Buchstabiere dich neu!
Sein eigenes Leben mal ganz anders sehen, die Wörter fließen lassen und sich innerlich sortieren – das alles geht im Schreiben. Im Urlaub ist Zeit dafür. Doch wie beginnen?
Autorin: Sabine Henning
»Am Anfang ist die Neugier« steht auf einer Karte, mit der die Autorin und Schreibtrainerin Susanne Niemeyer für ihre Schreibreisen und Workshops wirbt. Sie schreibt mit Teilnehmenden in Klöstern und in der Natur, etwa in Schweden, oft drei Stunden am Tag. »Die meisten möchten etwas ausprobieren, ihre Kreativität erforschen«, sagt Niemeyer. Doch nicht nur bei einer Schreibreise, sondern auch im Urlaub mit der Familie, Freunden oder auf Reisen allein, lässt sich mit dem Schreiben die Welt entdecken – innerlich und äußerlich.
Schreiben ist beliebt und vielseitig: Die eine schreibt Reisetagebuch. Die andere möchte ihre originelle Seite stärker ausleben, wieder andere eine schmerzhafte Trennung zu Papier bringen, den Sohn zur Konfirmation mit einer Geschichte beschenken oder in selbst geschaffene Fantasiewelten abtauchen. Schreiben, das ist Hand-Werk im Reich der Wörter, ist experimentieren, Erlebtes verdichten, staunen, sich entspannen. Im Urlaub ist die Chance größer als im Alltag, Zeit dafür zu finden.
Wichtig für das Schreiben ist eine gewisse Regelmäßigkeit, etwa 10 bis 15 Minuten jeden oder jeden zweiten Tag sind ein guter Anfang. Auch ein inspirierender Ort gehört dazu. Die Schriftstellerin Anna Platsch verbindet in ihren Kurse Stille und Schreiben. Zu ihr kommen Menschen, die Sehnsucht nach Spiritualität haben und sie schreibend erforschen möchten. »Es muss nicht unbedingt ein ruhiger Ort sein«, sagt die Autorin des Buches Gott im Hotel. »Aber es ist gut, ihn als ›heilig‹ zu kennzeichnen, mit einer Kerze, einem Blatt oder einer Feder zum Beispiel.« Auch an einen Baum gelehnt oder am Ufer eines Baches lässt sich gut loslegen.
Um hineinzukommen, hilft das »automatische Schreiben«: zehn Minuten alles aufschreiben, was einem durch den Kopf geht, was jetzt gerade ist. Ohne die Hand abzusetzen und ohne zu korrigieren. Wer am Rechner schreibt, stellt die Schrift auf weiß, sodass der Text auf dem Bildschirm unsichtbar ist. Rechtschreibung? Grammatik? Egal. Alles ist erlaubt! Die große Freiheit auf dem Papier, nichts ist zu banal. Und wie von alleine gelangt man durch das Gedankendickicht an wahre Wörter und stimmige Sätze. Spürt vielleicht sogar die eigentümliche Spannung, die einen einfängt und in der man alles um sich herum vergisst. Anna Platsch sagt dazu: »Eine Herzverbindung entsteht.«
»Das ist bestimmt schlecht«
Die Bibel spricht an verschiedenen Stellen davon, dass das Göttliche sich in unsere Herzen schreibt, dass es ein unauslöschlicher Teil von uns ist. Und vielleicht war es das, wozu Jesus nach außen sichtbar Kontakt aufnahm, als er mit der Hand in den Sand schrieb – um ihn herum die Pharisäer, die eine leidenschaftlich lebende Frau steinigen wollten. Aus dieser Versenkung im Schreiben heraus hob er den Kopf und sagte etwas Revolutionäres: »Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein« (Johannes 8,7).
Wenn sich beim Schreiben Hindernisse auftun, dann stecken die meist in uns selbst. Sie haben den tollsten Ort gefunden, die Kinder sind beschäftigt, die Kerze flackert, sie beginnen zu schreiben und dann mischen sich die bohrenden Stimmen ein, die sagen: »Das ist bestimmt schlecht. Das kannst du niemandem zeigen.« Für diese Momente rät Anna Platsch zu einem »Beiblatt«, das neben der eigentlichen Schreibseite liegt und auf dem man diese blockierenden Sätze notiert und ablegt.
Susanne Niemeyer hat einen Trick für den Umgang mit dem inneren Kritiker: »ihn zum Spielen zu bringen. Klein anfangen, nicht gleich den großen Roman im Hinterkopf haben.« Ein guter Beginn kann zu Beispiel sein, Listen zu schreiben. Etwa zum Thema: »Was noch nicht ist, aber sein könnte.« Dazu notiert man zehn Punkte, alles ist möglich, auch das komplett Unrealistische. Sie hat Beispiele parat: Diese reichen von »Gott verwandelt alle SUVs in Lastenfahrräder« bis zu »Mein Topf Basilikum könnte überleben«. Niemeyer: »Schreiben wird so zu einem Möglichkeitsraum.«
Schreiben kann auch entspannen
In den Kursen von Anna Platsch gehört es dazu, die entstandenen Texte einander vorzulesen. Es wird nichts korrigiert, sondern alles stehen gelassen. »Es ist nicht so leicht, etwas von sich zu zeigen, das nicht bewertet wird«, weiß sie. Doch sie und die Teilnehmenden machen dabei eine besondere Erfahrung: »Das geschriebene Wort trägt.«
Wer schreibt, begegnet auch schmerzhaften Themen. Und möglicherweise werden Konflikte, die jetzt im Urlaub hochkommen, deutlicher wahrnehmbar. »Das Schreiben kann dann helfen, sich zu sortieren«, weiß die systemische Therapeutin Antje Randow-Ruddies: »Indem ich etwas zu Papier bringe, gebe ich es von innen nach außen und kann es besser betrachten.« Dann fällt einem vielleicht auf, dass man sich in einer alten, wohlbekannten Denkschleife befindet. Das hilft oft schon, um wieder mit mehr Klarheit auf eine aktuelle Situation zu blicken. Schreiben kann auf diese Weise auch entspannen – und zur Erholung beitragen.
Artikel aus: Magazin zum Kirchenjahr 2/2024.
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