A-
A
A+
Diese Website verwendet Cookies, um Ihnen ein gutes Benutzererlebnis bieten zu können. Wenn Sie unsere Dienste weiterhin nutzen, gehen wir davon aus, dass Sie damit einverstanden sind. Weitere Informationen VERSTANDEN!

Mein Sonntag

Ein Maulwurfshügel im Gras auf dem ein Blättchen wächst.

Zu Friedhöfen fühle ich mich seit jeher hingezogen. Seit vor zwei Jahren meine Schwester und kurz nach ihr mein Schwager verstarb, gehöre ich zu den vielen Menschen, die ein Grab pflegen und gestalten. Das ist oft sehr arbeitsintensiv, aber gerade jetzt in der stillen Zeit sind die Besuche am Grab für mich wie kleine Auszeiten und sie helfen mir bei der Verarbeitung meiner Trauer.

Im Sommer blühten auf »meinem« Grab Rosen und Margeriten, Husarenköpfe, Pfingstrosen und Hortensien. Alles schön also – wäre da nicht der kleine Untermieter, der mir ziemlich zu schaffen macht: ein Maulwurf, der regelmäßig das Grab umpflügt und kleine Hügel zwischen den üppigen Stauden hinterlässt. Im Sommer musste ich sie fast täglich wieder glatt bügeln – und so manche Pflanze wurde von dem kleinen Übeltäter entwurzelt.

Als ich am Tag vor Allerheiligen stundenlang in der Kälte am Grab kniete und mühevoll ein Puzzle aus Tannengrün legte, schwante mir Böses: Wenn der mir das jetzt ständig umpflügt – ätzend! Mein Vater hatte einen guten Tipp parat: Holzbrett mitnehmen und immer draufhauen – dann zieht er leine! Nun gut: Es ist natürlich absolut verboten, Maulwürfe zu töten oder zu verletzen, darauf steht sogar ein Bußgeld. Aber ihn ein bisschen zu ärgern, damit er weiterzieht, ist ja vielleicht erlaubt. Schließlich ärgert er mich ja auch!

Also habe ich ein Brett dabei, als ich an diesem Sonntag das Grab besuche. Und tatsächlich: Weit und breit auf dem Gräberfeld alles pico – nur auf »meinem« Grab drei Hügel, über denen sich die liebevoll drapierte Tanne nach oben biegt. Zuerst bin ich sauer, aber dann muss ich lachen. Ich stelle mir vor, was mein Schwager sagen würde: »Ach, nun lass doch den kleinen Kerl! Der hat hier richtig Spaß!« Und irgendwie rührt es mich ja auch ein bisschen. »Der fühlt sich halt wohl in eurer Nähe!«, sage ich zu den beiden. Ich kann den Maulwurf verstehen … Vor allem aber tröstet mich ein Gedanke: »Bei euch ist eben noch richtig Leben in der Bude!«

Ulrike Berg

Den Sonntagsblog finden Sie ab diesem Samstag, den 23. November, in unserem neuen Newsletter »die andere zeit« , der ab dann jeden Samstagabend erscheint. Hier können Sie ihn abonnieren.