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Mein Sonntag

Ein Flur, der auf eine Tür zuführt. An der Decke eine Schild mit der Aufschrift "Glauben".

Meine erwachsene Tochter ist ein Nachtmensch. Es war schon zu Schulzeiten so, dass sie Hausaufgaben oder das Lernen fürs Abi vorzugsweise auf die Uhrzeit legte, in der wir anderen Familienmitglieder bereits zu Bett gingen. »Dann habe ich Ruhe zum Arbeiten«, sagte sie. Irgendwann habe ich das akzeptiert. Jetzt studiert sie, und ich bekomme ab und an Sonnenaufgangsbilder, wenn meine Tochter in den frühen Morgenstunden vom Arbeiten an der Universität zu sich nach Hause fährt.

Auch am Samstag sollte ich sie nach einem gemeinsamen besuchten Konzert nach 22 Uhr an ihrem Institut absetzen. Es war stockdunkel, kaum eine Menschenseele unterwegs. Mir war das gar nicht recht, sie dort zu verabschieden. Sie winkte mir noch zu und verschwand im Gebäude. Mit einem Kloß im Hals fuhr ich von dannen, schlief schlecht und war am Sonntagmorgen entsprechend gerädert. Dieser Abschied am verlassenen Unigebäude ließ mich nicht los. Ich hoffte auf ein Bild, eine Nachricht von ihr; etwas, dass mir signalisierte: Mach Dir keine Sorgen, es geht mir gut.

»Glauben«: Dieses Foto von ihr aus dem nächtlichen Universitätsgebäude war die Antwort auf meine Sorgen, meine Zweifel – ohne dass ich diese ihr gegenüber geäußert hatte. Ja, ich will glauben und erkenne: Sie ist eine junge Frau, die eigenständig für sich entscheiden kann. Die ihren Weg findet, auch ohne mein Beisein. Die sich behütet weiß und die ich behütet wissen darf.

Sarah Seifert