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Mein Sonntag

Zwei Kerzen stehen auf einem Tisch, ringsum verteilt liegen Kastanien. Direkt vor den Kerzen liegen sechs schwarze, schrumpelige Kastanien.

Wenn die Tage kälter und kürzer werden, immer häufiger graue Wolken aufziehen und die Sonne an Kraft verliert, sinkt bei vielen meiner Freunde die Stimmung. Abschied vom Sommer – für manche Menschen schwer. Bei mir ist es genau umgekehrt: Ich liebe es, wenn ich endlich die dicken Pullover vom Boden holen kann, die Äpfel im Garten reif werden, sich die Blätter langsam verfärben, wenn schon ab nachmittags ein gemütliches Feuer im Ofen lodert und überall Kerzen brennen und wenn heißer Tee, Pflaumenkuchen und Kürbissuppe auf dem Speiseplan stehen. Auch in Sachen Deko gibt es dann für mich kein Halten mehr: Überall im Haus werden Chrysanthemen, Pilze aus Ton und Zierkürbisse verteilt – und natürlich müssen sofort herbstlich gefärbte Blätter, Eicheln und Kastanien für die Tische und Kommoden her!

Da mein Sohn sich an diesem Sonntagnachmittag sowieso etwas langweilt, schicke ich ihn los: „Du kannst ja mal mit dem Fahrrad runter zum Waldweg fahren, wo die Kastanienbäume stehen, und gucken, ob Du schon ein paar Kastanien findest.“ Eine verantwortungsvolle Aufgabe, der er sich gern und ernsthaft widmet, denn er weiß, wie wichtig die Kastanien für mich sind. Er schnappt sich einen Leinenbeutel und radelt los.

Nach zwanzig Minuten schaue ich zum ersten Mal auf die Uhr. Komisch, wo bleibt er nur? Nach vierzig Minuten werde ich langsam unruhig. Und als er nach einer Stunde immer noch nicht zurück ist, mache ich mir ernsthaft Sorgen. Ich greife nach meiner Jacke... In diesem Moment biegt er mit dem Fahrrad um die Ecke – mit hochroten Wangen, etwas außer Atem und ziemlich aufgeregt. „Meine Güte, wo warst du denn so lange?“, frage ich. „Ich hab mir echt Sorgen gemacht.“ - „Mama, das war echt krass! Die Kastanien waren alle noch am Baum. Da hab ich gedacht, ich werfe was hoch – vielleicht fallen dann welche. Ich hab den Leinenbeutel reingeworfen. War natürlich Quatsch! Der blieb da hängen. Dann haben mir ein paar Jugendliche geholfen. Räuberleiter und dann mit Stöckern und so. Mann, das hat echt gedauert, bis wir den Beutel da raushatten. Und dann haben wir gesucht und gesucht, alle zusammen. Und stell dir vor: Ich hab doch noch welche gefunden. Nicht viele – aber immerhin!“

Stolz leert er seine „Beute“ auf dem Esstisch aus – und ich traue meinen Augen kaum: Sechs Kastanien liegen da. Aber nicht etwa solche, wie ich sie so gern mag: wundervoll warmes Braun, glatt und glänzend, sodass man sie sofort in die Hand nehmen möchte, oder sogar noch in ihrer stacheligen Hülle liegend. Pechschwarz sind sie, ihre Schale ist dünn und fühlt sich an wie brüchiges Pergament, die Narbe leicht angegammelt. „Toll, mein Schatz! Vielen, vielen Dank!“ Ich nehme meinen Sohn in den Arm.

Später sammle ich auch noch ein paar Kastanien: Garten und Straße vorm Andere Zeiten-Haus liegen voll davon. Und es wird die schönste Herbstdeko, die ich je hatte: die samtig braunen, wundervoll glatten, glänzenden Früchte aus dem Andere Zeiten-Garten. Und in der Mitte auf dem Ehrenplatz: die sechs Kastanien meines Sohnes. Sie mögen zwar ein bisschen gammelig und verschrumpelt sein, aber in Wirklichkeit sind sie die schönsten: Sie stecken voller Liebe!

Ulrike Berg