Auf unserem Mist gewachsen
Vor über zehn Jahren zieht Journalistin Katharina von Ruschkowski zurück auf den Bauernhof ihrer Kindheit – und führt ihn mit ihrem Mann als Ökobetrieb fort. Das Wachsen, das sich dort alljährlich auf den Wiesen und Feldern vollzieht, macht sie demütig – und zuversichtlich.
Autorin: Katharina von Ruschkowski
Es beginnt klein, manchmal sogar klitzeklein. In der Sommerhitze, wenn sich die Getreideernte des laufenden Jahres oft noch an den Halmen wiegt, werden die Saaten für die kommende Saison geliefert. Mein Mann Arne hat sich diesmal für Winterweizen der Sorte »Moschus« entschieden, ein »E«, also Eliteweizen, der auch als Brotgetreide taugen könnte, wenn er im Jahreslauf gute Protein- und Backeigenschaften entwickelt. Er wird den Triticale »Ramdam« ausbringen, eine robuste Kreuzung aus Weizen und Roggen, und Gerste namens »Julia«. Die Wintererbsen-Sorte heißt schlicht »EFB 33«, die Rotklee-Gras-Mischung trägt nur die Nummer »97«. Im Frühjahr kommen dann noch Bohnen, Hafer, Mais auf die Felder. Vor allem die Kleesamen sind winzig, kaum größer als ein O in diesem Text. Verloren wirken die Saatgut-Packs darum in den ausgefegten Getreidelagern – und sind zugleich eine riesige Verheißung: so viel Zukunft, in unseren Händen! Denn in nicht mal einem Jahr werden diese kleinen und großen Säcke wieder dafür sorgen, dass sich die Lager füllen. Wenn alles gut geht, bis unters Dach, bis an die Oberkanten der metallenen Hochsilos. Locker bringt ein einziges Weizenkorn 40 bis 50 Körner hervor, ein Gerstenkorn gar bis zu 90. Und aus den Kleekörnchen erwachsen ab dem Frühsommer Kaskaden eiweißreichen Grünfutters, das unsere Schweine und die Kühe eines Partner-Hofes nährt – und die Pflanzen des nächsten Jahres; sie speichern Stickstoff aus der Luft in ihren Wurzeln.
Diese wundergleiche Vervielfachung, die sich da auf Feldern und Wiesen vollzieht: Sie hat mich schon als Wissenschaftsjournalistin staunen lassen. Nun, als Bio-Bäuerin, lässt sie mich Ehrfurcht empfinden. Weil ich so hautnah mitbekomme, wie viele Entscheidungen, Mühen, aber oft auch Glück nötig sind, damit die Saat aufgeht und reiche Ernten beschert. Wir haben eben nicht alles in der Hand. Was auch immer man in die Erde senkt: Neben Saatgut, Technik und Geschick braucht es dafür Zuversicht – vielleicht sogar mehr denn je. Ich bin vor zehn Jahren mit Mann und Babybauch zurückgekehrt auf den Bauernhof meiner Kindheit im Ostwestfälischen, in ein Leben, das ich eigentlich für immer hinter mir lassen wollte. Ich hatte es ja erfahren: Von allein wachsen auf einem Hof nur Mäusebestände und Brennnesseln. Blicke ich zurück, höre ich meine Mutter sagen: »Immer ist irgendwas.« Vor allem zu Dorffesten und an Feiertagen standen plötzlich im Stall Geburten an oder eben Feldarbeiten. Natur hält sich nicht an menschgemachte Pläne. Ich sehnte mich nach einem geregelten (Arbeits-)Leben.
Ich dachte: Das Leben will das so.
Warum ich trotzdem zurückging? Um es kurz zu fassen: Durch zig Zufälle war da dieser Mann in meinem Leben, kein geborener, doch ein gelernter Landwirt – und unser Hof ohne Nachfolger. Ich dachte: Das Leben will das so. Und ich spürte: Dieses Hoferbe ist auch eine Riesenchance, nach der sich viele sehnen. Denn einen Hof von null an zu gründen, ist für normale Menschen mittlerweile fast unmöglich. Vor allem Boden, die Grundlage allen Wachsens, ist umkämpft und teuer wie nie. Die Preise für Ackerland haben sich in den vergangenen 30 Jahren mehr als verdoppelt. Hier, in Nordrhein-Westfalen, ist die Teuerung besonders irre: Über 80.000 Euro zahlten Käufer teils für einen Hektar Land, eine Fläche so groß wie anderthalb Fußballfelder. So viel kann niemand in einer Generation auf der Fläche erwirtschaften – trotz steigender Erträge und Effizienz in den immer größeren Betrieben.
Apropos: »Wachse oder weiche« ist seit Langem der Leitspruch der Landwirtschaft. Nur große Höfe hätten die Chance zu bestehen. Wir aber entschieden uns bald zu schrumpfen, was Tierzahlen und Erträge anbelangt. Im Sommer 2021 stellten wir den Betrieb auf Öko-Landbau um, um der Natur, doch vor allem dem Hof ein besseres Überleben zu ermöglichen. Mit unseren Bio-Schweinen, die wir mit den Feldfrüchten mästen, haben wir Platz in einer auskömmlichen Nische gefunden: Bio-Schweinefleisch hat einen Marktanteil von rund einem Prozent.
Arne zog damals vor mir aufs Land: Ende August, zu Beginn des neuen Jahres. Fragt man Bauersleute, wann ein neues Jahr startet, nennen sie nämlich nicht unbedingt den 1. Januar. Für viele beginnt es im Herbst, wenn die neue Aussaat ansteht.
Es ist die anstrengendste Zeit im Bauernjahr, arbeitsreicher als die Ernte. Die läuft mittlerweile wie nebenbei. Die großen Mähdrescher, die ab Juli staubend und schnaufend die aschblonden Getreidefelder abernten, schaffen in unserer Gegend mindestens 20 Hektar am Tag. Mein Vater erzählt mir oft: Für diese Fläche brauchten seine Ahnen, die noch mit Sense und Dreschkasten werkelten, in den 50ern mindestens zwei Wochen Zeit und »Standwetter«. Anders als heute wurde bei der Ernte darum jede Hand der Familie benötigt. Für die anschließende Aussaat flehten sie um Beistand von »des Himmels Hand«. Ich fand neulich diese Zeilen von Matthias Claudius: »Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land, doch Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand.«
Ich bin kein gläubiger Mensch und verstehe diesen Vers doch vollkommen, vor allem seit der Rückkehr ins Bauernleben. Wie wenige Berufsgruppen sind wir mit unserem Tun in ein großes Ganzes eingewoben und davon abhängig. Mein Mann und mein Vater, unser treuer Helfer, können der Saat in vielen Arbeitsschritten ein gutes, feinkrümeliges Bett bereiten, den Saattermin günstig legen, etwa vor angekündigtem Regen. Sie können die bestellten Felder zum passenden Zeitpunkt düngen und späterhin mit dem Striegel – einem großen Metallkamm – konkurrierende Beikräuter herausrupfen. Kurzum: Sie können manches tun. Doch ob die Saat am Ende gute Erträge bringt, ist damit noch lange nicht gesichert. So viel hängt am Wetter, an günstigen Temperaturen und Regenmengen, zur passenden Zeit.
Vor allem im Frühjahr, wenn sich die Getreidepflänzchen bestocken, also Seitentriebe bilden und dadurch später möglichst viele Ähren und Körner, sind sie sensibel und bedürftig – nach Nährstoffen wie Stickstoff, den der Dung unserer »Mistviecher « liefert, nach moderatem Regen. Doch durch die Klimaveränderungen kommt es ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt immer häufiger zu Spätfrösten oder Frühjahrstrockenheit. »Schönes Wetter«, also wochenlangen Sonnenschein, kann ich längst nicht mehr unbeschwert genießen. Neulich, bei einem Treffen mit Kollegen, fragte ein Alt-Bauer: »Was bringen uns die superpräzisen Maschinen, wenn der Regen immer unzuverlässiger wird?«
Tatsächlich glaubten wir Bauersleute lange, wir hätten die Natur im Griff – mit unseren Maschinen oder unseren Mitteln, die Wachstum begünstigen. Oder stoppen. Frühjahrs bringen viele konventionelle Kollegen Wachstumsregler aus: Die Halme sollen nicht zu lang werden, damit sie nicht unter den schweren Ähren einknicken. Haben wir auch gemacht, jahrzehntelang. Aber zuletzt beschlichen uns Zweifel, ob die Mittel den Pflanzen nicht mehr schaden als nützen. Wir begannen, manches am konventionellen Landbau zu hinterfragen.
Was mir wichtig ist zu betonen: Bio-Landbau ist kein Naturschutz. Auch wir fahren mit großen Schleppern übers Land, säen, mähen, halten die Beikräuter im Zaum. Schießen Ampfer oder Disteln ins Kraut, ist das mechanisch, mit Striegel und Hacke, nämlich deutlich schwerer zu kontrollieren als mit Chemie. Aber: Es ist möglich. Zumal ein bisschen Beikraut auch nicht schadet, sondern nützt: dem Bodenleben, den Bestäuberinsekten und damit auch uns. Ohnehin haben wir zuletzt die Erfahrung gemacht: Trotz Wetterkapriolen kann man sich auf die Natur und ihren Erfindungsreichtum noch immer verlassen.
Beispiel: Im vorvergangenen, extrem feuchten Frühsommer litten die Bohnenbestände vieler Kollegen unter einem Virusbefall. Pestizide brachten keine Besserung. Wir bauen Bohnen nach alter Tradition wieder im Mischfrucht-Anbau an, gemeinsam mit Hafer auf einem Acker. Beide Pflanzensorten zusammen lassen nicht so viel Beikraut aufkommen. Und schrecken offenkundig auch virusübertragende Blattläuse ab. Die nämlich fliegen – im Wortsinne – auf einfarbige Monokulturen. Unser bunter Feld-Mischmasch verwirrte sie und ließ sie weiterziehen.
Natur ist eine echte Komplizin, wenn man mit und nicht gegen sie wirtschaftet. Sie lässt wachsen, wenn man auch sie ein wenig wachsen lässt. Mir gibt das die Zuversicht, die so wichtig ist – auf dem Hof, im Leben überhaupt. Wir haben nicht alles in der Hand, auch wenn wir uns mühen. Wir müssen frohgemut nach vorn sehen: Weitermachen! Wird schon! Bislang durften wir am Ende jedes Bauernjahres eine gute Ernte einfahren. Vor allem der Brotweizen »Moschus« hat sich mächtig vermehrt.
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