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Mein Sonntag

Ein Blick von oben auf das Scrabbel-Brett.

Wir folgten einer Familientradition und spielten am Samstagabend Scrabble. Mein 16-jähriger Neffe war bei uns zu Gast, meine Tochter hatte ihre beste Freundin eingeladen. Das Spiel hatten meine Eltern in ihren letzten Lebensjahren geliebt. Die Buchstaben waren aus Holz und ihr Brett war in der Mitte schon geklebt. Und immer, wenn wir zusammen waren, kam das Spiel auf den Tisch. Meine Mutter war in Scrabble fast nicht zu besiegen. Trotzdem hatte mein Vater immer wieder versucht, ihre Überlegenheit durch schräge Wortkombinationen auszuhebeln – und sich so Punkte zu sichern. Ich sehe ihn vor mir, nach plausiblen Erklärungen suchend, hysterisch lachend und uns mitreißend. Manchmal ließen wir uns sogar überzeugen. Schließlich profitierten wir nicht selten selbst davon, weiter anlegen zu können.

Dieser Gewohnheit folgten wir auch am Samstag. Wir diskutierten und konsultierten die App »Scrabblemania«, um dann doch unseren eigenen Regeln zu folgen. Ein Abend erfüllt mit Lachen, Inspirationen, Staunen und dem Gefühl, dass meine Eltern mit uns am Tisch saßen.

Am nächsten Morgen machte ich, noch etwas müde und fahrig, den Abwasch. Dabei kam ich mit der Hand gegen eins der Gläser, die ich nach ihrem Tod zu mir genommen hatte – und die sie bereits von ihren Eltern geerbt hatten. Auf einen Schlag lagen die zarten, lila gefärbten Scherben vor mir. Wehmut und Traurigkeit überfielen mich. Irgendwann würde ich wahrscheinlich keins dieser Gläser mehr haben, dachte ich. Ich atmete tief durch. Dann tauchte der vergangene Abend wieder in mir auf und wurde gegenwärtig. Manches Glück zerbricht nie.

Sabine Henning