verschoben. Aber irgendwie ist das Thema noch relevant, oder?

Axel Reimann

 

#5 – 19. März 2020, 13:30 Uhr

Heute wollten wir einen Podcast aufnehmen: die Redakteurin, die sich heute in die Donnerstraße geschlichen hat (siehe #4), und ich. Wir wollten sprechen über die Parallelen und Unterschiede zwischen Fastenerfahrungen und den Krisenerlebnissen, die wir derzeit alle unfreiwillig sammeln. Weltweit verzichten Menschen auf einen Großteil ihrer Gewohnheiten, lernen sich und andere neu kennen. Manche entdecken ihren Selbsterhaltungstrieb, andere ihren Gemeinschaftssinn. Wir werden alle tiefsinnige Philosophinnen, die täglich über große Lebensfragen debattieren, und gleichzeitig Experten für praktische Probleme von der Hausaufgabenbetreuung bis zum Schlauchwechsel am Fahrrad. Wir streiten uns über unsere unterschiedlichen Bewertungen – und wir sind geeint in der Hoffnung, dass diese Passionszeit bald ein Ende haben möge.

Wir hätten viel erzählen können aus unserem Alltag, von der Redaktionsarbeit, von unseren Beobachtungen in der Großstadt und auf dem Dorf. Aber dann kamen uns Zweifel, ob eine Podcast-Aufnahme wirklich so sinnvoll ist. An unseren Schreibtischen können wir Tröpfcheninfektionen gut vermeiden, aber im gemeinsamen Gespräch wäre die Gefahr zwangsläufig gewachsen. Und als dann auch noch die neu angeschafften Mikrofone streikten, die uns einen größeren Abstand zueinander erlaubt hätten, beschlossen wir: Das lassen wir mal lieber. Wir sammeln derweil Ideen für unseren nächsten Podcast. Das Thema soll sein: Auferstehung.

Frank Hofmann

 

#4 – 19. März 2020, 12:07 Uhr

Wissen Sie, was ein Coronafreund ist? Wir haben drei. Eigentlich sind sie Geschwister. Aber seit der Schulschließung und seit sie sich nicht mehr mit anderen treffen können, haben sie sich zu Coronafreunden erklärt. Das klappt mal mehr, mal weniger. Klar gibt es auch mal Zoff, wenn morgens ein Sechstklässler, ein Drittklässler und eine Erstklässlerin zusammen am Esstisch sitzen und versuchen zu lernen (wenn sie es denn versuchen wollen!) Nachmittags spielen sie, puzzlen, springen Trampolin. Endlich mal ohne Zickereien und Eifersüchteleien, denn sie wissen, dass sie derzeit aufeinander angewiesen sind.

Meine liebe Kollegin und Freundin Ulrike Berg schreibt in ihrem Blog, dass die Kinder die Leidtragenden sind. Sorry, Uli, das sehe ich anders. In unserer Familie bin gefühlt gerade ich diejenige, der Corona am meisten zu schaffen macht. Vielleicht ist das auch eine Frage des Alters der Kinder, aber ich fühle mich gehetzt. Ein Stichwort: Homeoffice. Mein Laptop macht Ping-Ping-Ping und ich weiß, das sind alles Mails, die ich mir jetzt, in meiner offiziellen Arbeitszeit, eigentlich anschauen müsste. Doch dazwischen schiebt sich die Frage, ob »Fisch« groß oder klein geschrieben wird. Und was 13 minus 6 ist. Dann ruft meine empörte Freundin an: Das Klopapier sei ihr aus dem Einkaufswagen geklaut worden. Eigentlich wollte ich auch die Zeit nutzen, um endlich mal alles im Haus zu schaffen, was bisher immer liegengeblieben ist. Und irgendwie brauche ich für mich auch immer noch Zeit um zu begreifen, was da eigentlich alles gerade passiert. Also: Ich fühle mich gestresst und habe das Gefühl, ich komme nicht vom Fleck.

Eine Nachricht auf meinem Handy hat mich dann aber doch zum Lachen gebracht. Ein Freund aus Berlin schrieb, wie es uns gehe. Und ich antwortete mit: »Chaos! Homeoffice mit Kindern klappt so gar nicht und eigentlich wollte ich das Haus endlich mal ausmisten. Ist irgendwie alles ganz schön viel.« Seine Antwort: »Teil es Dir gut ein!«

P.S. Dieser Text entstand übrigens im momentan stark dezimierten und wunderbar ruhigen Andere Zeiten-Haus, in das ich mich unter Vermeidung jeglicher Sozialkontakte geschlichen habe. Herrlich!

Iris Macke

 

 

#3 – 18. März 2020, 11:09 Uhr

Mich beschäftigen zurzeit weniger die leeren Regale oder Spielplätze. Hier bei uns auf dem Dorf in Schleswig-Holstein gibt es bisher keine Engpässe bei Brot oder anderen Lebensmitteln. Was mich mürbe macht, ist die Enge hier zuhause. Meine Kinder sind ja schon groß und normalerweise sehe ich sie seltener als mir lieb ist. Morgens sind sie in der Schule, nachmittags und am Wochenende beim Training, zu Punktspielen, in Kino, Disco, bei Freunden oder zum Shoppen. Aber seit Freitag sind wir alle fünf 24/7 zuhause.

Natürlich genieße ich manches. Zum Beispiel haben wir selten so viel gemeinsam gespielt und gekocht wie am letzten Wochenende. Aber es ist eben auch für alle belastend, dass man „nichts machen kann“. Besonders für unsere älteste Tochter. Gleich zwei Großereignisse hätte sie in dieser Woche gehabt: Morgen hätte sie ihre erste Abiprüfung geschrieben. Und übermorgen feiert sie ihren 18. Geburtstag. 18 wird sie trotzdem – aber feiern? Damit ist Essig. Die Familie habe ich für Freitagabend ausgeladen und die große Party mit ihren Freunden für Samstag ist abgesagt. Und so sitzt sie nun Tag für Tag da und versucht, sich zum Lernen zu motivieren – aber eigentlich ist ihr nur zum Heulen zumute, denn alles, was sie sich für die Abende als Belohnung für das tägliche Lernen vorgenommen hatte, bricht ihr ja ebenfalls weg. Und: Wofür soll sie eigentlich lernen? Wird es wirklich noch ein Abi geben?

Na klar: Das ist Jammern auf hohem Niveau, denn: Wir sind bis jetzt gesund. Das ist die Hauptsache! Für mich schließt sich indes ein Kreis. Ich habe das Wochenende damit verbracht, Fotos in ein Album zu kleben, das unsere Tochter zum 18. Geburtstag kriegen wird. Dabei kommen natürlich viele Erinnerungen hoch – unter anderem an die Schwangerschaft mit ihr. Damals passierte 9/11. Und ich weiß noch wie heute, wie ich da vor dem Fernseher stand: Ich hatte gerade erfahren, dass ich zum ersten Mal schwanger bin. Neben Freude schwang da natürlich auch Unsicherheit mit. Wie würde es werden, nicht mehr nur für sich, sondern auch für so einen kleinen Menschen verantwortlich zu sein? Und dann das … Kann man in so eine Welt ein Kind setzen? Ja, man konnte! Jetzt wird sie volljährig – und die Welt steht wieder Kopf. Es tut mir leid für sie. Aber ich bin zuversichtlich. So wie damals …

Ulrike Berg

 

#2 – 17. März 2020, 16:44 Uhr

Nicht nur die Supermarkt-Regale sind leer, heute waren es auch die Spielplätze. Eine weitere Situation, die sich von einem Tag auf den anderen ergeben hat. Gestern noch war ich in der Mittagspause mit meiner Hündin Kerry im Park und war erstaunt, wie viele Leute ebenfalls draußen waren. Vor der Eisdiele auf dem Weg eröffneten Eltern und Kinder schleckend die Saison. Der Spielplatz war voller schaukelnder und rutschender Kinder und auf dem Skateparcours fuhren Laufräder, Kickroller und Skateboards durcheinander. Keine Schule, gutes Wetter und die Unsicherheit gegenüber weiteren Einschränkungen in der nächsten Zeit trieben die Leute ins Freie. Nachdem Spanien am Wochenende die Ausgangssperre verhängt hat, sind bei den Menschen in Deutschland der Freiheitsdrang und das Frischluftbedürfnis wohl nochmal gestiegen. Das kann ich verstehen, ich bin derzeit auch besonders gern draußen. Die Frühlingsluft wirkt so gesund und virenfrei.

Seit heute ist die Nutzung von Kinderspielplätzen untersagt. Beim heutigen Spaziergang war der Spielplatz im Fischers Park auch tatsächlich völlig leer. Eltern mit sehr kleinen Kindern habe ich nur noch vereinzelt auf Bänken sitzen sehen, doch die etwas älteren Kinder waren einfach ein paar Meter weiter zu den Tischtennisplatten gewandert. Auf der Wiese saß eine Gruppe junger Leute beim Picknick, auf dem Sportplatz flogen Basket- und Fußbälle immer noch durcheinander.

Es ist nicht leicht, sich freiwillig von der eigenen Freiheit zu verabschieden. Gerade jetzt, wo uns klar wird, dass sie nicht selbstverständlich ist. Ich finde es gut und richtig, dass die Menschen an die frische Luft gehen und den Frühling begrüßen. Ob dicht gedrängte Schlangen bei der Eisdiele oder ein enges Picknick mit vielen Freunden gerade sein müssen, weiß ich nicht. Wir wollen schließlich alle weiterhin unser Leben genießen – aber das geht nur, wenn wir verantwortungsvoll miteinander umgehen.

Trotzdem: Der Frühling kommt. Die rosafarbenen Blüten an den kahlen Bäumen finde ich jedes Jahr wieder richtig schön und die Vögel, die sich langsam in Fahrt singen, machen mir trotz allem gute Laune. Es geht weiter, und das ist doch tröstlich.

Linda Giering

 

#1 – 17. März 2020, 12:32 Uhr

Jeden Tag eine neue Situation. Jeden Tag neue Herausforderungen. Heute begannen sie schon zum Frühstück. Mal eben schnell zum größten Supermarkt Altonas, der auf dem Weg zur Arbeit liegt, um das geliebte Sonnenblumenkernbrot zu kaufen. Doch das Regal, in dem die Pakete sonst stapelweise liegen, ist leer. Komplett geräumt. Habe ich was verpasst?

Die Frage stelle ich mir derzeit laufend, obwohl ich alle verfügbaren Nachrichten checke. Online, Radio, Fernsehen. In manchen Momenten fühle ich mich als Experte, in manchen so dumm wie ein Narr. Man ist mit den Fakten schon so beschäftigt, dass man gar nicht zum einordnenden Nachdenken kommt. Zum Beispiel darüber, ob wir jetzt alle Egoisten werden oder ob unsere Solidarität über uns hinauswächst. Ich beobachte an mir, an meinen Mitmenschen beide Tendenzen: Da wird gehamstert und gleichzeitig werden die Nachbarn in Quarantäne versorgt.

Privat und familiär haben wir bei Andere Zeiten gerade ganz unterschiedliche Herausforderungen zu bewältigen, beruflich geht es uns dagegen vergleichsweise gut. Zumindest die Redaktion kann fast ohne Einschränkungen im Homeoffice arbeiten, das Telefonteam hält in der Fischers Allee eisern die Stellung. Am meisten tun uns gerade die Absagen von Veranstaltungen leid, in deren Vorbereitung wir so viel Liebe und Mühe gesteckt haben: unser Yoga-Fastenkurs, die feierliche Missionspreis-Verleihung in Kassel, die unkonventionelle Präsentation unseres neuen anders handeln-Themenhefts »Sünde«, unsere Urlaubsgottesdienst-Sommertour …

Aber es gibt ja auch positive Nachrichten. China kehrt langsam zur Normalität zurück. Pi mal Daumen waren die uns zehn Wochen voraus. Zehn Wochen weiter – und es ist Ende Mai. Dann ist Pfingsten. Das Fest der Kommunikation. In diesem Jahr werden wir es hoffentlich ganz besonders dankbar feiern.

Frank Hofmann