A-
A
A+
Diese Website verwendet Cookies, um Ihnen ein gutes Benutzererlebnis bieten zu können. Wenn Sie unsere Dienste weiterhin nutzen, gehen wir davon aus, dass Sie damit einverstanden sind. Weitere Informationen VERSTANDEN!

Mein Sonntag

Innenansicht über das Lenkrad des Mercedes in den Elbtunnel

Jeder Mensch braucht kleine Fluchten. Meine ist, zugegeben, politisch ziemlich inkorrekt: Ich fahre sonntagabends gerne in einem alten Auto zweckfrei durch die Gegend. Ich hoffe auf Gnade vor dem jüngsten Ökobilanz-Gericht, weil ich auf Flugreisen verzichte und fast jede wirkliche Transportaufgabe mit dem Fahrrad erledige. Und vielleicht darf ich zu meiner Entlastung noch anführen: So ganz sinnlos sind meine Fahrten nun auch wieder nicht.

Bis vor einiger Zeit war ich auf Alleinreisen von Ängsten geplagt. Besonders vor Tunneln und Brücken. Nach Italien durch den Gotthardtunnel? Nie und nimmer – stattdessen wählte ich den langen Umweg über Passstraßen. Und während eines Urlaubs am Nord-Ostseekanal joggte ich mutig auf eine Brücke zu, bis mich nach wenigen Schritten Herzflattern und eine drohende Ohnmacht zur Umkehr zwangen. Solche Ängste sind in Hamburg, vom südlichen Rest des Landes durch den breiten Elbstrom getrennt, ziemlich hinderlich.

Nun ergab es sich, dass ich vor Kurzem einen 50 Jahre alten Oldtimer günstig erwerben konnte, den in ähnlicher Form schon mein Vater fuhr und mit dem ich viele schöne Kindheitserinnerungen verbinde. Ein solches Auto sollte auch ab und zu bewegt werden. Als flüssig zu fahrende, ampelarme Standardrunde bietet sich von mir zuhause eine Kombination aus Elbtunnel (drei Kilometer), Köhlbrandbrücke (vier Kilometer) und Elbbrücken an. Allerdings eine Höllenstrecke für Klaustro- und Akrophobe: Kürzlich würde eine Niederländerin auf der Köhlbrandbrücke von der Polizei gestoppt, als sie ihr Auto rückwärts von der Brückenauffahrt steuern wollte. Sie hatte erst auf der Rampe realisiert, dass die Schrägseilbrücke sich zu einer stattlichen Höhe von über 50 Metern aufschwingt.

Bei der ersten Ausfahrt auf dieser Runde spürte ich die Angstgeister noch. Doch auf dem Fahrersitz des Oldies, umgeben von all den vertrauten Stilelementen einer behüteten Vergangenheit, fühlte sich das irgendwie anders an. Sitzt da nicht meine Mutter auf dem Beifahrersitz? Liegt dahinten auf der Ablage nicht der Hut meines Vaters? Langsam, aber stetig wandelte sich die Angstrunde in eine Genussrunde. Im Tunnel erfreue ich mich an der gemütlichen Lichtstimmung, auf den Brücken an dem sensationellen Blick über Hafen und Stadt. Jetzt ist die kleine Tour für mich zu einem liebgewonnen Ritual geworden, bei dem ich mit Altem abschließen und mich auf Neues freuen kann.

Frank Hofmann