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Mein Sonntag

Blick auf Schuhe auf Asphalt, auf dem ein Herz aus Papier liegt.

Foto (c): MissX/photocase.de

Jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit muss meine Freundin Doris durch die Fußgängerzone. Und jeden Morgen sitzt er da: ein Wohnungsloser, eingehüllt in eine Wolldecke, neben sich vier Plastiktüten mit seinem Hab und Gut. Sie hatte mir schon öfter von ihm erzählt, vor allem, weil es sie zunehmend in Sorge versetzte, dass seine Füße in ein paar alten, durchlöcherten Stoffschuhen steckten. »Das kann doch nicht wahr sein! Nachts ist es immer noch so kalt. Der holt sich Frostbeulen – wahrscheinlich sogar den Tod«, jammerte sie Freitag schon wieder ins Telefon. Ich verstand ihr Mitgefühl, musste aber auch etwas schmunzeln: »Du bist echt ne unverbesserliche Mutti…« Nun war sie beleidigt – und offensichtlich hatte ich sie auch noch bei ihrem Ego gepackt: »Mir egal. Ich tu jetzt was. Sonntag ist verkaufsoffen und ich habe frei. Da fahr ich in die Stadt, schnapp mir den Kerl und kauf ihm ein paar dicke Winterschuhe!«

Am Sonntagmorgen um 11 klingelte mein Handy – Doris. »Ich brauch deine Hilfe«, rief sie ins Telefon. »Kannst du in die Stadt kommen?« Ich war etwas genervt, denn eigentlich passte mir das gar nicht, aber Doris hatte mir auch schon so oft geholfen, wenn ich in Not war. Unterwegs fragte ich mich, was sie denn nun eigentlich wollen könnte. Hatte es Verständigungsschwierigkeiten gegeben? Oder war der Mann krank geworden?

Schon von Weitem sah ich die beiden. Der Wohnungslose saß an seinem gewohnten Platz auf einer Isomatte und trank einen Kaffee, den Doris ihm wohl in der Zwischenzeit besorgt hatte. Sie stand vor ihm und redete auf ihn ein. »Ah, da bist du ja«, begrüßte sie mich freudig. »Das Problem ist: Matthias kann hier nicht weg. Das hier ist der beste Platz in der ganzen Stadt. Er ist windgeschützt und es kommen ziemlich viele Leute vorbei, die Geld in seinen Becher werfen. Auf diesen Platz sind alle scharf! Wenn er weggeht, um Schuhe mit mir zu kaufen, übernimmt ein anderer den Platz – und dann ist der weg.« »Aha«, murmelte ich, mit den Gesetzen der Straße gänzlich unvertraut. Doris sah mich erwartungsvoll an, aber ich verstand nicht recht, was ich nun machen sollte. Zögernd wies sie mit der Hand Richtung Isomatte. »Du musst dich hier hinsetzen und den Platz besetzen, bis wir wieder da sind.«

Drei Minuten später waren Doris und Matthias auf dem Weg ins Schuhgeschäft – und ich saß auf der Isomatte, eingehüllt in eine zerschlissene Wolldecke, vier Plastiktüten neben mir.

Ulrike Berg