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Mein Sonntag

Es kommt nicht häufig vor, dass ich in der Lebenswelt meiner Tochter Philine (9) inhaltliche Übereinstimmungen mit meiner eigenen Kindheit entdecke. Umso mehr freute ich mich, als sich heute eine mögliche Gemeinsamkeit andeutete. Wir besuchten, nun schon im dritten Jahr hintereinander, die Karl-May-Festspiele in Bad Segeberg. Neben den themenaffinen Accessoires – Cowboyhut, Federschmuck, Armbänder – weckten diesmal auf dem Vorplatz zum Freilichttheater auch die Bücher von Karl May Philines Interesse.

Und so standen wir nun vor einer beeindruckenden Regalwand voller grüner Kunstleder-Einbände. Obwohl die Buchrücken alle neu glänzten, fühlte ich mich schlagartig zurückversetzt in die Langenfelder Stadtbibliothek, von der ich mir vor über vier Jahrzehnten einen May-Band nach dem anderen ausgeliehen hatte. Sogar die Bandnummern erinnerte ich – 7, 8 und 9 für die Winnetou-Trilogie, 36 für den »Schatz im Silbersee«. »Wie viele Bücher hast du von dem gelesen, Papa?«, reißt mich meine Tochter aus den Erinnerungen. »So um die 45«, sage ich. »Sind die genauso spannend wie das Theater?« – »Als Kind fand ich das sehr spannend«, entgegne ich und schlage vor, dass sie doch mal mit »Winnetou I« anfangen möge.

Nun bin ich gespannt. Wie wird eine an moderner, politisch korrekter Kinderliteratur geschulte Leseratte mit dem doch recht altertümlichen Stil Karl Mays zurechtkommen? Wie mit seiner stets eindeutigen Unterscheidung zwischen Gut und Böse? Mit den archaischen Gewaltszenen? Ob ich sie doch lieber warnen sollte? Andererseits: Wenn sie damit umzugehen weiß, kann ich ihr auch mal die Bibel empfehlen.

Frank Hofmann