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Mein Sonntag

Ein Eichhörnchen auf einem Baumstamm vor blauem Himmel.

Julia Nae/Photocase

Mein Fasten ist nahezu vorbei. Eine Woche lang habe ich nichts gegessen, nur Wasser, Brühe und Tees getrunken. Nun sitze ich nach meinem Yogaprogramm zum Frühstückstee am Sonntagmorgen an meinem Lieblingsplatz in unserer Küche, an der warmen Heizung, mit wunderbarem Blick über den großen Spielplatz direkt hinter unserem Haus.

Stattliche Bäume umgeben die großstädtische Oase. Sie sind noch blattlos und eröffnen mir um diese Jahreszeit das volle Panorama: Eichhörnchen jagen über die Äste, eine Taube hockt auf einem Zweig, Elstern bereiten laut schimpfend ihr Nest vor. Ein junger Mann trainiert auf dem Basketballfeld. Er schlägt mit den Fäusten in die Luft, macht Liegestütze und Springseilsprünge. Eine ältere Frau im langen schwarzen Mantel mit winzigen, spitzen Halbschuhen sucht wie jeden Tag die roten Mülleimer nach leeren Pfandflaschen ab. Sie läuft mit Gehstock und bindet ihr Kopftuch so, dass ich bei ihrem Anblick immer an die kleine Hexe aus dem Kinderbuch von Otfried Preußler denken muss. Eltern queren mit Kleinkindern den Platz. Ihre Zwerge in wattierten Winteranzügen wackeln wie magnetisch angezogen zu den Schaukeln und Sandkästen. Manche der Erwachsenen geben dem Willen der Kleinen kurz nach, andere reißen sie zackig auf den Weg zurück.

Ich beobachte die Szenerie und liebe alle und alles: die Tollkühnheit der Hörnchen, die Entspanntheit der Taube, die Aufgeregtheit der Elstern, die Disziplin und Energie des jungen Boxers, die Armut und Anmut der alten Frau und die Spielfreude der Kinder und den Zeitdruck vieler Eltern. Das alles kenne ich – ich sehe es jeden Morgen – und das alles ist auch in mir. Bisher habe ich es nur nicht so deutlich wahrgenommen. Heute Mittag werde ich mein Fasten beenden. Den anderen Blick auf die Welt werde ich hoffentlich behalten.

Silke Theune arbeitet im Vertrieb von Andere Zeiten. Sie ist Journalistin und Yogalehrerin und leitet in diesem Jahr bereits zum dritten Mal unseren Yoga-Kurs.