Das Jahr neu entdecken
Wie wäre es mit einem neuen Blick auf das Jahr? Während der übliche Terminkalender im Januar beginnt, fangen wir mit dem Ersten Advent an: einer Zeit der Erwartung und der Hoffnung, die ihr Licht auf das wirft, was kommt. So erhält das Jahr einen eigenen Rhythmus, der geprägt ist von kirchlichen Festen und weltlichen Gedenktagen, von hohen und tiefen, bewegten und stillen, festlichen und melancholischen Zeiten. Wir glauben, dass es heilsam sein kann, diesen Rhythmus wahrzunehmen. Wandern Sie mit uns durch die Zeiten – die bekannten und die anderen.
Stille Zeit
Advents- und Weihnachtszeit
Fasten- und Osterzeit
Urlaubszeit
Tag der deutschen Einheit
Tag der deutschen Einheit
3. Oktober
Der Tag der deutschen Einheit ist kein kirchlicher Feiertag. Und doch hat er für viele Menschen in Ost- und Westdeutschland eine spirituelle Dimension. Denn sie haben sich für die Wiedervereinigung eingesetzt und viele Jahre gemeinsam für friedliche Veränderungen gebetet. In vielen großen und kleineren Kirchen in Ostdeutschland versammelten sich 1989 Menschen jeden Montag zu Gebeten und zogen von dort durch die Straßen. Das erforderte Mut, denn immer wieder erlitten Beteiligte Repressionen. In der alten Bundesrepublik pflegten vielen Kirchengemeinden enge Kontakte zu Partnergemeinden auf dem Gebiet der ehemaligen DDR. Familien litten unter der Trennung. Dass 50 Jahre nach der deutsch-deutschen Teilung die Mauer fallen, sich Grenzposten und Stacheldrahtzäune öffnen würden, freies Reisen uneingeschränkte Glaubensausübung möglich sein würde – die Hoffnung darauf hatten viele aufgegeben. »Wahnsinn« lautete daher das Wort der Stunde, vielleicht ein anderes Wort für Wunder.
Franziskustag
Franziskustag
4. Oktober
Jorge Mario Bergoglio hatte 2013 die Wahl: Wie wollte er als neugewählter Papst heißen? Er setzte ein unmissverständliches Zeichen – als erster Papst benannte er sich nach dem Heiligen Franziskus. Damit knüpfte er an eine Tradition an, die für Besitzlosigkeit und Zuwendung zu den Ärmsten steht.
Sein Namensgeber Franz von Assisi (1181–1226) wurde als Sohn eines reichen Kaufmanns in Umbrien, im Herzen Italiens, geboren. Er lebte in einer turbulenten Zeit mit massiven sozialen Spannungen. Nach einer Begegnung mit einem Aussätzigen wandelte Franziskus sein Leben radikal. Er entsagte dem Wohlstand und widmete sich ganz den Bedürftigen. Dabei war ihm ein Wort Jesu aus dem Markusevangelium Richtschnur: »Gehe hin, verkaufe alles, was du hast und gib’s den Armen.«
Franziskus' Leben hat bis in unsere Zeit Künstler zu Gemälden, Romanen und Filmen inspiriert. In seinem berühmten »Sonnengesang« drückte er seine Liebe zur gesamten Schöpfung aus – zu Menschen und Tieren ebenso wie zum Himmelsgestirn und dem Kräutlein am Wegesrand. In Erinnerung an den Heiligen Franziskus öffnen sich am 4. Oktober in vielen Gemeinden die Türen für besondere Gottesdienste – wer mag, darf dann seinen Hund, seine Katze oder sein Meerschweinchen mitbringen.
Erntedank
Erntedank
5. Oktober
»Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land …«: Für viele Menschen, besonders in den Städten, klingt das wie ein Bild aus alten Zeiten. Wo Äpfel und Tomaten das ganze Jahr über im Supermarkt erhältlich sind, fällt es schwer, Erntedank zu feiern.
Das war früher anders: Wenn die Ernte eingebracht war, luden die Bauern Ihre Bediensteten zu ausgelassenen Festen ein. Es gab Musik, Tanz und ein üppiges Essen. Aus Ähren wurde eine Erntekrone geflochten, ein Symbol für die Hoheit des Schöpfers, dem die Menschen alles Wachsen und Gedeihen verdankten.
Heute wird Erntedank in katholischen Gemeinden am ersten Sonntag im Oktober, in evangelischen Gemeinden am Sonntag nach Michaelis (29. September) gefeiert. Dabei geht es vor allem auch um unsere Verantwortung für die Schöpfung. Denn selbst wenn gentechnisch veränderte Lebensmittel und aufwändig bewässerte Gewächshäuser anderes glauben machen sollen: Hochwasserkatastrophen und Dürreperioden zeigen, dass der Mensch nach wie vor von ihr abhängig ist.
So wichtig die Bewahrung der Schöpfung ist, so selbstverständlich bleibt der Dank. Denn was kann man beim ersten reifen Apfel oder einem duftenden Hefekuchen anderes tun, als begeistert einzustimmen: »Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn, drum dankt ihm, dankt, drum dankt ihm, dankt und hofft auf ihn.«
Stille Zeit
Stille Zeit
6. Oktober – 30. November
Nach der Fülle des Sommers kommt der Herbst mit seiner Melancholie. Die Stille Zeit nimmt diese innere Bewegung auf. Sie spannt einen Bogen vom Erntedankfest Anfang Oktober über Allerheiligen und Allerseelen bis zum letzten Sonntag vor Advent, dem Ewigkeitssonntag beziehungsweise Christ-König-Sonntag. Die Bäume stehen kahl da, selbst die kleinsten Verästelungen sind zu sehen. Ungeschminkt ist auch der Blick auf Themen wie Vergänglichkeit, Abschied, Schuld und Vergebung. Es geht um das, was bedrängt und bedrückt. Wir gedenken der Verstorbenen. Aber die Feiertage bringen auch zu Bewusstsein, was gut und heilsam ist. Neben dem Abschied und Bitte um Vergebung geht es am Buß- und Bettag um die Sehnsucht nach einem neuen Anfang – im Bewusstsein, dass wir umkehren können. Und in der Hoffnung, dass das Licht auch durch unsere Lebensbrüche leuchtet.
Rosenkranzfest
Rosenkranzfest
7. Oktober
»Herr, lehre uns beten!« Diese Bitte geht dem biblischen Vater Unser voraus. Was Beten eigentlich ist, und wie ein Christ »richtig« betet, darüber gibt es trotzdem unzählige verschiedene Auffassungen. Als Form der Meditation erfreut sich das Rosenkranzgebet vor allem unter Katholikinnen und Katholiken großer Beliebtheit. 1571 soll es einer zahlenmäßig unterlegenen christlichen Flotte bei Lepanto zum Sieg verholfen haben. Seitdem wird am 7. Oktober der Gedenktag der seligen Jungfrau Maria vom Rosenkranz begangen, das Rosenkranzfest.
Außenstehenden mag das Rosenkranzbeten seltsam vorkommen: es wirkt wie ein »Dahinleiern« auswendig gelernter Worte, scheinbar ohne persönliche Hinwendung. Ganz im Gegenteil – genau dies wird von Betenden betont. Die meditative Aneinanderreihung vertrauter Worte ermöglicht eine tiefergehende Konzentration und Öffnung für das Zwiegespräch mit Gott. Sie hält ablenkende Gedanken fern. Und die Perlenschnur in der Hand dient als Hilfe, um ins Gebet zu finden. Die Worte sind nicht das Entscheidende. Sie sind nur das Medium, durch das der Geist sich der Transzendenz öffnen kann. Im regelmäßigen Gebet liegt Kraft – besonders, wenn Worte fehlen. Und so verbindet der Rosenkranz Menschen mit Trost, Rhythmus und Stille, besonders in schwierigen Zeiten.
Teresa von Avila
Teresa von Avila
15. Oktober
Als Kind liebte sie liebte Ritterromane. Und sie hatte eine Leidenschaft für das Schachspiel. Für die Spanier ist sie die Nationalheilige. Als Mystikerin, Ordensgründerin, Heilige, erste Kirchenlehrerin und Schriftstellerin ist über Teresa von Avila (1515-1582) schon viel geschrieben worden. Sie hat ihren Orden, den Karmel, reformiert und 17 neue Klöster gegründet. Sie veränderte das mittelalterliche Frauenbild. Bis heute finden sich Gläubige in ihren Schriften und in ihrem Denken wieder. Ihre Theologie resultierte aus einem langen Ringen: Mit Ende 30 ist Teresa oft krank. Gott scheint so weit weg. Die strengen, formalen Gebete bringen sie nicht voran. Aber sie sucht weiter und macht schließlich ihre entscheidende Erfahrung: »Gott ist in mir«. Kontemplation und Aktion bedingen einander. Praktisch und handfest lautet eine ihrer bekanntesten Weisheiten: »Tu deinem Leib etwas Gutes, damit deine Seele Lust hat, darin zu wohnen.«
Evangelist Lukas
Evangelist Lukas
18. Oktober
»Es begab sich aber zu der Zeit …« – So beginnt die Weihnachtsgeschichte des Lukas. Er ist der große Erzähler unter den Evangelisten und selbst Gegenstand vieler Erzählungen und Legenden. Aber es gibt auch gesichertes Wissen zum Evangelisten: Laut der kirchlichen Überlieferung, war Lukas ein echtes Multitalent. Neben seiner Tätigkeit als Autor praktizierte er auch als Arzt, Jurist und Maler. Zudem soll er den Apostel Paulus auf seinen Missionsreisen begleitet haben. Vor allem über diese Nähe zu Paulus wurde unter Historikern allerdings viel diskutiert. Heutige Wissenschaftler sind sich weitgehend einig, dass der Autor Lukas, der das Lukasevangelium und die Apostelgeschichte schrieb, nicht mit dem Begleiter des Paulus identisch gewesen sein kann. So sind seine Gebeine erst nach seinem Tod als Reliquien nach Europa gekommen: Teile davon befinden sich im Panteleimon-Kloster auf dem Berg Athos, im griechischen Theben, in Padua und in Prag. Auf Spurensuche nach Lukas kann man sich auch in der Kunst begeben. In der christlichen Ikonographie ist der geflügelte Stier das Attribut und der ständige Begleiter des Evangelisten. Das Tier wird mit dem opfernden Zacharias im ersten Kapitel des Lukas-Evangeliums, aber auch mit dem Opfertod Christi in Verbindung gebracht. Am Lukastag, dem 18. Oktober, pflegten Landwirte einen besonderen Brauch: Dem Vieh gaben sie geweihte Zettel mit Versen aus dem Lukasevangelium zu fressen und erhofften sich davon Schutz vor Krankheiten.
Reformationstag
Reformationstag
31. Oktober
Der Reformationstag am 31. Oktober ist in einigen Bundesländern seit 2017 (wieder) ein Feiertag – nach den Feiern in Erinnerung an den »Thesenanschlag« vor 500 Jahren. Ob 500 Jahre Reformation in erster Linie ein Anlass zum Feiern oder zum Gedenken sind, ist immer wieder umstritten. Eins ist sicher: Eine Spaltung der Kirche hatte Luther niemals im Sinn, als er seine provokanten Thesen gegen den Ablasshandel 1517 veröffentlichte. Ihm, dem jungen Mönch und Theologieprofessor, lag viel daran, Missstände in seiner Kirche aufzudecken und sie zur Rückbesinnung auf ihre Wurzeln zu bewegen. Doch seine Ideen lösten in ihrer Zeit keine konstruktive Auseinandersetzung, sondern Ablehnung, Kampfgeist und Polemik aus. Der Reformanstoß eskalierte schließlich bis hin zur Kirchenspaltung. Das Reformationsjubiläum 2017 war das erste im Zeitalter der Ökumene und so lud die Evangelische Kirche in Deutschland Katholikinnen und Katholiken ausdrücklich mit ein, 2017 ein gemeinsames Christusfest zu feiern, ein Fest der Versöhnung und der europäischen Freiheitswerte. Ein Aufruf, den Glauben immer wieder neu zu durchdenken und aktiv mitzugestalten – so kann es gehen mit dem Reformationstag für alle Konfessionen.
Allerheiligen
Allerheiligen
1. November
Weil es mehr Heilige gibt, als das Jahr Tage hat, entstand bereits um das Jahr 600 ein gemeinsamer Gedenktag: Allerheiligen. Gefeiert wird er jedes Jahr am 1. November. Ursprünglich war dieser Tag vor allem den Märtyrern gewidmet – Menschen, die wegen ihres Glaubens verfolgt und getötet wurden. Später kamen weitere Christinnen und Christen hinzu, die von der römisch-katholischen Kirche offiziell heiliggesprochen wurden – zum Beispiel Antonius von Padua, Elisabeth von Thüringen oder Franz von Assisi.
Heute sind mehrere Tausend Heilige in kirchlichen Verzeichnissen aufgeführt. Aber auch all jene, deren Namen und Lebensgeschichten nur Gott kennt, werden an diesem Tag geehrt. In vielen Gottesdiensten erklingen dabei die Zeilen eines bekannten Liedes, das auf das englische Kirchenlied For all the Saints zurückgeht:
Mit allen Heil’gen beten wir dich an. / Sie gingen auf dem Glaubensweg voran /
und ruh’n in dir, der unsern Sieg gewann. / Halleluja, Halleluja!
In der evangelischen Kirche heißt dieser Tag »Gedenktag der Heiligen«. Martin Luther lehnte die damals verbreitete Heiligenverehrung und den Umgang mit Reliquien ab, weil für ihn allein Christus der Mittler zwischen Gott und Mensch ist. Trotzdem ermutigte er dazu, sich die Heiligen als Vorbilder fürs eigene Leben zu nehmen.
Und auch heute sprechen manche von »Heiligen«, wenn sie Menschen wie Martin Luther King oder Mutter Teresa meinen – weil diese ihr Leben in besonderer Weise dem Dienst an anderen gewidmet haben und aus tiefem Glauben heraus gehandelt haben.
Allerseelen
Allerseelen
2. November
Wenn in der Abenddämmerung rote Lichter flackern und geschmückte Gräber auf den Winter vorbereitet sind, liegt eine besondere Stimmung über dem Friedhof. Anfang November gedenken katholische Christinnen und Christen in besonderer Weise ihrer Verstorbenen.
Allerseelen wird in der katholischen Kirche jedes Jahr am 2. November begangen, direkt nach Allerheiligen. Während an Allerheiligen aller Heiligen gedacht wird – auch jener, die nicht offiziell heiliggesprochen wurden –, ist Allerseelen den Verstorbenen gewidmet.
Ziel des Gedenktages ist es, durch Gebete, Fürbitten und die Feier des Abendmahls den Seelen der Verstorbenen zu helfen. Angehörige besuchen an diesem Tag oft die Gräber ihrer Verstorbenen, schmücken sie mit Blumen und Lichtern und halten kurz inne. Diese Tradition drückt nicht nur Trauer, sondern auch Verbundenheit und Hoffnung aus.
Die liturgischen Wurzeln von Allerseelen reichen bis ins 10. Jahrhundert zurück, als der französische Abt Odilo von Cluny einen besonderen Gedenktag für alle Verstorbenen in den Klöstern einführte. Dieser Brauch verbreitete sich rasch und wurde schließlich in der gesamten katholischen Kirche übernommen.
Auch außerhalb religiöser Kontexte ist Allerseelen für viele Menschen ein Anlass, sich an Verstorbene zu erinnern und ihnen im stillen Gedenken nahe zu sein. Der Tag bietet Raum für persönliche Rituale, Reflexion und das bewusste Erinnern an Vergangenes. Es ist auch ein Tag, um sich bewusst zu machen, wie eng Leben und Tod miteinander verbunden sind.
Martinstag
Martinstag
11. November
Eine brillante Militärlaufbahn lag vor ihm: 316 als Sohn eines Offiziers geboren, trat Martin mit 15 Jahren in die römische Armee ein. Sein Name war Programm – er bedeutet »dem Kriegsgott Mars zugehörig«. Eine kalte Winternacht änderte jedoch sein Leben: Vor den Stadttoren von Amiens begegnete er einem frierenden Bettler. Kurzerhand teilte Martin mit dem Schwert seinen Mantel und gab dem Bedürftigen eine Hälfte. In dieser Nacht soll Jesus im Traum zu ihm gesagt haben: »Martin, der noch nicht getauft ist, hat mich mit diesem Mantel bekleidet.«
Martin verließ die Armee, gründete ein Kloster und wurde 372 zum Bischof von Tours geweiht. Vielen Geistlichen passte er nicht ins Konzept, weil er auch als Bischof bescheiden lebte: Als Residenz wählte er eine Klosterzelle. Im Volk war er als Ratgeber und Helfer sehr beliebt, so dass bei Martins Tod viele Menschen zu seinem Begräbnis kamen. Schon bald wurde der 11. November, der Tag seiner Bestattung, ein hoher kirchlicher Feiertag. Martin war der erste Heilige, der nicht wegen eines heldenhaften Todes, sondern wegen seines vorbildlichen Lebens verehrt wurde. Der Martinstag wird heute mit ökumenischen Martinszügen, Martinsfeuern und Martinshörnchen, die an die Wohltätigkeit Martins erinnern, gefeiert.
Volkstrauertag
Volkstrauertag
16. November
Am zweiten Sonntag vor dem 1. Advent liegt der nicht kirchliche Volkstrauertag. Er wurde nach dem Ersten Weltkrieg vom »Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge« eingeführt - damals noch am zweiten Sonntag in der Fastenzeit - um der Millionen Toten des Krieges zu gedenken. 1934 wurde der Volkstrauertag vom nationalsozialistischen Regime unter dem Namen »Heldengedenktag« übernommen. Inhalt und Ausführung wurden vom »Reichspropagandaminister« vorgeschrieben und überwacht. Anfang der 50er Jahre wurde der Volkstrauertag in der damaligen Bundesrepublik erneut eingeführt.
Heute gelten Trauer und Totengedenken nicht mehr allein den getöteten Soldaten beider Weltkriege, sondern den Opfern von Gewalt und Krieg aller Völker und Zeiten. An diesem Tag organisiert der Volksbund Kundgebungen, Gedenkfeiern und Kranzniederlegungen an Mahnmalen und Gedächtnisstätten. Die Verantwortung für Frieden und Versöhnung wird auch in Gottesdiensten der Kirchen besonders betont. Sie erinnern etwa an die Bergpredigt, in der Jesus sagt: »Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: ›Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen.‹ Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen.« (Matthäus 5, 43-44)
Buß- und Bettag
Buß- und Bettag
19. November
Ein ganzes Volk geht in Sack und Asche, fastet, betet und bereut: In der Antike und im Mittelalter war das nichts Besonderes. In Notzeiten ordnete der Staat Bußtage an. Kriege, Hungersnöte oder Seuchen galten als Strafe Gottes, den man durch öffentliche Schuldbekenntnisse gnädig stimmen wollte. Besonders während des Dreißigjährigen Krieges nahmen die Bußtage rapide zu. Als es gegen Ende des 19. Jahrhunderts schließlich 47 regional unterschiedliche Bußtage gab, einigte man sich auf den heutigen Buß- und Bettag: Er wird am Mittwoch vor dem Ewigkeitssonntag begangen, dieses Jahr am 19. November.
Auch wenn er seit 1995 außer in Sachsen nicht mehr arbeitsfrei ist, bleibt er ein Tag des Innehaltens, des Gedenkens an individuelle und gesellschaftliche Irrtümer. »Wie man beten soll, das steht in der Bibel«, sagte der evangelische Theologe Karl Barth. »Was man beten soll, das steht in der Zeitung.« Deshalb stehen an diesem Tag in vielen – vor allem evangelischen – Gottesdiensten Themen wie Flüchtlingshilfe, Arbeitslosigkeit oder Klimaschutz im Mittelpunkt. Neben der Bitte um Vergebung geht es dabei immer auch um die Sehnsucht nach einem neuen Anfang und nach einer Umkehr zu Gott – denn das bedeutet das Wort »Buße«.
Christkönigssonntag
Christkönigssonntag
23. November
Fackelumzüge und Führerkult waren in der Zeit des Nationalsozialismus allgegenwärtig. Mit dem kirchengeschichtlich jungen Christkönigsfest setzte die katholische Kirche einen Kontrapunkt. In Gottesdiensten und Prozessionen demonstrierten insbesondere die katholischen Jugendverbände, dass sie nur Christus als König ihres Lebens und Hoffnungsträger für ihre Zukunft anerkannten. So wurde der 1925 erstmals gefeierte und mehrfach verlegte Festtag zum Zeichen gegen die alles beanspruchende Macht des Nationalsozialismus und gegen totalitäre Herrschaftsansprüche überhaupt. Er wird daher auch Bekenntnissonntag genannt. Seit der Liturgiereform von 1970 wird der Christkönigssonntag am letzten Sonntag des Kirchenjahrs gefeiert.
Christus ist der einzig wahre König, jetzt und in Ewigkeit: Dieses Bekenntnis steht im Zentrum des Christkönigsfestes. Es trägt auch die Erinnerung an die Passion Jesu in sich. Im leidenden Christus sehen Christen den König, der sich aufopfert, der sich selbst erniedrigt und in Liebe dient. Sie sehen Christus aber auch als den, der von Gott auferweckt und in seine Ewigkeit gerufen worden ist. Am Ende des Kirchenjahrs steht das Christ-König-Fest daher auch für das Reich Gottes, auf dessen Kommen die Christen hoffen und auf das hin sie unterwegs sind. Es ist, ähnlich wie der Ewigkeitssonntag der evangelischen Kirche, eine Erinnerung, dass im Ende ein neuer Anfang liegt und unter der Herrschaft Christi Gerechtigkeit und Friede verwirklicht werden.
Ewigkeitssonntag
Ewigkeitssonntag
23. November
Wenn im November die letzten Blätter fallen, endet das Kirchenjahr. Ein Wechsel, der für viele unbemerkt vorüber geht, weil schon lange vor dem Advent Weihnachtssterne die Dunkelheit vertreiben. Eigentlich schade, denn mehrere Gedenktage bieten Raum für Abschied und Trauer: In der katholischen Kirche wird an Allerheiligen am 1. November und Allerseelen am 2. November der Toten gedacht, in der evangelischen Kirche am Ewigkeitssonntag, dem letzten Sonntag vor dem ersten Advent. Gräber werden mit Blumen und Kerzen geschmückt, in Gottesdiensten werden die Namen derer verlesen, die in den vergangenen zwölf Monaten gestorben sind. Dabei geht es nicht um Totenkult, sondern um die Hoffnung, dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Der französische Autor Benoît Marchon hat es so ausgedrückt: »Jemand stirbt, und das ist, wie wenn eine Tür zuschlägt. Aber wenn es ein Tor wäre, dahinter andere Landschaften sich auftun?« Wie diese Landschaften aussehen, kann niemand sagen. Die Ewigkeit wird anders sein, als unsere Ordnungen und Vorstellungen es sich ausmalen. Wie sie auch aussehen mag – sicher ist, wer uns dort erwartet: Der Gott, dessen Liebe über den Tod hinausgeht. In seiner Nähe ist alles anders und gut. Auch in der katholischen Kirche wird am letzten Sonntag vor dem ersten Advent an das ewige Reich Gottes gedacht. Hier heißt das Fest Christ-König-Sonntag.
Advent
Advent
30. November – 24. Dezember
Nazareth, vor etwa 2000 Jahren: Gott kommt zur Welt. An diese besondere Ankunft erinnern sich Christinnen und Christen in der Adventszeit jedes Jahr aufs Neue: Das lateinische Wort adventus bedeutet »Ankunft«. Mit dem Advent beginnt auch das neue Kirchenjahr. Dieser erste Sonntag markiert somit nicht nur den Auftakt zur Vorbereitung auf Weihnachten, sondern auch den Neuanfang im liturgischen Kalender.
Früher war der Advent eine Zeit des Fastens, des Gebets, des Verzichts auf Feste – eine Phase innerer Einkehr. Denn Advent meint vor allem: die Ankunft Christi im eigenen Herzen. Der Dichter Angelus Silesius formulierte es eindrücklich: »Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren und nicht in dir, du bleibst verloren.«
Auch heute ist der Advent liturgisch eine Bußzeit. Und doch wird sie inzwischen von sinnlichen Symbolen geprägt, die auf das Kommen Jesu einstimmen – etwa der Adventskranz. Der Theologe und Erzieher Johann Hinrich Wichern erfand ihn 1839: In seinem Jungenheim hängte er ein Wagenrad auf, bestückt mit kleinen Kerzen für jeden Wochentag und vier größeren für die Adventssonntage. Täglich durfte eine weitere Kerze entzündet werden. Aus diesem großen Rad entwickelte sich später der uns vertraute Tannenkranz mit vier Kerzen.
Zwar überschreiten Lichterglanz und Weihnachtsdeko heute oft die Kitschgrenze – und doch erzählen sie vom Traum einer anderen Welt. Advent ist mehr als Stimmung. Das zeigen viele Adventslieder. Eines der bekanntesten, »O Heiland, reiß die Himmel auf«, entstand während des Dreißigjährigen Krieges, unter dem Eindruck von Gewalt und Hexenverfolgung. Dort heißt es: »Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt, darauf sie all ihr Hoffnung stellt? O komm, ach komm vom höchsten Saal, komm, tröst uns hier im Jammertal.«
Barbaratag
Barbaratag
4. Dezember
Ihr Leben schien vorgezeichnet: Im dritten Jahrhundert wurde Barbara als Tochter eines reichen Kaufmanns in Nikomedia geboren – einer Stadt im damaligen Römischen Reich, im Gebiet der heutigen Türkei. Wie es für wohlhabende Familien üblich war, sollte sie standesgemäß verheiratet werden. Um ihre Schönheit vor fremden Blicken zu schützen, sperrte ihr Vater sie während seiner Reisen in einen Turm. Auch versuchte er, sie vom aufkommenden Christentum fernzuhalten – vergeblich.
Barbara tauschte heimlich Briefe mit einem Schüler des christlichen Gelehrten Origenes. Verkleidet als Arzt gelang es ihm, sie zu taufen. Als ihr Vater davon erfuhr, geriet er in Wut, ließ sie schlagen und foltern. Doch Barbara blieb standhaft: Sie wollte Christin bleiben. Schließlich wurde sie vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt.
Auf dem Weg ins Gefängnis verfing sich ein dürrer Zweig in ihrem Kleid. Barbara stellte ihn in ein Trinkgefäß – und am Tag ihrer Hinrichtung erblühte er. Obwohl ihre Geschichte nur in Legenden überliefert ist, lebt die Erinnerung an diese mutige Frau bis heute fort. Ihr Name wurde zum Sinnbild: Barbara – die Fremde, die Wilde, die Andere.
Am 4. Dezember, ihrem Gedenktag, stellen viele Menschen sogenannte Barbarazweige – meist Zweige von Kirsch-, Apfel- oder Forsythienbäumen – ins Wasser. Wenn sie bis Weihnachten blühen, gilt das als gutes Zeichen für Glück, Hoffnung und neues Leben im kommenden Jahr.
Nikolaustag
Nikolaustag
6. Dezember
Er riss dem Henker das Schwert aus der Hand und rettete Todgeweihte. Goldklumpen soll er heimlich aufs Fensterbrett gelegt und so Mädchen vor der Prostitution bewahrt haben. Eine hungernde Stadt versorgte er mit Getreide, und einen ertrunkenen Jungen machte er angeblich wieder lebendig. Viele Legenden ranken sich um diesen Mann – wirklich sicher ist nur, dass Nikolaus im 4. Jahrhundert lebte und Bischof von Myra in der heutigen Türkei war. Als Sohn reicher Eltern soll er sein Erbe an die Armen verteilt haben. Weil er zu Lebzeiten so vielen half, wurde Nikolaus nach seinem Tod zum »Volksheiligen«: Seefahrer, Kaufleute, Kinder und sogar Metzger wählten ihn zu ihrem Patron.
Ab dem 10. Jahrhundert tauchte er als heimlicher Gabenbringer in rotem Bischofsmantel, mit Mitra und Hirtenstab auf, sodass bis zur Reformation der Nikolaustag und nicht das Weihnachtsfest Tag der Bescherung war. Erst Martin Luther führte wegen seiner kritischen Haltung gegenüber der Heiligenverehrung das am 24. Dezember schenkende Christkind ein. An vielen Orten werden seit dem Mittelalter »Kinderbischöfe« gewählt, die meist bis zum 28. Dezember, dem »Tag der unschuldigen Kinder«, im Amt sind. Sie gehen zu Gemeindeversammlungen und Stadtratssitzungen und verschaffen ihren Bedürfnissen Gehör.
Luciatag
Luciatag
13. Dezember
Was passiert, wenn die Tochter ewige Jungfräulichkeit gelobt, die Mutter aber schon deren Verlobung arrangiert hat? Wenn der abgewiesene Verlobte mit aller Macht verhindern will, dass die Jungfrau ihr Geld für Arme, Kranke und Verfolgte einsetzt? Die um 286 in Syrakus (Sizilien) geborene Lucia geht unbeirrt ihren christlichen Weg. Sie versorgt verfolgte Glaubensgeschwister in deren unterirdischen Verstecken mit Essen und Trinken. Um sich im Dunkeln zurechtzufinden und die Hände frei zu haben, trägt sie auf dem Kopf einen Lichterkranz. Die Versuche ihres einstigen Verlobten, sie in ein Freudenhaus zu zwingen oder gar zu töten, scheitern zunächst. Als sie schließlich erstochen wird, prophezeit sie den nahenden Frieden. Die lichtvolle Lucia wird in einer Katakombe bestattet und noch heute in Italien als Volksheilige verehrt.
Die Schweden feiern ihre Lucia auf eigene Weise. Dort erscheint das älteste Mädchen der Familie am frühen Morgen des 13. Dezember in weißem Kleid, den Kopf mit einem Kranz aus Preiselbeeren und brennenden Kerzen geschmückt. Sie weckt die Familienmitglieder und bringt ihnen Frühstück ans Bett, als singende Vorbotin des Weihnachtslichtes: »Nacht stapft mit schwerem Gang um Hof und Garten. Sonn’ bleibt jetzt aus, so lang im Schatten wir warten. Da tritt mit Lichterschein ins dunkle Haus herein. Santa Lucia, Santa Lucia.«
Heiligabend
Heiligabend
24. Dezember
Wenn Familien am 24. Dezember Weihnachtsbescherung feiern, ist das eigentlich einen Tag zu früh, denn erst der 25. ist der Tag des Christfestes. Der Heiligabend ist der letzte Tag der Adventszeit und der Gedenktag Adams und Evas. Deshalb fand im Mittelalter während der nächtlichen Gottesdienste zum Christfest vor dem Krippenspiel ein »Paradiesspiel« statt. Im Mittelpunkt stand die biblische Geschichte von Adam und Eva und dem Baum der Erkenntnis. Dafür wurde eine Tanne oder ein Buchsbaum mit Äpfeln geschmückt, später auch mit Engelshaar und vergoldeten Nüssen. Das Paradiesspiel war so etwas wie die Vorgeschichte für das Krippenspiel: Adam und Eva wollten sein wie Gott. Sie mussten den Garten Eden verlassen, somit waren die Menschen von Gott getrennt. Die Geburt Jesu hebt diese Trennung auf: Gott wird Mensch und kommt uns Menschen ganz nah. »Heut schließt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis...«, heißt es in dem Weihnachtslied »Lobt Gott, ihr Christen alle gleich«.
Das Paradiesspiel geriet in Vergessenheit, der Baum blieb. Anfangs waren manche Geistliche gar nicht begeistert davon. Ein Straßburger Pastor wetterte 1642: »Unter anderen Lappalien, mit denen man die Weihnachtszeit oft mehr als mit Gottes Wort begeht, ist auch der Weihnachtsbaum ...« Dennoch zog er in die Wohnzimmer ein, aus Äpfeln wurden meist Kugeln. In Norddeutschland gehörten sogar Adam, Eva und die Schlange noch Anfang des 20. Jahrhunderts zum traditionellen Christbaumschmuck.
Weihnachtszeit
Weihnachtszeit
25. Dezember – 6. Januar
Wenn die Geschenke ausgepackt, die Festmahlzeiten verdaut und die Familienbesuche vorüber sind, kehrt bei vielen für einige Tage Ruhe ein. Nun ist Zeit für Muße und für die Dinge, die sonst zu kurz kommen: Ausschlafen, Spazierengehen, Spiele spielen, Bücher lesen, Briefe schreiben. Wir können es uns gemütlich machen und hoffnungsfroh das neue Jahr erwarten.
Das Kirchenjahr räumt dem Weihnachtswunder mehr Zeit ein als nur die zwei Feiertage. Das hängt auch damit zusammen, dass erst mit dem Epiphaniasfest am 6. Januar, wenn die Heiligen Drei Könige das Kind erblicken, die Feier der Menschwerdung Gottes abgeschlossen ist. Die Zeit dazwischen ist die eigentliche Weihnachtszeit. Sie ist nicht zu verwechseln mit der Adventszeit, der Fasten- und Vorbereitungszeit auf Weihnachten. So werden zum Beispiel die Weihnachtsplätzchen in vielen Familien nicht vor Heiligabend gegessen und erst in der Weihnachtsfestzeit danach genascht. Zu den Geschenken kommt nun geschenkte Zeit. Da ist wunderbar: Nach einem so ergreifenden Ereignis wie Weihnachten müssen wir nicht sofort wieder zur Tagesordnung übergehen.
Weihnachten
Weihnachten
25. Dezember
Es gibt sie aus Holz und von Playmobil, ja sogar aus Weingummi. Sie wird in Liedern besungen und fehlt in keiner Kirche: Die Krippe ist zum zentralen Symbol der Weihnachtsgeschichte geworden. Dabei war den ersten Christen die Geburt Jesu noch gar nicht so wichtig. Stattdessen feierten sie am 6. Januar mit dem »Fest der Erscheinung des Herrn« die Anbetung der drei Weisen, die Taufe und das erste Auftreten Jesu. Unser Christfest entstand erst im 4. Jahrhundert, als die Römer den 25. Dezember zum Staatsfest für den »Unbesiegten Sonnengott« erhoben. Dagegen setzten die Christen die Geburt ihres Lichtes: Jesus Christus.
Wann genau Jesus geboren ist, weiß man nicht, wahrscheinlich zwischen den Jahren 7 und 4 vor unserer Zeitrechnung. Von den vier biblischen Evangelisten berichtet nur Lukas vom Säugling im nächtlichen Stall. Laut Matthäus holte Josef Maria zu sich, und sie gebar einen Sohn. Markus und Johannes erzählen weder von dessen Geburt noch seiner Kindheit. Wahrscheinlich wollte auch Lukas keinen historischen Tatsachenbericht schreiben, sondern deutlich machen: Gott schwebt nicht über den Dingen. »Sieh, der Gott, der über Völkern grollte, macht sich mild und kommt in dir zur Welt«, dichtete Rainer Maria Rilke: »Hast du ihn dir größer vorgestellt?«
Zweiter Weihnachtstag
Zweiter Weihnachtstag
26. Dezember
Der 26. Dezember ist in Deutschland der »Zweite Weihnachtstag« – ein Begriff, der vielen vertraut ist und an die festliche Stimmung des Heiligabends und der Christmette anschließt. Doch in den Kirchen steht an diesem Tag nicht mehr die Geburt Jesu im Zentrum. In evangelischen Gottesdiensten rückt die sogenannte »Fleischwerdung des Wortes« (Johannes 1,14) in den Mittelpunkt. In der katholischen Liturgie wird dieser Gedanke bereits am Vortag, am Hochfest der Geburt des Herrn, thematisiert. Der 26. Dezember hat allerdings noch eine eigene, tief verwurzelte Tradition: den Stephanustag, der heute neue Aufmerksamkeit erfährt. Der Stephanustag geht auf eine kirchliche Praxis zurück, die sich zwischen dem 5. und 7. Jahrhundert ausbreitete. Stephanus war der erste Diakon der christlichen Gemeinde – und zugleich der erste Märtyrer des Christentums. Die Apostelgeschichte schildert ihn als »Mann voll Gnade und Kraft«, der öffentlich zu seinem Glauben stand, sich vor dem Hohen Rat verantworten musste – und schließlich gesteinigt wurde. Der Titel »Erzmärtyrer« erinnert bis heute an sein herausragendes Zeugnis. In der katholischen Kirche wurde traditionell am Stephanustag für die verfolgte Kirche gebetet. Angesichts wachsender religiöser Unterdrückung weltweit gewann dieser Aspekt seit den 2000er-Jahren neue Relevanz: 2007 erklärte die Evangelische Landeskirche in Württemberg den Stephanustag offiziell zum »Gebetstag für bedrängte und verfolgte Christen«. 2012 schlossen sich auch die deutschen Bistümer der römisch-katholischen Kirche dieser Initiative an. Seither richtet sich der Blick jährlich auf eine andere Region, in der Christinnen und Christen unter Druck, Diskriminierung oder Gewalt leiden. Der Gebetstag ist dabei kein exklusives Gedenken, sondern ein exemplarisches Zeichen der Solidarität mit allen Menschen, deren Religions- und Glaubensfreiheit bedroht ist.
Raunächte
Raunächte
26. Dezember – 6. Januar
Weil der Jahresanfang in verschiedenen Gegenden ehemals unterschiedlich festgelegt war (am 25.12., 1.1. oder 6.1.), nannte man den Zeitraum vom 25. Dezember bis zum 6. Januar »Zwischen den Jahren«. In den zwölf Nächten dieser Zeit galten die Schleier zur geistigen Welt als dünn. Der Volksglaube spricht von den Raunächten (vom mittelhochdeutschen rûch »haarig«), in denen angeblich haarige Dämonen ihr Unwesen trieben, die Toten umgingen und die Götter in wilder Jagd durch die Lüfte ritten. Viele Bräuche, etwa das Räuchern von Haus und Hof oder das Befragen von Orakeln, hatten Schutzfunktion. Im christlichen Verständnis wurden die Raunächte mit der Weihnachtszeit verbunden. Sie sind eine Einladung zur Rückschau und zur stillen Vorbereitung auf das neue Jahr. Heute erleben viele Menschen sie als spirituelle Auszeit – mit Raum für Rituale, Tagebuchschreiben, Loslassen und neue Wünsche.
Evangelist Johannes
Evangelist Johannes
27. Dezember
Das Evangelium des Johannes kommt so anders daher als die drei ersten Evangelien. Mit geheimnisvollen Bildern zieht es die Lesenden und Hörenden in eine Dynamik von Licht und Dunkel, von Wundern und ungläubigem Staunen hinein. »Im Anfang war das Wort – Und das Wort ward Fleisch«. Damit legt Johannes gleich zu Beginn den Grundstein der Inkarnationstheologie, die besagt, dass Gott selbst sich im Menschen Jesus offenbart. Wie kein anderer schwinge sich Johannes mit diesen Bildern theologisch in die höchsten Höhen hinauf, meinte Kirchenvater Hieronymus – »so wie ein Adler sich zur Sonne erhebt«. In der christlichen Kunst wird die Figur des Evangelisten daher oft von einem Adler begleitet.
Leider weiß man über die historische Person des Evangelisten Johannes nur wenig. In der kirchlichen Tradition wird er mit dem Jünger, »den Jesus lieb hatte«, identifiziert – der im Evangelium aber an keiner Stelle Johannes heißt. Gemeinsam mit Petrus wird der Apostel als »Säule« der Jerusalemer Urgemeinde gesehen. Alles nicht so einfach, sagen heutige Historiker. Dass der Verfasser des Johannesevangeliums nicht nur mit dem Lieblingsjünger und dem Apostel, sondern zugleich auch mit dem Autor der Johannesbriefe und der Offenbarung identisch sein soll, ist eher das Produkt kirchlicher Traditionsbildung denn historische Tatsache.
Der Apostel Johannes soll in hohem Alter eines natürlichen Todes gestorben sein und zuletzt in Ephesus gelebt haben. Das kann wiederum auch für den Evangelisten zutreffen: Wird doch Ephesus als Wirkungsstätte seiner Schüler angenommen.
Des Evangelisten (und des Apostels) wird am 27. Dezember gedacht, in unmittelbarer Nähe des Christfestes. Eine Zeit, in der es um die Offenbarung der Liebe Gottes geht. Johannes, der Apostel, soll diese Liebe in besonderer Weise gelebt und verkündigt haben. Johannes, der Evangelist, hat sie zum Thema seines Evangeliums gemacht, und auch in den Briefen seiner Schüler steht sie im Zentrum. In Martin Luther hat das Johannesevangelium einen prominenten Fürsprecher: Er nannte es das »zarte, rechte Hauptevangelium«.
Silvester
Silvester
31. Dezember
Eigentlich gibt es keine inhaltlichen Gründe dafür, dass das alte Jahr am 31. Dezember endet. Der Termin wurde einst von Julius Caesar angestoßen, aber erst im 16. Jahrhundert von der Gregorianischen Kalenderreform festgelegt. Dann dauerte es noch einmal über 300 Jahre, bis sich der 31. Dezember einheitlich in ganz Europa durchgesetzt hatte.
Der 31. Dezember heißt seit dem 17. Jahrhundert »Silvester« und erinnert an den gleichnamigen Papst, der am 31. Dezember 335 starb. In der evangelischen Kirche spricht man auch vom »Altjahrsabend«, an dem man Jahresschluss-Gottesdienste feiert. Still und nachdenklich lassen manche das Jahr ausklingen, andere feiern mit „Heidenlärm“ und viel Alkohol, auch, um die Angst vor der eigenen Endlichkeit zu verscheuchen. In den Geschäften ruft man sich »Guten Rutsch!« oder »Hals- und Beinbruch!« zu, was man auf hebräische und jiddische Wurzeln zurückführen kann. Dort meint es »Einen guten Anfang!« und »Glück und Segen!«.
Epiphaniaszeit
Epiphaniaszeit
6. Januar – 2. Februar
Die Epiphaniaszeit liegt zwischen Epiphanias – auch Dreikönigstag oder Tag der Erscheinung des Herrn genannt – und dem Beginn der Vorfastenzeit. Wie ein Leitmotiv durchzieht das Licht als Symbol für den »erscheinenden« Christus die Wochen.
In der Epiphaniaszeit steht im Mittelpunkt, wie die Menschwerdung Gottes, die wir mit Jesu Geburt zu Weihnachten erlebt haben, sich weiter entfaltet und für uns erfahrbar wird. Auch in der katholischen Kirche, in der die Zeit nach dem Epiphanias-Fest keinen besonders geprägten Zeitraum darstellt, geht es am Dreikönigstag und den beiden Sonntagen danach um die Anbetung der Weisen, Jesu Taufe im Jordan durch Johannes und um sein erstes Zeichen, die Verwandlung von Wasser in Wein auf der Hochzeit zu Kana. Im Festkalender der evangelischen Kirche hat am jeweils letzten Sonntag nach Epiphanias die Verklärung Jesu ihren Platz (die von der katholische Kirche am 6. August gefeiert wird). In all diesem Geschehen wird Jesus als der erwartete Messias erkennbar. Den Übergang von der festlichen Epiphaniaszeit in die ernste Fastenzeit schafft dann die Vorfastenzeit, die schon auf Ostern orientiert ist.
Die Epiphaniaszeit umfasst im evangelischen Kirchenjahr gleichbleibend vier Sonntage nach Epiphanias und stets den Zeitraum vom 6. Januar (Epiphanias) bis zum 2. Februar (Mariä Lichtmess als Ende des Weihnachtfestkreises). Dies berücksichtigt den in vielen Regionen üblichen Brauch, den weihnachtlichen Schmuck bis Lichtmess zu behalten und den 40. Tag nach Weihnachten als Ende der Weihnachtszeit zu begehen. Zum zeitlichen Puffer bis Aschermittwoch schließt sich dann die zeitlich variable Vorfastenzeit an.
Epiphanias
Epiphanias
6. Januar
Der Stern hat sie nach Bethlehem geführt: Die Weisen aus dem Morgenland waren laut biblischem Bericht die ersten »Heiden«, die zum neugeborenen Jesus kamen und bezeugten: Mit diesem Kind ist Gott geboren worden. In der Überlieferung wurden drei Könige daraus, weil die Bibel von drei außergewöhnlichen Geschenken spricht: Gold für Jesus, den König – weil es als Kostbarstes auf Erden gilt; Myrrhe für den Menschen, der leiden und sterben wird – die Pflanze wurde als schmerzlinderndes Mittel und für die Einbalsamierung von Toten verwendet; Weihrauch für den Gottessohn – das duftende Harz diente schon im Alten Testament als Opfergabe.
Obwohl die Weisen nur im Evangelium des Matthäus vorkommen, wurden sie in der Volksfrömmigkeit ungemein populär. Im Mittelalter erhielten sie die Namen Caspar, Melchior und Balthasar. In der Tradition der von Haus zu Haus ziehenden und für karitative Zwecke sammelnden Sternsinger sind sie bis heute präsent. In den Weihnachtstagen sind jedes Jahr bis zu einer halben Million Kinder – als Könige verkleidet – unterwegs. »C + M + B«, kurz für »Christus mansionem benedicat« (Christus segne dieses Haus), schreiben sie mit Kreide an die Türen, dazu die aktuelle Jahreszahl. Die Buchstaben werden auch als die Initialen der drei Königsnamen gedeutet. Und der 6. Januar wurde zum Dreikönigstag. Eigentlich wird an dem Tag das »Fest der Erscheinung des Herrn« gefeiert, griechisch Epiphanias. Das heißt: In Jesus ist Gott ist den Menschen erschienen. Nicht nur den Gläubigen, sondern allen.
Pauli Bekehrung
Pauli Bekehrung
25. Januar
Vom Saulus zum Paulus werden – das Sprichwort wird gebraucht, wenn sich jemand radikal wandelt und plötzlich zu einem guten Menschen wird. Es spielt auf die Bekehrung des Paulus bei Damaskus an, wie sie in der Apostelgeschichte erzählt wird. Paulus – oder Saulus, es handelt sich schlicht um die griechische bzw. hebräische Version des Namens – soll auf dem Weg nach Damaskus eine spektakuläre Erscheinung gehabt haben. Was da vor sich gegangen sein mag? Paulus selbst berichtet nicht von einem einschneidenden Bekehrungserlebnis, und auch Lukas, der Erzähler der Apostelgeschichte, verstrickt sich in Widersprüche: nach einer Version, Apg 9, konnten die Begleiter von Paulus nichts mehr sehen, nach der anderen, Apg 22, nichts mehr hören. Was immer da passiert ist: Das Ergebnis zählt, denn das Erlebnis brachte Paulus dazu, nicht länger die Christusanhänger zu verfolgen, sondern sich selbst taufen zu lassen und zu einem der größten christlichen Missionare zu werde. Sein Gedenktag regt dazu an, die Möglichkeit zur Veränderung, selbst zur tiefgreifenden und radikalen Umkehr, zuzulassen, Gewohntes zu hinterfragen und offen zu sein für die Botschaft: »Wir müssen bereit werden, uns von Gott unterbrechen zu lassen.« (Martin Bonhoeffer)
Mariä Lichtmess
Mariä Lichtmess
2. Februar
Ein Datum – viele Namen. Der 2. Februar ist als »Mariä Lichtmess« bekannt, doch auch die Bezeichnungen »Darstellung des Herrn« und »Mariä Reinigung« sind geläufig. Nach der Geburt eines Kindes galt eine Frau nach jüdischem Gesetz als unrein und sollte daher 40. Tag nach der Geburt ein Reinigungsopfer im Tempel darbringen. Meist wurden dabei Schafe oder Tauben geopfert. Außerdem sollte während dieses Tempelbesuches der erstgeborene Sohn im Tempel an Gott übergeben werden. Diesen Ritus nannte man auch »Darstellung«. Der Erzählung im Lukasevangelium (Lukas 2, 21-40) zufolge, gingen Maria und Josef zum Tempel in Jerusalem, um diese Gesetze zu befolgen. Ein alter Mann namens Simeon lebte zu dieser Zeit in Jerusalem. Gott hatte ihm offenbart, dass er erst sterben werde, wenn er den Herrn geschaut habe. Im Tempel traf Simeon auf Maria, Josef und Jesus – und erkannte in Jesus den Herrn und »Licht der Welt«. Daher kommt der volkstümliche Name »Mariä Lichtmess«. Im evangelischen Verständnis geht mit Mariä Lichtmess die Weihnachtszeit zuende, weshalb Lichterketten und Weihnachtsdekoration oft noch bis zu diesem Datum hängen bleiben. Mariä Lichtmess steht so auch symbolisch für den Neubeginn und das wachsende Licht nach dem Winter – ein Hoffnungszeichen im Jahreslauf.
Karneval
Karneval
12. – 17. Februar
»Carne vale – Fleisch, lebe wohl!« Von diesem lateinischen, ironisch-wehmütigen Abschiedswort leitet sich der Begriff Karneval ab. Vor der Fastenzeit, in der Verzicht herrscht, wird sich mit ausgelassenem Feiern von den leiblichen Genüssen verabschiedet. Je nach Region heißt der Karneval auch Fasching oder Fastnacht.
Während der tollen Tage verkleiden sich viele mit bunten Kostümen, es werden Rollen verkehrt und Hierarchien umgestürzt. Am sogenannten Weiberfasching schneiden Frauen den Männern die Krawatten ab. Mancherorts wird der Rathausschlüssel einer »Gegenregierung« übergeben. Viele der Bräuche, die mit der Karnevalszeit verbunden sind, stammen aus vorchristlicher Zeit. Dass für die Dauer eines Festes die Rollen getauscht werden, ist übrigens schon erstmals vor 5000 Jahren in Mesopotamien belegt. Es steckt also schon immer ein Stückchen Rebellion im Karnevalstreiben: gegen die strengen Fastenregeln der Kirche, gegen weltliche und geistliche Hierarchien, gegen Tod und Vergänglichkeit.
In manchen Gegenden wird der Karneval schon am Martinstag (11. November) eröffnet, wenn vor der adventlichen Fastenzeit traditionell die »Martinsgänse« geschlachtet werden, in den meisten aber am 6. Januar, dem Dreikönigstag. Außer in calvinistisch geprägten Regionen, wie etwa Basel, endet der Karneval um Punkt Null Uhr in der Nacht zu Aschermittwoch, der die Fastenzeit einläutet.
Valentinstag
Valentinstag
14. Februar
Der 14. Februar gilt heute als Tag der Verliebten. Seinen Namen verdankt er dem heiligen Valentin, einem italienischen Bischof aus dem 3. Jahrhundert. Der Überlieferung nach traute er Paare nach christlichem Ritus – gegen den Willen des Kaisers. Dafür soll er an einem 14. Februar hingerichtet worden sein. Dass Valentin den Liebenden Blumen schenkte, ist allerdings eher Legende als belegte Tatsache.
Sicher ist jedoch: Schon im Mittelalter griff man an diesem Tag auf einen alten heidnischen Brauch zurück. Junge Männer und Frauen wurden per Los einander zugeteilt und für eine gewisse Zeit miteinander verbunden. Sie tauschten Blumen, Briefe und Gedichte aus – zum Tag, an dem, wie es hieß, „die Liebeslust in allen Geschöpfen neu erwacht“. Ein literarisches Beispiel dafür ist Geoffrey Chaucers Gedicht Parlament der Vögel, das in über hundert Strophen von den Liebeswünschen heiratswilliger Paare erzählt – vergleichbar mit dem Volkslied Die Vogelhochzeit.
Während der Valentinstag in den USA später zu einem allgemeinen »Tag der Freundschaft und familiären Zuneigung« wurde, erlebt er im deutschsprachigen Raum seit den 1950er-Jahren ein wachsendes Comeback als Tag der Liebe. Die christlichen Kirchen im deutschsprachigen Raum gestalten den Valentinstag mittlerweile häufig mit Segensfeiern für alle Liebenden.
Aschermittwoch
Aschermittwoch
18. Februar
Am Aschermittwoch ist alles vorbei – so heißt es in einem bekannten Karnevalsschlager. Zumindest trifft das auf Karneval, Fastnacht oder Fasching zu, wie die närrische Zeit je nach Region genannt wird. Denn mit der Nacht auf Aschermittwoch, Punkt Mitternacht, endet die ausgelassene Zeit und es beginnt die 40-tägige Fastenzeit vor Ostern. Diese erinnert an die 40 Tage, die Jesus betend und fastend in der Wüste verbrachte – wobei die Sonntage nicht mitgezählt werden. Dadurch fällt der Aschermittwoch stets auf den 46. Tag vor Ostersonntag – frühestens auf den 4. Februar, spätestens auf den 10. März.
Seinen Namen verdankt der Aschermittwoch einem alten christlichen Brauch. Wer heute sagt: »Asche auf mein Haupt«, gesteht symbolisch Schuld ein und drückt Reue aus. In der frühen Kirche war dies weit wörtlicher gemeint: Reumütige Sünder trugen Bußgewänder aus grobem Leinen und wurden mit Asche bestreut. Während der Fastenzeit mussten sie in »Sack und Asche« gehen – bis zur feierlichen Wiederaufnahme in die Gemeinde am Gründonnerstag.
Auch heute noch kann man dieses Zeichen der Buße empfangen: In katholischen und manchen evangelischen Gemeinden wird im Aschermittwochsgottesdienst ein Kreuz aus Asche auf die Stirn gezeichnet. Die Asche stammt meist von den Palm- oder Buchsbaumzweigen des Vorjahres, die verbrannt wurden. Dabei werden die Worte gesprochen: »Bedenke, Mensch, dass du Staub bist und zum Staub zurückkehren wirst.« Der Aschermittwoch erinnert so nicht nur an Buße und Umkehr, sondern auch an die Vergänglichkeit des Menschen.
Weltgebetstag
Weltgebetstag
6. März
»Informiert beten – betend handeln«: So lautet das Motto des Weltgebetstags, der am ersten Freitag im März eines jeden Jahres mit immer ganz unterschiedlichen Themen- und Länderschwerpunkten begangen wird. Entstanden ist er Ende des 19. Jahrhunderts aus einer von Frauen getragenen ökumenischen Basisbewegung und wird heute in mehr als 120 Ländern mit ökumenischen Gottesdiensten gefeiert.
Musik und Liturgie werden von Frauenkomitees aus jährlich wechselnden Ländern vorbereitet. So soll die religiöse, kulturelle, geschichtliche und gesellschaftliche Ausprägung des jeweiligen Schwerpunktlandes erfahrbar werden – durch Hintergrundinformationen, aber auch auf ganz sinnliche Weise: Nach den Gottesdiensten gibt es für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer landestypische Gerichte – zuletzt von den Cookinseln, aus Palästina und Taiwan.
Seit 1964 steht jeweils ein Land im Fokus des Gebets – mit seinen Menschen, seinen Problemen und seinen Anliegen. Für den Weltgebetstag am 6. März 2026 ist das Nigeria. Das Motto lautet: »Ich werde dir Ruhe geben: komm!«. Der Bibeltext dazu (Matthäus 11,26) spendet Trost und Zuversicht: »Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken.« Am Weltgebetstag wird erfahrbar, dass das Christentum eine vielfältige weltumspannende Religion ist, und dass Christinnen und Christen in aller Welt gemeinsam beten, feiern und handeln können.
Laetare
Laetare
15. März
Die Kirche in Rosa! Das gibt es nicht alle Tage. Doch am Sonntag Laetare sind der Altarbehang und der andere textile Schmuck im Kirchenraum tatsächlich rosa. Dieses Farbspiel hat seinen tieferen Sinn.
Laetare: »Freue dich!« – so ist dieser Sonntag überschrieben. Mitten in der Fastenzeit: Freue dich! Wie passt das zusammen? Der Sonntag Laetare markiert die Mitte der Passionszeit. Er ist gewissermaßen ein »Bergfest« in diesen langen sieben Wochen: Ostern ist in Sichtweite – man darf sich nun schon ein bisschen freuen auf das, was nach der Passionszeit und dem Karfreitag folgt. Darum wird das Lila als Farbe der Passionszeit durch das Weiß des Osterfests aufgehellt: Es entsteht Rosa.
Wie auch die anderen Sonntage in der Passionszeit hat der Sonntag Laetare seinen Namen vom Kehrvers des Wochenpsalms: »Freut euch mit Jerusalem! Jubelt in der Stadt, alle, die ihr sie liebt. Seid fröhlich mit ihr, alle, die ihr über sie traurig wart. Saugt euch satt an ihrer tröstenden Brust, trinkt und labt euch an ihrem mütterlichen Reichtum!« (Jesaja 66,10-11) An diesem Sonntag dürfen wir uns vergewissern lassen, dass nicht der Tod und das Leid das letzte Wort haben. Selbstreflexion, Suchen, Trauern – all das ist wichtig und hat in den Fastenwochen seine Zeit. Aber dies alles bliebe ohne Sinn, wenn nicht Gottes Sieg vom Ostertag die befreiende Antwort darauf gäbe. Laetare! Freue dich! Ostern ist nicht mehr weit.
Josefstag
Josefstag
19. März
Wie es Josef wohl ergangen sein muss? Der junge Zimmermann mit prominenten Vorfahren war im Begriff, eine kluge, schöne, standesgemäße Frau zu heiraten und dann das: Die Verlobte ist vor der Hochzeit schwanger. Er möchte aber Maria nicht bloßstellen und fasst den Plan, sie still und heimlich zu verlassen. Aber es kommt ganz anders. Josef erlebt einen Traum, der ihn dazu bringt, bei Maria und dem Kind zu bleiben. Einfach haben sie es nicht. Mit dem Neugeborenen fliehen sie nach Ägypten und es dauert eine ganze Weile, bis sie wieder in ihre Heimat Galiläa zurückkehren können.
Zwei Dinge machen den biblischen Josef zum Vorbild: Er vertraut Gott so sehr, dass er sich von ihm ins Ungewisse schicken lässt – und er tut alles für seine Familie. Auch theologisch ist der bedeutsam: Nach jüdischem Glauben sollte der erwartete Messias aus der Nachkommenschaft des Königs David stammen – und Josef war ein Nachfahre Davids.
Unter den Heiligen gilt Josef als der Schutzpatron der Arbeiter und Handwerker, aber auch von Jungfräulichkeit, Ehe und Familie. Der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ), die Bundesarbeitsgemeinschaft Katholischer Jugendsozialarbeit (BAG KJS) und die Arbeitsstelle für Jugendseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz (afj) nutzen den Josefstag am 19. März seit 2007, um mit lokalen und bundesweiten Aktionen auf die Arbeit von Jugendsozialhilfeeinrichtungen und die Lebens- und Berufschancen benachteiligter Jugendlicher aufmerksam zu machen.
Judica
Judica
22. März
Was ist gerecht? Und wie kann ich zu mehr Gerechtigkeit in der Welt beitragen? Der Sonntag zwei Wochen vor Karfreitag und Ostern trägt den Namen Judica. Fünf Wochen Passionszeit liegen hinter uns. Wir gehen mit Jesus und seinen Jüngern durch Zeiten von Anfechtungen, Selbstzweifel, Dünnhäutigkeit. Der Name Judica stammt aus dem 43. Psalm und bedeutet »Richte mich, Gott«. Das mag erst einmal unterwürfig klingen. Gottesdienste und Aktionen rund um diesem Tag erinnern aber auch an die »Freiheit des Christenmenschen«, der in Selbstverantwortung mit anderen lebt und sich seinem eigenen Gewissen verpflichtet fühlt. Doch das ist nicht alles. Die Verbindung zu Gott trägt, richtet auf und aus. Auch dafür steht der Sonntag Judica.
Palmsonntag
Palmsonntag
29. März
Mit dem Palmsonntag beginnt die letzte Woche vor Ostern, die Karwoche. Der Tag erinnert an den Einzug Jesu in Jerusalem. Die Evangelien erzählen, dass die Leute ihm zujubelten und grüne Zweige und Kleider auf den Weg legten. In Erinnerung daran werden heute in vielen Kirchen sogenannte Palmzweige gebunden, festlich verzierte Sträucher aus Buchsbaum, Hasel- oder Weidenzweigen, die gesegnet werden. Mit Palmzweigen wurden Könige geehrt. Sie gelten als altes Symbol für Sieg und Triumph, aber auch für Frieden und Leben. Vor allem in katholischen Gemeinden werden die Zweige im folgenden Jahr im Aschermittwochgottesdienst verbrannt und den Menschen als Aschekreuz, einem Zeichen der Buße und Reue, auf die Stirn gezeichnet.
Nur wenige Tage nach Palmsonntag erzählt die Bibel von einem Stimmungsumschwung in Jerusalem. Dieselben Menschen, die Jesus freudig begrüßt hatten, riefen dann: »Kreuzige ihn!« Palmsonntag ist daher ein Tag der Spannung: zwischen Hoffnung und Verrat, Jubel und leiden. Er lädt dazu ein, über Standhaftigkeit im Glauben nachzudenken.
Gründonnerstag
Gründonnerstag
2. April
Gemeinschaft und Abschied, Erinnerung und Schmerz: Der Gründonnerstag hat es in sich. Der Name kommt von »groanan« (greinen, weinen) und erinnert an die Nacht, in der Jesus verhaftet und zum Tod verurteilt wurde. Zum letzten Mal hatte er mit seinen Freunden gefeiert. Nach jüdischer Tradition trafen sie sich zum Seder-Abend, mit dem das siebentägige Passahfest beginnt. Es erinnert an die Befreiung des Volkes Israel aus ägyptischer Gefangenschaft, wie sie am Anfang der Bibel, in den Büchern Mose beschrieben ist.
»Seder« bedeutet »Ordnung«, denn das Fest hat eine genau festgelegte Speisefolge: Weil die Menschen damals so eilig aufbrechen mussten, bestand die Wegzehrung nur aus einfachen Teigfladen – für Hefeteig blieb keine Zeit. Deshalb gibt es während des Passahfestes nur ungesäuertes Brot. Am Sederabend werden außerdem bittere Kräuter (zum Beispiel Meerrettich) gegessen, sie erinnern an die Bitterkeit der Unterdrückung. Ein Brei aus Nüssen, Äpfeln und Wein stehen für den Lehm, aus dem das jüdische Volk Ziegel für die Bauvorhaben des Pharaos fertigen musste.
Die Bibel erzählt, dass Jesus dieses Ritual erweiterte. Er wusste: Zum letzten Mal würde er zusammen mit seinen Freunden essen. Deshalb sagte er beim Weiterreichen des Brotes: »Dies ist mein Leib«, beziehungsweise beim Wein »Dies ist mein Blut des Bundes«. So würde er ihnen auch in Zukunft ganz nah sein. Und das gilt für Christen noch heute, wenn sie Abendmahl beziehungsweise Eucharistie feiern.
Karfreitag
Karfreitag
3. April
Es ist ein Tag zum Heulen: Karfreitag kommt von „chara“ (althochdeutsch) und bedeutet Trauer, Wehklage. Jesus wurde als Gotteslästerer und Aufrührer an den römischen Statthalter Pilatus überstellt. Der fand keine Schuld an ihm, ließ ihn aber aufgrund des öffentlichen Drucks auf Golgatha, einem Hügel vor der Stadt Jerusalem, kreuzigen. Der Tod am Kreuz war qualvoll. Dass Gottes Sohn auf diese Weise gestorben ist, zeigt, dass er die Schmerzen und Qualen ausgestanden hat, die auch die Menschen aushalten müssen: Gott ist im Sterben den Menschen ganz nahe. Der Tod Jesu ist historisch belegt: Nichtchristliche und christliche Quellen berichten davon, wenn sich auch das Jahr nicht exakt bestimmen lässt. Jesus starb, so sagt es die Bibel, „um die neunte Stunde“. Das entspricht 15 Uhr - viele Gottesdienste und Andachten finden daher um diese Zeit am Nachmittag statt. Orgel und Glocken schweigen, der Altar ist leer, das Kreuz verhüllt, die Kerzen werden gelöscht. Auch wenn das Leiden und Sterben Jesu ganz im Mittelpunkt dieses Tages stehen, weist uns der Karfreitag immer schon auf Ostern hin: Wir dürfen auf die Auferstehung hoffen und darauf, dass Leiden, Tod und Gewalt nicht das letzte Wort haben werden.
Karsamstag
Karsamstag
4. April
Leise Schritte sind im Dunkel der Kirche zu hören, hier und da flammen vielleicht kleine Kerzenlichter auf und Menschen breiten Matten und Decken aus, um die Nacht wachend, singend und betend zu verbringen.
Der Karsamstag, so sagt es der Name (der vom althochdeutschen Ausdruck »kara« für Klage, Kummer und Trauer herkommt), steht noch ganz im Zeichen der Karwoche. Er wird deshalb auch als »Stiller Samstag« bezeichnet: Die Menschen gedenken der Grabesruhe Jesu. In den evangelischen Kirchen wird an diesem Tag kein Hauptgottesdienst gehalten, in den katholischen werden keine Sakramente gespendet.
Doch schimmert schon Licht durch das Dunkel: Der Karsamstag endet in den späten Abendstunden mit dem Beginn der Feier der Osternacht, die als Nachtwache (»Vigil«) bereits zur Liturgie des Ostersonntags gehört. Draußen brennen die Osterfeuer und signalisieren ebenfalls: Mit der Dunkelheit ist es bald vorbei. Mit dem Einzug der Osterkerze in die Kirche zu Sonnenaufgang wird am Morgen die Auferstehung gefeiert. Nun ist Ostern!
Osterfestkreis
Osterfestkreis
5. April – 24. Mai
Nach Ostern ist alles anders. Die Vorzeichen der Welt sind verkehrt worden: Das Leben siegt. Dieses Wunder ist an Ostermontag nicht vorbei. Es gilt für alle Zeit. Und jeder Sonntag im Kirchenjahr ist ein kleines Osterfest!
Besonders in den Wochen nach Ostern ist Zeit dafür, dass aus dem Staunen Gewissheit wird. Vom Ostermorgen an entstand um die Apostel herum nach und nach die christliche Gemeinde. Bis heute feiern wir die Feste von Ostern über Christi Himmelfahrt und Pfingsten bis zum Trinitatisfest, um das Wunder von Ostern für die Menschen zu deuten und das neue, christliche Gottesverständnis zu erfahren.
Der Osterfestkreis ist eine Freudenzeit. Der Gott der Christen ist kein Gott, der einschüchtern will, sondern einer, vor dem gestaunt, gejubelt, gelacht und frohlockt werden darf. Halleluja!
Ostern
Ostern
5. April
Trauer, Erschrecken, Staunen. Mitreißender Jubel, grenzenlose Begeisterung: »Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!« Ein Mensch soll auferstanden sein, der Tod besiegt? Wie kann man das verstehen? Viele Theologengenerationen haben seit dem ersten Ostern darüber diskutiert, und selbst der Jünger Thomas zweifelte: »Bevor ich nicht meine Hände in seine Wunden lege, will ich’s nicht glauben!« Jesus geht auf den Zweifler zu: »Gib deine Hand her und sei nicht ungläubig. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!« (Johannes, Kapitel 20).
Wir Aufgeklärten haben es heute schwerer als Thomas und die Jünger. Wie können wir Ostern und seine Folgen begreifen? Vielleicht, in dem wir die Wirkung von Ostern selbst ausprobieren: im Weitererzählen, im Umgang mit anderen, in den Bräuchen der Osternacht, der fröhlichen Kunde oder im Gebet. Ostern ermutigt dazu, dem Leben zu trauen – selbst dann, wenn alles aussichtslos erscheint.
Ostermontag
Ostermontag
5. April
Das Grab ist leer. Können die Jünger glauben, dass Jesus auferstanden ist? Zwei von ihnen machen sich am Ostermontag zu Fuß auf nach Emmaus, zwei Stunden entfernt von Jerusalem. Sie sind traurig, dass sie Jesus verloren haben. Sie reden sich die Köpfe heiß: Was ist dran an dieser unglaublichen Geschichte, die ihnen berichtet wurde? Davon erzählt das Lukasevangelium (Lukas 24, 13-35). Und auch davon, wie plötzlich ein Fremder ein Stück ihres Wegs teilt. Als es dunkel wird, laden sie ihn in ihr Haus ein: »Bleibe bei uns, denn es will Abend werden.« Aber erst als er das Brot bricht, ihnen zu essen gibt, erkennen sie Jesus. Der verschwindet bald wieder, erzählt Lukas. Zurück bleibt die Erinnerung an ein brennendes Herz. Und die Erkenntnis, dass Jesu mit uns geht, auch wenn wir uns dessen manchmal nicht bewusst sind. Vor allem in Süddeutschland und in Österreich machen sich Menschen an Ostermontag auf den Weg, singen, beten und erinnern sich bei einem »Emmausgang« an Jesu Nähe – und wie es sein kann, wenn Augen sich öffnen.
Weißer Sonntag
Weißer Sonntag
12. April
Ganz in Weiß! Nicht zufällig sind Brautkleider traditionell in Weiß gehalten. Weiß ist die Farbe des Lichts und der Reinheit. Wenn katholische Christinnen und Christen am ersten Sonntag nach Ostern den sogenannten Weißen Sonntag feiern, wird damit ganz bewusst an diese Botschaft angeknüpft: Mit Tod und Auferstehung hat Jesus Christus die Sünde von uns abgewaschen. Wir stehen rein da. Weiß ist das Taufkleid, und weiß ist Gewand, das jeder getaufte Christ tragen darf: die Albe (von lat. albus, weiß).
Früher fand die Taufe in der Osternacht statt; die ganze Woche danach bis zum Weißen Sonntag trugen die neu Getauften die weißen Gewänder als Zeichen des neuen Lebens. Weiß sind auch die Kleider, die die Kinder an diesem Sonntag beinahe überall in der katholischen Kirche zur Erstkommunion anziehen. Es ist ein Zeichen dafür, dass die jungen Christen durch die Taufe und Kommunion in enger Gemeinschaft mit Christus stehen: Sie sehen fast wie kleine Brautkleider aus.
An neues Leben erinnert auch der Name des Sonntags nach Ostern in der evangelischen Kirche, der nach dem Kehrvers des Eingangspsalms für diesen Sonntag benannt ist: »Quasimodogeniti« – »wie die neugeborenen Kinder«.
Evangelist Markus
Evangelist Markus
25. April
Ein Schmuggel dieses Ausmaßes muss damals schon ein Skandal gewesen sein: Im Jahre 828 – so ist es überliefert – entwendeten venezianische Kaufleute in Alexandria die Gebeine eines heiligen Markus und überführten sie, unter gepökeltem Schweinefleisch versteckt, nach Venedig. Dort wurde ihm zu Ehren der Vorläufer des heutigen Doms San Marco erbaut. Viel Trubel um einen Heiligen, der der historischen Forschung zufolge gar nicht der Autor des Markusevangeliums gewesen sein kann, auch wenn man ihn damals dafür hielt. Doch wer liegt tatsächlich unter den jahrhundertealten Mauern von San Marco begraben? Vermutlich handelt es sich um einen frühen Bischof von Alexandria namens Markus, den die koptische Kirche als ihren ersten Papst ansieht. Sein Todestag wird bis heute als Gedenktag für den Evangelisten Markus begangen, obwohl die tatsächliche Entstehung des wohl ältesten Evangeliums im Dunkeln liegt. Das Werk des unbekannten Markus ist allerdings ein bedeutendes Stück Theologie und Literaturgeschichte und gibt Lesern und Auslegern bis heute Rätsel auf. Wer nach dem historischen Jesus forscht, kommt an Markus als dem ersten Leben-Jesu-Erzähler nicht vorbei. Er begründete die Textform der Evangelien, die die Jesusbotschaft erzählen. Grund genug, dieses Unbekannten zu gedenken. In Darstellungen der christlichen Kunst erkennt man den Evangelisten Markus am Symbol des Löwen – eine Tradition, die sich auf prophetische Visionen bei Ezechiel und in der Offenbarung gründet.
Jubilate
Jubilate
26. April
Dieser Sonntag feiert die Schöpfung. »Jauchzet Gott alle Lande«, heißt es in Psalm 66, nach dem dieser Sonntag benannt ist. In katholischen Kirchen wird dieser Sonntag zwei, in evangelischen drei Wochen nach Ostern gefeiert. Die Jünger sind traurig, dass Jesus nicht mehr bei ihnen ist. Sie leben in einer Zwischenzeit: Er ist tot. Aber hatte er nicht angekündigt, dass er wiederkommt und sich die Trauer wandeln wird? Im Johannesevangelium heißt es: » Danach fragt ihr euch untereinander, dass ich gesagt habe: Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen? Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet weinen und klagen, aber die Welt wird sich freuen; ihr werdet traurig sein, doch eure Traurigkeit soll zur Freude werden.« (Johannes 16, 19-20). Dieser Sonntag reißt mit, wie der Frühlingsschrei von Ronja Räubertochter im gleichnamigen Buch von Astrid Lindgren. Was auch immer das Herz betrübt, wir können es freilassen, im Wissen, dass uns das Leben überraschen wird.
Marienmonat Mai
Marienmonat Mai
1. – 31. Mai
Die Buchen leuchten hellgrün, der Flieder duftet, die Vögel singen in höchsten Tönen. An manchen Orten stehen Maibäume, umwickelt mit bunten Schnüren. Jetzt kann jeder und jede, der und die nördlich des Äquators lebt, mit allen Sinnen Frühlingswonnen erleben. Der Mai ist nach der römischen Fruchtbarkeitsgöttin Göttin Maia benannt. Heidnische Feste, die ihr und Göttinnen wie Artemis oder Flora gewidmet waren und den Winter vertreiben sollten, wurden im Mittelalter christlich umgedeutet. Seit dem 17. Jahrhundert gilt der Mai in der katholischen Kirche traditionell als »Marienmonat« – auf der Südhalbkugel werden im November, im dortigen Frühling, Feste zur Ehren Marias zelebriert. Die Gottesmutter personifiziert inmitten natürlicher Pracht das Empfangen, Werden und Wachsen. Wenn Gläubige sich zu Andachten im Wald oder auf Bergesgipfel versammeln oder Marienstatuen opulent mit Blumen schmücken, feiern sie die Verschmelzung von Himmel und Erde, Göttlichem und Menschlichem in der »Maienkönigin« Maria.
Erster Mai
Erster Mai
1. Mai
Viele vorchristliche Bräuche ranken sich um den 1. Mai: Bereits in der Nacht zuvor wird der »Wonnemonat« mit Feuern und Tanz begrüßt. Und am nächsten Tag flattern auf vielen Marktplätzen frische grüne Zweige am neu aufgerichteten Maibaum. Vor allem aber erinnert der 1. Mai als gesetzlicher Feiertag seit dem Ende des 19. Jahrhunderts an den Kampf für menschenwürdige Arbeitsbedingungen. In den meisten Ländern der Welt rufen Gewerkschaften und Parteien dazu auf, für eine gerechte Arbeitswelt zu demonstrieren. Wie wir arbeiten, wirkt sich auf unser Leben aus und darauf, wie sinnhaft wir es empfinden. 1955 erklärte die katholische Kirche den 1. Mai zum Tag »Josefs des Arbeiters«. Seitdem gilt der Stiefvater von Jesus, der Zimmermann oder Baumeister gewesen sein soll, als Patron der Arbeiter. Die Verbindung vom »Grünen und Blühen« im Frühling und der Arbeit, die Frucht bringen möge, zog jedoch bereits mehr als dreihundert Jahre zuvor der lutherische Pfarrer und Schriftsteller Martin Behm (1557-1622). Das juchzend-leichte Lied »Wie lieblich ist der Maien«, findet sich bis heute im evangelischen Gesangbuch.
Rogate
Rogate
10. Mai
»Bittet!« oder »Betet!« lautet übersetzt der Name des sechsten Sonntags nach Ostern. Er ist nicht nur ein Fluchtpunkt der Besinnung und Buße in der sonst so freudigen Osterfestzeit, sondern hat einen ganz lebenspraktischen Hintergrund: die Bitte um gutes Wetter und gute Ernte – denn davon hing das Überleben der mittelalterlichen Bauerngesellschaft ab. Dieses Anliegen hat der Sonntag Rogate von den katholischen Bitttagen – die drei Tage unmittelbar vor Christi Himmelfahrt – übernommen. Trotz veränderter Lebensumstände in Deutschland wurde die Tradition des Erntebitttags beibehalten: Mit Blick auf Weltregionen, in denen der Überfluss an Lebensmitteln nicht so selbstverständlich ist, wird heute verantwortlicher Umgang mit der Schöpfung und gerechtes Wirtschaften zum Thema dieses Sonntags. Einsatz für globale Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung und die Bitte darum – so kann man Mission auch verstehen. Daher wird der Bitttag Rogate in der der evangelischen Kirche auch als Missionssonntag gefeiert.
Bitttage
Bitttage
11. – 13. Mai
Was haben die Menschen in der mittelalterlichen Agrargesellschaft bittend und betend die Hände gerungen! Im Frühling, wenn alle Feldfrüchte zu wachsen begannen, galt es, gutes Wetter und gute Ernte herbeizuflehen. Denn Ernteausfall konnte gefährliche Hungersnöte nach sich ziehen. In Prozessionen und Bittgängen über die Felder brachten die Menschen ihre Anliegen vor Gott. Die Worte Bitten und Beten gehören eng zusammen. Gebet wiederum umfasst immer auch das Danken. So spannt sich ein jahreszeitlicher Bogen von den (Ernte-)Bitttagen im Frühjahr bis hin zum Erntedankfest im Herbst.
Heute löst eine Missernte bei uns nicht gleich eine Hungersnot aus. Doch wenn wir den Blick auf Weltregionen lenken, in denen der Überfluss an Nahrungsmitteln weniger selbstverständlich ist, bleibt die Bitte um das tägliche Brot ungebrochen aktuell. Als Anlass, über verantwortlichen Umgang mit der Schöpfung und gerechtes Wirtschaften nachzudenken, gewinnen die Bitttage einen neuen Sinn.
Katholiken in ländlichen Gegenden begehen die drei Bitttage unmittelbar vor Christi Himmelfahrt oft noch mit Flurumgängen über die Felder. In der modernen Gesellschaft entstehen unterdessen auch neue Formen, die Bitttage zu feiern. Allgemein wird um Gottes Segen für die Arbeit der Hände gebetet – in dem Wissen, dass deren Gelingen nicht allein von der eigenen Anstrengung abhängt.
Evangelische Christen haben das Anliegen der Bitttage auf den Sonntag Rogate (»Bittet!/ Betet!«) übertragen, den sechsten Sonntag nach Ostern.
Christi Himmelfahrt
Christi Himmelfahrt
14. Mai
Der angeblich letzte Fußabdruck Jesu ist auf dem Jerusalemer Ölberg zu sehen. In einem von der Zeit blankpolierten Stein, der in den Boden eingefasst ist, findet man eine fast unscheinbare kleine Delle. Schon früh wurde eine Kapelle über dem heiligen Ort errichtet. Von hier aus soll Jesus in den Himmel gefahren sein. Mit diesem dramatischen Höhepunkt beginnt die Apostelgeschichte in der Bibel. Nachdem der Auferstandene noch einmal 40 Tage mit seinen Jüngern zusammen gewesen war, gab er ihnen letzten Zuspruch – »darauf wurde er zusehends aufgehoben und eine Wolke führte ihn vor ihren Augen weg«.
Das ist schwer vorstellbar. Schon im Mittelalter gab es daher Bräuche, die das Geschehen greifbar, begreifbar machen sollten. So wurden etwa Christusstatuen durch Luken im Kirchendach nach oben gezogen; danach ließ man es Oblaten regnen: Christus sei ja nun im Abendmahl gegenwärtig, sollte die Botschaft lauten.
Zwar konnten derlei Spektakel nicht darüber hinwegtäuschen, dass eine räumliche Entrückung Jesu eher nach Legende klingt als nach einem Tatsachenbericht. Doch bergen sie eine tiefe Glaubenswahrheit. Hinter der Inszenierung steht die Überzeugung, dass Jesus »im Himmel« fortlebt, das heißt, in der unsichtbaren, göttlichen Sphäre, die jenseits der sichtbaren Welt existiert und doch gleichzeitig in ihr wirksam ist.
Heute feiern viele Gemeinden Gottesdienste unter freiem Himmel. In der katholischen Kirche gibt es Himmelfahrtsprozessionen. Manche Deutungen sehen darin den Ursprung der Ausflüge am Vatertag, den es seit Anfang der 1930er-Jahre am selben Termin gibt.
Pfingsten
Pfingsten
24. Mai
Die biblische Pfingstgeschichte berichtet vom Geburtstag der Kirche und zeigt: Jesu Handeln und Reden kommt bei unterschiedlichen Menschen an; es begeistert, schafft Gemeinschaft und setzt in Bewegung. Christen und Christinnen führen diese erstaunliche Wirkung auf die schöpferische Kraft des Heiligen Geistes zurück. Gottes Geist, den sich viele weiblich denken (das hebräische Wort für Geist, »ruach«, ist weiblich), wird in der Bibel als dynamisch geschildert: Er ist belebend wie der Hauch des Atems, kraftvoll wie der Sturm, verzehrend wie das Feuer.
Er zeigt sich in Momenten menschlicher Kommunikation oder in Texten, die zunächst nichts als eine Ansammlung toter Buchstaben sind. So kann man den 23. Psalm (»Der Herr ist mein Hirte«) 100 Male lesen und hören, ohne dass er einen berührt. Und plötzlich, beim 101. Mal, begreift man: Ich bin gemeint. Das ist ein Moment von »Geistesgegenwart«. Wenn der Heilige Geist schöpferisch wird, wenn Gott in Aktion tritt, wird das Wort verstanden, ergreift und verwandelt es seine Hörer. Aber diese dolmetschende Funktion des Geistes lässt sich nicht organisieren, er weht wo er will und kann nur erbeten werden: »Veni creator spiritus!«, »Komm, Schöpfer Heiliger Geist!«
Trinitatisfest
Trinitatisfest
31. Mai
Als Augustinus eines Tages am Mittelmeerstrand von Tagaste entlang schlendert und mal wieder über die Trinität grübelt, sieht er ein Kind, das mit einer kleinen Muschel Meerwasser in ein Loch schüttet. »Was machst du da?«, fragt er. – »Das siehst du doch«, entgegnet das Kind. »Ich schöpfe das Meer in dieses Loch.« – »Du Narr«, spottet der Bischof, »das ist doch vollkommen unmöglich!« Darauf das Kind: »Aber du bildest dir ein, dass du das Geheimnis der Dreieinigkeit mit deinem Kopf erfassen kannst?«
Diese wahre oder gut erfundene Geschichte über den großen Kirchenvater Augustinus (354-430) zeigt: Gott ist immer größer, weiter und anders, als wir ihn uns denken können. Das ist auch eine christliche Glaubenswahrheit. Von biblischen Zeiten bis heute erleben Menschen, wie vielfältig Gott handelt: Er wirkt als schöpferische und erhaltende Kraft, in Liebe und Hingabe als Mensch unter Menschen, als tröstende Mutter, vergebender Vater, als Rückenwind und Kraftquelle. Er erschafft Himmel und Erde, er liebt und leidet für die Menschen, er sammelt und stärkt sein Volk – mal Vater genannt, mal Sohn, mal Heiliger Geist.
Dreieinigkeit lautet die Lösung der Theologen bei dem Versuch, das vielfältige Wirken Gottes auf einen Nenner zu bringen. Lateinisch: Trinität. Die Trinitätslehre wurde zwischen 325 und 675 auf verschiedenen kirchlichen Zusammenkünften, den Konzilen und Synoden, entwickelt. Sie prägt auch unser Glaubensbekenntnis. Doch kann auch die Gleichung der Dreieinigkeit lediglich ein Gleichnis sein, mit dem das Geheimnis Gottes nur unzureichend umrissen ist. Denn der lebendige Gott lässt sich nicht von Menschen in dogmatische Gebäude einmauern. Deus semper maior – Gott ist immer größer: So hat es Ignatius von Loyola im 16. Jahrhundert auf den Punkt gebracht. Der erste Sonntag nach Pfingsten, Trinitatis oder Dreifaltigkeitsfest genannt, der die zweite Hälfte des Kirchenjahrs einläutet, erinnert seit 1334 an dieses offene Geheimnis.
Trinitatiszeit
Trinitatiszeit
31. Mai – 23. November
Fast ein halbes Jahr dauert die Trinitatiszeit im evangelischen Kirchenjahr. Sie reicht vom Dreieinigkeitsfest am ersten Sonntag nach Pfingsten bis zum Ewigkeitssonntag, dem letzten Sonntag vor dem ersten Advent. Böse Zungen sprechen von einer »Sauregurkenzeit« – nicht nur wegen ihrer liturgischen Farbe: Grün. Scheinbar kennzeichnet nichts Besonderes diese Kirchenjahreszeit: kein Warten auf die Ankunft des Retters wie im Advent, kein Insichgehen und Verzichten wie in der Fastenzeit. Nur gegen Ende wird sie von kleineren Festen wie Erntedank, dem Reformationstag oder dem Buß- und Bettag unterbrochen. Katholische Christen haben keine besondere Bezeichnung für diese Zeit, bei ihnen heißt sie schlicht »Zeit im Jahreskreis«.
Warum aber belegt die evangelische Kirche diesen wenig geprägten Zeitraum mit dem Begriff »Trinitatis« – »Dreieinigkeit«? Am Sonntag Trinitatis, eine Woche nach Pfingsten, vervollständigt sich das christliche Gottesbild, das in den Wochen davor in einzelnen Aspekten beleuchtet worden ist. Jesu Christi Leiden und Auferstehung und die Erfahrung des Heiligen Geistes standen an Ostern und Pfingsten im Mittelpunkt. An Trinitatis und in der Zeit danach geht es dagegen ums Ganze: um den dreieinigen Gott, der als Vater, Sohn und Geist wirksam ist. Für diese Vielfalt ist ein einzelner Sonntag zu wenig. Es braucht Zeit, sich im Alltag darauf einzulassen. Deswegen steht der größte Teil des Kirchenjahrs unter dem Namen der Dreieinigkeit – dem Kennzeichen des christlichen Glaubens: dem einen Gott, der auf vielfältige Weise den Menschen begegnet.
Fronleichnam
Fronleichnam
4. Juni
Trauer ist an diesem Tag fehl am Platz: Fronleichnam ist ein Fest der Freude. Offiziell heißt es Hochfest des Leibes und Blutes Christi – »Fron« ist Mittelhochdeutsch und heißt »Herr«, »lichnam« bedeutet »Leib«. Katholische Gläubige feiern damit am zweiten Donnerstag nach Pfingsten, dass Christus in Brot und Wein lebendig ist. Zwar hat Jesus das Abendmahl am Gründonnerstag eingesetzt – doch weil dieser Tag in die traurige Karwoche fällt, wird seit dem 13. Jahrhundert ein eigener Feiertag außerhalb der Fastenzeit begangen. In katholischen Gebieten entwickelten sich prächtige Fronleichnamsprozessionen. Die Straßen werden mit Blumen und Zweigen geschmückt.
Singend und betend ziehen die Menschen hinter der Hostie her, die unter einem Baldachin durch Städte und Felder getragen wird. Sie feiern Gottesdienste auf Straßen und Plätzen. Dieser Brauch bekräftigt zugleich den Anspruch, den Glauben auch
öffentlich zu leben. Jahrhundertelang führte das Fest zum Streit zwischen Katholiken und Protestanten, die es als unbiblisch ablehnten. In konfessionell gemischten Gegenden sollen früher die evangelischen Bauern ihren Mist bewusst an Fronleichnam auf die Felder gebracht haben, um die katholischen Nachbarn zu ärgern. Diese
revanchierten sich bisweilen am Karfreitag, für viele Protestanten der höchste Feiertag. Doch diese Scharmützel sind zum Glück längst Vergangenheit: Inzwischen wird das Fest an vielen Orten ökumenisch gefeiert.
Heiligstes Herz Jesu
Heiligstes Herz Jesu
12. Juni
Ein blondgelockter Jesus mit blauen Augen, einem weißen Faltengewand und einem großen roten Herzen mitten auf der Brust – dieses Bild ist typisch für die Herz-Jesu-Frömmigkeit. Es drückt die Sehnsucht aus, dem, was Jesu Wirken im Kern ausmacht, persönlich ganz nahe zu kommen. Dabei sind historische Fragen nach der Person Jesu nur nachrangig wichtig. Es geht um die innere Glaubensbeziehung zu Jesus, von Herz zu Herz.
Die Hauptimpulse für die Verehrung des Herzens Jesu entstammen der mittelalterlichen Mystik, in der auch Frauen wie Mechthild von Magdeburg oder Gertrud von Helfta eine entscheidende Rolle spielten. Mit dem Herzen meinte man das Innerste des Menschen Jesus und wollte seine göttliche und menschliche Natur zu fassen bekommen. Noch heute gibt es etliche Redewendungen, in denen das Herz symbolisch für das Innere, Essenzielle einer Sache oder Person steht: von Herzen, ins Herz getroffen, im Herzen der Stadt.
Was verehrt man also, wenn man das Herz Jesu verehrt? Fast alle Geschichten über Jesus erzählen davon, dass er ein besonders großes Herz hatte. Er berührte und heilte Kranke, er sprach mit Menschen, die von der Gesellschaft verachtet wurden. Jesus respektierte Frauen mehr als zu seiner Zeit üblich und er liebte die Kinder. Er vergab sogar denen, die ihn kreuzigten. Mit ihm können wir glauben, dass Gott uns und die Welt liebt, und seinem Beispiel folgen.
Johannistag
Johannistag
24. Juni
Der Johannistag ist eine wilde Mischung unterschiedlichster Traditionen. In der kürzesten Nacht des Jahres, die man mit Reisig- und Strohfeuern hell machte, schritt nach germanischem Glauben Wotan segnend über die Erde. Die Menschen sprangen singend und jauchzend über riesige Feuer. Die Kraft der Götter sollte sie von Unheil und Krankheiten befreien. Und ihre Sonnwendfeiern ließen sich die Slawen, Kelten und Germanen von den christlichen Missionaren nicht nehmen.
Vergeblich versuchte die Kirche, das heidnische Sonnwendfest abzuschaffen. Schließlich schuf sie christlichen Ersatz: Der 24. Juni wird auch als Geburtstag von Johannes dem Täufer gefeiert. Das passt ebenfalls zur Sonnenwende: »Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen«, sagt Johannes der Täufer im Johannesevangelium mit Blick auf Christus, das Licht der Welt. Nicht zufällig liegt Weihnachten, der Geburtstag Jesu, ein halbes Jahr später in zeitlicher Nähe zur Wintersonnenwende.
So wird der Johannistag heute mit Volks- und Kirchenliedern gefeiert, mit Feuerwehrleuten und Pastoren, mit alten und noch älteren Bräuchen. In Skandinavien, wo die Sommersonnenwende am stärksten zu spüren ist, sind Johannisfeste besonders populär. Und im Baltikum ist »Joninės«, »Jāņi« oder »Jaanipäev« der wichtigste Feiertag überhaupt – ein Tag, an dem heidnische und christliche Traditionen Hochzeit feiern.
Peter und Paul
Peter und Paul
29. Juni
Die Apostel Petrus und Paulus waren auf den ersten Blick sehr verschieden: Petrus ein einfacher Fischer, Paulus ein gebildeter Missionar mit römischem Bürgerrecht. Dennoch teilen sich ein Schicksal: Sie beide erzählten im römischen Reich im ersten Jahrhundert nach Christus von Jesu Taten, von seiner Auferstehung und seiner bevorstehenden Wiederkehr. Den römischen Machthabern gefiel das gar nicht. Sie verurteilten die beiden Missionare zum Tode. Der Legende nach sollen sie am selben Tag in Rom hingerichtet worden sein: Paulus durch das Schwert, Petrus am Kreuz. Heute gedenken die christlichen Kirchen dieser beiden Märtyrer am 29. Juni, ihrem vermuteten Todestag. Petrus und Paulus legten die Grundlage dafür, dass sich das Christentum in alle Welt ausbreiten konnte. Die damit wohl bedeutendsten frühkirchlichen Märtyrer wurden später Patrone der Stadt Rom, und viele Städte, Klöster und Kirchen sind nach ihnen benannt: der Petersdom, St. Paul’s Cathedral, São Paulo und St. Petersburg sind nur einige Beispiele. In der katholischen Kirche wird das Papstamt auf Petrus als Stellvertreter Christi zurückgeführt. Der gemeinsame Gedenktag von Petrus und Paulus soll die Erinnerung wachhalten an Menschen, die entschlossen den Weg des Glaubens gegangen sind.
Benedikt von Nursia
Benedikt von Nursia
11. Juli
Mit seiner Ordensregel legte der heilige Benedikt den Grundstein für das abendländische Mönchtum. Als Abt des Klosters Monte Cassino verfasste er im Jahr 529 die Regula Benedicti – eine klösterliche Lebensordnung, deren Leitmotiv »Ora et labora – Bete und arbeite« später zum Sinnbild des benediktinischen Lebens wurde. Ziel allen Tuns der Benediktiner – im Gebet wie in der Arbeit – ist das Lob Gottes. Sein Ideal war nicht die Weltflucht, sondern ein geordnetes Leben im Dienst Gottes innerhalb einer stabilen Gemeinschaft.
Ab dem 6. Jahrhundert entstanden zahlreiche Klöster auf dem europäischen Festland, die sich an seiner Regel orientierten. Diese wurden zu bedeutenden Missionszentren, förderten die Ausbreitung des Christentums und trugen durch ihre Klosterschulen maßgeblich zur Bildung bei. In ihren Bibliotheken überdauerte ein großer Teil des antiken Wissens an Philosophie und Literatur. Heute existieren allein im deutschsprachigen Raum über 100 Benediktiner- und Benediktinerinnenklöster. Das geistige Erbe Benedikts reicht dabei über konfessionelle Grenzen hinaus: Neben den zahlreichen katholischen Gemeinschaften gibt es auch evangelische Benediktinerinnen, orthodoxe Benediktiner und sogar ein ökumenisches Benediktinerkloster.
Christophorustag
Christophorustag
24. Juli
Mit seinem riesigen Kopf auf einem riesigen Körper soll er alle erschreckt haben, die ihm begegneten – der heilige Christophorus. Aber der Hüne Reprobus – wie er ursprünglich geheißen haben soll – hatte ein gutes Herz und wollte seine Größe und Kraft in den Dienst eines noch Größeren, Mächtigeren stellen. Ein Einsiedler führte ihm vor Augen, dass dies nur Gott sein könne. Fortan stellte sich Reprobus in einen menschenfreundlichen Dienst: An einer tiefen Furt trug der bärtige Riese Reisende durch den reißenden Fluss.
Als er eines Tages einen Knaben auf die Schulter nahm, so wird erzählt, trug sich das Kind anfangs sehr leicht. Doch je weiter sie kamen, desto schwerer schien es zu werden. In der Mitte des Stromes stöhnte Reprobus schließlich: »Kind, du bist so schwer, als hätte ich die Last der ganzen Welt zu tragen!« Der Knabe antwortete: »Wie du sagst, so ist es, denn ich bin Jesus, der Heiland. Und wie du weißt, trägt der Heiland die Last der ganzen Welt.« Am anderen Ufer angelangt, sagte das Kind zu ihm: »Du hast den Christ getragen, von jetzt an darfst du Christophorus heißen.«
So wurde Christophorus zum Patron aller der Berufe, die große Kraft erfordern, aber auch zum Begleiter der Pilger und Reisenden. Er gilt auch als einer der 14 Nothelfer. Nach ihm benannt hat sich die 1961 gegründete ordensähnliche evangelische Christusträger-Bruderschaft, die ihren Sitz im Kloster Triefenstein am Main hat und sich zum Beispiel seit 1969 um Leprakranke in Afghanistan kümmert. Es gibt auch eine Christusträger-Schwesternschaft. »Von Christus getragen – Christus tragen«, heißt ihr Wahlspruch. Ein gutes Motto auch für die Reisezeit und alle, die unterwegs sind: Wenn es not tut, aus christlichem Geist helfen – und sich helfen lassen.
Jakobustag
Jakobustag
25. Juli
Der Gedenktag markiert in der ländlichen Tradition den Beginn der Erntezeit. In manchen Regionen wird an diesem Tag Kirmes oder ein Weinfest gefeiert. Aber am bedeutsamsten ist er wohl für die Zig-Tausenden von Pilger:innen, die sich jedes Jahr auf den Jakobsweg machen, Zielpunkt: Santiago de Compostela. Wer ist der Mann, der dem Weg den Namen gab – und wie kam er zu einem Grab im äußersten Nordwesten Spaniens?
Jakobus der Ältere gehörte mit seinem Bruder, dem Evangelisten Johannes, und Petrus zu den ersten Aposteln. Die Legende erzählt, dass er im Jahre 44 als erster der Apostel enthauptet wurde. Seine Freunde und Schüler sollen seine Gebeine auf ein Schiff ohne Besatzung gebracht haben, das dann in Spanien, an der Küste Galiziens, antrieb. Etwas weiter im Landesinneren – dort, wo heute die Kathedrale Santiago de Compostela steht – soll Jakobus begraben worden sein. So wurde er zu Spaniens Nationalheiligem.
Die Diözese Santiago de Compostela besteht auf der Authentizität dieser Erzählung und der Echtheit der Jakobus-Reliquien, obwohl schon seit dem Mittelalter daran gezweifelt wird, dass Jakobus die iberische Halbinsel jemals betreten hat.
Für viele der heutigen Pilger:innen ist es wohl nicht entscheidend, ob der echte Apostel unter den Mauern der Kathedrale begraben liegt. Viel wichtiger ist für sie die geistliche Erfahrung, die sie beim Pilgern machen – auf dem Weg zu sich selbst und zu Gott.
Annatag
Annatag
26. Juli
Über Anna und Joachim finden wir in den Büchern der Bibel keine Informationen, aber andere frühchristliche Schriften berichten von ihnen als Eltern der Maria. Anna wird als eine Frau beschrieben, die an die Figur der Hanna im Alten Testament erinnert: Sie ist eine unfruchtbare Frau, die die Hoffnung auf ein Kind nicht aufgibt und nach 20 Jahren kinderloser Ehe ihre Tochter Maria bekommt. Von Anna ist außerdem noch überliefert, dass sie nach dem Tod Joachims noch zweimal verheiratet gewesen sein soll und auch in diesen Ehen Töchter zur Welt brachte, deren Kinder wiederum später Jesus als Jünger und Freunde begleiteten. Erst im Mittelalter entwickelte sich ein Anna-Kult, der bis ins Jahr 1500 aufblühte. 1584 bestimmte Papst Gregor XIII. dann den 26. Juli zum Annentag. Ein berühmter Wallfahrtsort ist bis heute Düren in Nordrhein-Westfalen. Dort soll es eine angebliche Kopf-Reliquie der Anna geben und jedes Jahr wird ein großes Volksfest gefeiert. Auch Annaberg in Schlesien ist ein Zentrum der Annenverehrung. Die Großmutter Jesu gilt als Patronin unter anderem der Witwen, Schwangeren, aber auch der Schiffer und Bergleute. Ihr Tag lädt dazu ein, über Generationen hinweg Verbindungen zu würdigen und das Band zwischen Alt und Jung bewusst zu stärken.
Urlaubszeit
Urlaubszeit
31. Juli – 30. August
»Holidays« heißen die Ferien im Englischen. Heilige Tage, eine geheiligte Zeit. Wir finden, dass die Unterbrechung von Arbeit und Alltag durch Ruhe- und Erholungsphasen für unseren Lebensrhythmus wichtig und wohltuend ist. Schließlich ruhte auch Gott am 7. Tag, nachdem er die Welt erschaffen hatte. Und nicht zufällig ist »Unterbrechung« die kürzeste Definition von Religion. Als heilsame Unterbrechung sehen wir daher neben den Feiertagen auch die Zeiten von Urlaub und Entspannung. Damit wird die göttliche Empfehlung aufgenommen, ein Siebtel der Arbeitszeit der Ruhe und Erholung zu widmen (2. Mose 23,10f.).
Pauschalreise, Ferienwohnung, Wohnwagen, Radtour – Urlaub kann sehr unterschiedlich aussehen und weckt vielfältige Assoziationen und Wünsche. Einige Menschen denken an Strand und Meer, Bergluft und Naturidyllen, Familienzeit, andere zieht es in pulsierende Städte oder an Orte mit vielen sportlichen oder kulturellen Angeboten. Für viele Menschen ist eine mehrwöchige Urlaubsreise zu teuer geworden und sie verbringen die arbeitsfreie Zeit zuhause und gestalten ihre Zeit freier und kreativer als im Alltag.
Im Urlaub brechen oft existenzielle Themen auf, wie die Mitarbeitenden der Urlaubsseelsorge in den Feriengebieten wissen. Denn im Urlaub kann es auch Reisestress, Streitereien oder Langeweile geben. Es stellen sich Fragen nach Sinn und Werten, nach Vergangenem und Zukünftigem. Das muss nicht unbedingt krisenhaft sein: Diese besondere Empfindsamkeit ist es, die zum Erleben einer geheiligten Zeit beträgt.
Verklärung Jesu
Verklärung Jesu
6. August
Die Evangelien berichten von einem himmlischen Gipfeltreffen: Als Jesus mit seinen Jüngern Petrus, Jakobus und Johannes einen Berg ersteigt, erscheinen ihnen plötzlich zwei herausragende Hoffnungsgestalten des Alten Testaments – Elia und Mose – und eine donnernde Stimme sagt: »Das ist mein Sohn, den sollt ihr hören!« Jesu Gewand leuchtet strahlend weiß auf, die Jünger sind wie in Trance: »Herr, hier ist für uns gut sein!«, sagt Petrus. Drei Hütten will er an diesem besonderen Ort errichten: eine für Elia, eine für Mose und eine für Jesus.
Doch so schnell, wie sie gekommen ist, ist die Erscheinung vorbei. Alles ist wie vorher – und doch ist alles anders. Das Geschehen hat den Jüngern gezeigt: Jesus gehört in etwas ganz Großes hinein. Die Erzählung im Evangelium will sagen: Der Himmel steht offen; Auferstehung und Himmelfahrt klingen an. Als Verklärung wird dieses Offenbarungsereignis bezeichnet.
Vor allem die Ostkirchen messen dem Feiertag der Verklärung des Herrn große Bedeutung bei. Er wird von ihnen seit dem 5. Jahrhundert begangen, im 15. Jahrhundert hat ihn die katholische Kirche dann übernommen.
Die kirchliche Tradition verortet die Verklärung auf dem Berg Tabor, einem markanten, isoliert stehenden Berg in Galiläa. Dort hat Helena, die Mutter Konstantins des Großen, später tatsächlich eine Hütte gebaut – vielmehr eine Kirche gestiftet. Seit 1924 steht an der gleichen Stelle die Verklärungsbasilika. Übrigens: Die Stadt Montabaur in Rheinland-Pfalz wurde in Folge eines Kreuzzugs nach dem Berg Tabor (lateinisch Mons Tabor) benannt.
Dominikustag
Dominikustag
8. August
Was haben der Mystiker Meister Eckhart, der Maler Fra Angelico und der Philosoph und Theologe Thomas von Aquin gemeinsam? Sie gehörten alle drei dem Predigerorden der Dominikaner an, der auf den heiligen Dominikus zurückgeht.
Dominikus wurde 1170 in Nordspanien geboren und machte sich das Studieren, Diskutieren, Predigen und Verteidigen der Wahrheit zur Lebensaufgabe. Er war überzeugt, dass Gewalt der falsche Weg war, um Menschen vom Glauben zu überzeugen. Bildung, Seelsorge und Predigen gingen ihm über alles. Weil viele Menschen zu seiner Zeit begannen, Kleriker aufgrund ihres irdischen Reichtums unglaubwürdig zu finden, vertrat er ein strenges Ethos: Materielle Besitzlosigkeit und örtliche Ungebundenheit gehörten zu den Grundsätzen des von ihm gegründeten Ordens. Dominikus starb 1221 in Bologna.
Von seiner Gründung und bis heute ist der Orden basisdemokratisch verfasst: die Oberen werden auf Zeit gewählt; über wichtige Entscheidungen wird von den Brüdern abgestimmt. Die Dominikaner haben die theologische Wissenschaft vorangetrieben und in Europa große Missionserfolge erzielt. Kritisch wird hingegen – auch vom Orden selbst – die Rolle der Dominikaner in der Inquisition bewertet: Der Orden bildete im 13. Jahrhundert in päpstlichem Auftrag Inquisitoren aus, um Häretiker zu verfolgen. Heute setzen sich die Dominikaner besonders für Gerechtigkeit in unserer Welt ein und benutzen auch moderne soziale Medien für die Verkündigung des Wortes Gottes.
Israelsonntag
Israelsonntag
9. August
Der Israelsonntag wird im evangelischen Kirchenjahr elf Wochen nach Pfingsten gefeiert. Seine Tradition reicht bis ins 16. Jahrhundert zurück. Im Zentrum stand damals die Erinnerung an die Zerstörung Jerusalems. Der Tag erlebte in den folgenden Jahrhunderten eine wechselvolle Geschichte. Im 19. Jahrhundert war er der Tag der »Judenmission« – und bereitete den Weg für Antisemitismus und Judenhass mit. Heute thematisiert er die gemeinsamen Glaubenswurzeln und tiefen Verbindungen, das Unrecht, das Juden erlitten haben und das ihnen widerfährt. Auch die Frage nach Frieden in der Region steht an diesem Tag im Mittelpunkt der Gottesdienste.
Laurentiustag
Laurentiustag
10. August
Der heilige Laurentius zeigte Haltung. Im Rom des 3. Jahrhunderts war er als Diakon für die Finanzverwaltung der Kirche und die Versorgung der Armen zuständig. Als Kaiser Valerian Anspruch auf das Kirchenvermögen erhob, soll Laurentius es der Überlieferung nach unter Armen und Kranken, Blinden, Witwen und Waisen verteilt und diese als »den wahren Schatz der Kirche« präsentiert haben. Valerian soll daraufhin so außer sich gewesen sein, dass er Laurentius auf einem glühenden Eisenrost foltern und hinrichten ließ. In der Bildtradition wird Laurentius daher mit dem Rost als Attribut dargestellt. Seine letzten Worte sollen dem Kaiser gegolten haben: »Du armer Mensch, mir ist dieses Feuer eine Kühle, dir aber bringt es ewige Pein.«
Laurentius ist zum Schutzpatron von Berufsgruppen geworden, die mit offenem Feuer zu tun haben, zum Beispiel der Feuerwehrleute, Bäcker und Köche. Der Verband der Köche Deutschlands lässt sein Bundestreffen traditionell am Laurentiustag stattfinden.
Mariä Himmelfahrt
Mariä Himmelfahrt
15. August
Mariä Himmelfahrt wird auch als Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel bezeichnet. Im Gegensatz zu Christus ist Maria also nicht selbst in den Himmel aufgestiegen, sondern wurde dort aufgenommen. Christus steigt selbst in den Himmel auf, während seine Mutter dort aufgenommen wird. Schon seit dem 5. Jahrhundert wird Mariä Himmelfahrt am 15. August gefeiert. Maria gilt durch ihre leibliche Aufnahme in den Himmel als »Ersterlöste«. Das Versprechen der Erlösung gilt für jede und jeden. Und so ist Mariä Himmelfahrt auch ein Fest der Hoffnung und des Trostes: Es zeigt, dass der Tod nicht das Ende ist, sondern ein Übergang zum ewigen Leben.
Schöpfungszeit
Schöpfungszeit
1. September – 4. Oktober
Im traditionellen Kirchenjahr ist die Schöpfungszeit ein Frischling. Im Jahr 2007 wurde sie von der Europäischen Ökumenischen Versammlung ausgerufen. In der Zeit zwischen dem 1. September und dem 4. Oktober eines Jahres sollen die christlichen Kirchen für den Schutz der Schöpfung beten und einen nachhaltigen Lebensstil fördern. Die Anregung dazu kam 1989 aus der orthodoxen Kirche, dort ist der 1. September der Beginn des Kirchenjahres. Der 4. Oktober ist der Gedenktag des Franz von Assisi, der auch als Umweltheiliger gilt.
Aktuell richten immer mehr Gemeinden in der Schöpfungszeit ökumenische Gottesdienste aus, viele davon finden unter freiem Himmel statt. Dazu kann ein ›Verpflichtungsteil‹ gehören, in dem Besucher sich zu einem achtsamen Umgang mit der Schöpfung oder der Förderung eines konkreten Umweltprojektes verpflichten. So weist die Schöpfungszeit zurück auf den jahrtausendealten göttlichen Auftrag an den Menschen, fürsorglich mit der Erde umzugehen – und sie zu bebauen und zu bewahren (1. Mose 1,28).
Kreuzerhöhung
Kreuzerhöhung
14. September
Am Fest der Kreuzerhöhung wird das Kreuz Christi für Katholiken und orthodoxe Christen greifbar: Kreuzesreliquien werden präsentiert (»erhöht«) und im Gebet verehrt. Theologische Reflexion und Kontemplation, Wunderglaube und Segen verbinden sich. Die Reformatoren – skeptisch gegenüber Heiligen- und Reliquienverehrung – witzelten, aus den in aller Welt verbreiteten »originalen« Kreuzessplittern lasse sich ein ganzes Schiff bauen. Und sie kritisierten, tote Materie könne nur ablenken vom lebendigen Gott. Die erste Aussage lässt sich schnell als Übertreibung identifizieren: Würde man alle Kreuzessplitter sammeln und wieder zusammensetzen, bekäme man wohl gerade mal den Querbalken des Kreuzes heraus. Über die zweite Aussage lässt sich dagegen trefflich debattieren. Warum nicht das sinnlich Erfahrbare hervorheben? Das Kreuz ist als Reliquie gegenwärtig und Zeichen der Heilsbotschaft, dass Jesus Christus die Menschen durch seinen Tod mit Gott versöhnt hat.
Hildegardistag
Hildegardistag
17. September
Vom Rheingau aus bewegte die Benediktinerin Hildegard im Mittelalter Menschen und Welt: mit ihren Schriften und Briefen, Kompositionen, der Natur- und Heilkunde, ihrer mutigen Pragmatik. Hildegard von Bingen (1098-1179) gilt als Universalgelehrte und ist eine von 36 Kirchenlehrer:innen der katholischen Kirche. Die Mystikerin setzte ihr prophetisches Talent ein, um Ziele psychologisch und politisch durchzusetzen. Die Äbtissin kritisierte Klerus und Kaiser, war gefragte und geschätzte Gesprächspartnerin in einer Zeit im Umbruch. In ihren Schriften sieht Hildegard von Bingen den Menschen als geliebtes Geschöpf Gottes, eingebettet in den Kosmos. Sie war so frei, über weibliche Sexualität zu schreiben und erlaubte, dass Nonnen unverschleiert und mit offenem Haar an Festtagen in der Kirche Psalmen sangen. Sie prägte den Begriff »Grünkraft« – »viriditas« – als Energie des Wachsens und Gedeihens. Ihre Gebeine sind heute in der Wallfahrtskirche in Eibingen am Rhein aufbewahrt, am Fuße der Benediktinerinnenabtei St. Hildegard.
Evangelist Matthäus
Evangelist Matthäus
21. September
Dieses Wunder steht nicht in der Bibel: Der Apostel Matthäus, heißt es, soll die äthiopische Königsfamilie für das Christentum gewonnen haben, indem er die Prinzessin Iphigenia vom Aussatz heilte. Iphigenia wollte ihr Leben daraufhin als Jungfrau ganz in den Dienst Jesu stellen. Das Ganze endete tragisch: Als Hirtacus, ein Onkel von Iphigenia, König geworden war und sie zur Frau begehrte, trat Matthäus ihm entgegen und sagte, dass sie Braut eines höheren Königs sei – worauf Hirtacus ihn am Altar erdolchen ließ. Die Reliquien von Matthäus werden seit dem 11. Jahrhundert in Salerno verehrt. Der Todestag des Märtyrers, der 21. September, wird heute als »Gedenktag des Apostels und Evangelisten Matthäus« begangen. Historiker sind sich inzwischen zwar sicher, dass der Autor des Matthäusevangeliums nicht mit dem Apostel Matthäus, dem Protagonisten der Legende um Iphigenia, identisch gewesen sein kann. Da genauere Lebensdaten des Evangelisten Matthäus fehlen, wird seiner aber am Todestag des Märtyrers Matthäus quasi »mitgedacht«. Ein Stück Wahrheit enthält die Legende aber doch: Sie erzählt von einem Mann, der vom Glauben an Christus ergriffen war und sich durch nichts davon abhalten ließ, die frohe Botschaft zu verkünden. Solche Glaubensfreude und -tiefe spricht auch aus den Worten des Matthäus-Evangeliums. Die Überzeugung, dass hier besondere göttliche Inspiration am Werk war, dokumentiert die christliche Ikonographie: In der bildenden Kunst wird der Evangelist Matthäus zumeist von einer Engelsfigur begleitet.
Jonatag
Jonatag
21. – 22. September
Das Buch Jona der hebräischen Bibel erzählt prägnant und literarisch von Gottes Auftrag: Der Prophet Jona soll die Stadt Ninive retten. Entstanden ist die kurze und symbolträchtige Novelle im vierten Jahrhundert vor Christus. Sie wird am höchsten jüdischen Feiertag – dem Versöhnungsfest Jom Kippur – in der Synagoge gelesen. Die Erzählung des Mannes, der von einem Fisch verschlungen wird, findet sich auch in der 37. Sure des Koran. Bis heute gibt sie Lesenden und Künstlerinnen Anlass zu vielfältigen Interpretationen. Kann man vor Gott fliehen? Wie ist das Überleben im Bauch eines Fisches zu deuten? Und was ist der Grund für Jonas tiefe Traurigkeit, obwohl er trotz aller Widerstände seine Mission erfolgreich erfüllt hat? Das Buch schließt mit einer rhetorischen Frage Gottes – und es erzählt von einer Liebe und Fürsorge, die Jona als eigenständiges Individuum ernstnimmt und zugleich menschliches Wissen, Wollen und Können übersteigt. Christliche Kirchen in aller Welt gedenken Jona am 21. und 22. September, unmittelbar vor der Tag- und Nachtgleiche am kalendarischen Herbstbeginn.
Michaelistag
Michaelistag
29. September
Engel haben in der zweiten Jahreshälfte Hochkonjunktur. Dabei erzählt die Bibel eigentlich gar nichts über ihr Aussehen. Viel wichtiger ist die Botschaft der Engel (griechisch: angelos = Bote). Sie schützen und führen, sie reden und begleiten, manchmal stellen sie sich auch in den Weg und kämpfen. Als eigenständige Wesen spielen sie jedoch keine Rolle. Nie sind sie selbst Mittelpunkt, sondern weisen immer über sich hinaus auf ihren göttlichen Auftraggeber. Das zeigt sich auch in ihren Namen: Von Lucifer, dem gefallenen Engel, abgesehen, enden alle mit der Silbe -el. Sie bedeutet auf Hebräisch »Gott« und sagt, dass kein Engel ohne Gott denkbar ist.
Michael ist einer von ihnen. Im alttestamentlichen Buch Daniel wird er als »Erster unter den Engelfürsten« und als »Schutzengel Israels« bezeichnet (Daniel 10). An ihn und an alle anderen Engel erinnert der Michaelistag am 29. September. Wenn die Nächte wieder länger werden und das Licht abnimmt, wird davon erzählt, dass Gott auch in dunklen Zeiten da ist: »Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, und sie werden dich auf Händen tragen, auf dass du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.« (Psalm 91)