Das Festessen
Autor: Thomas Hirsch-Hüffel
Zwölf Leute sind eingeladen. Ella hat Geburtstag. Sie wird 55 am Wochenende. Es ist Montag. Ihr Mann Marco schlägt ein feines Menü vor. Er kann Fisch, er kann Marinaden, er kann Braten, er kann jetzt auch vegan, und zwar so, dass es schmeckt. Die Kinder haben darauf gedrungen. Also Marco hat es drauf. Er blättert ihr schon eine Speisenfolge hin, wie immer bei ihren legendären Essens-Festen. Ella druckst herum, erbittet Bedenkzeit. »Was ist denn mit dir los?« – »Naja, ich wills irgendwie mal anders«, sagt sie und die Temperatur im Raum sinkt. »Willst du Catering, oder was soll das werden?«
Ihr merkt, Marco hat die Hoheit übers Essen, und weil er es kann, mag man ihm nicht reinreden – und wenn doch, dann muss man durch einen Verhau aus Stirnfalten.
Also was nun, Ella?
Sie weiß es ja selber nicht so recht. Nur, dass es anders sein soll. Dann ist es dunstig im Kopf, und man denkt, ach lass es doch wie immer, weil das kennt man und der Mann ist wieder zufrieden.
Nie weiß man, was einem blüht
Ella bespricht sich mit Christoph, denn der wohnt in seinem zugigen Atelier zwischen Bilder-Stapeln, Ahnentafeln und Gaskochern. Den größten der Herde kann man in die Mitte des Raums rollen und Zwiebeln dünsten oder den Braten schmoren. Unvorstellbar. Und irgendwie völlig einleuchtend. So ist das richtig. Jedenfalls solange man da bei ihm sitzt.
Christophs öffnen Fenster ins Irgendwo. Nie weiß man, was einem blüht. »Warum nicht?« fragen sie. »Ich möchte mal anders Essen machen.« – »Warum nicht?« – Und schon ist Frischluft im Hirn, die Knoblauch-Ketten schwanken am Fenster. Was erlaubst du dir?
Ich erlaube mir Ausflüge ins Ungefähre.
Aber wir schweifen ab. Ella weiß jetzt, was sie will. Es reicht ja nicht zu wissen, was man nicht will. Marco knirscht, aber er spielt mit. 55 ist die Zauberzahl, da will er nicht im Weg stehen. Die Gäste sollen Zutaten, Rohstoffe mitbringen. Die sie für sich neu entdeckt haben kürzlich. Nachfragen kommen: »Äh, äthiopischer Nudelsalat?« – »Nein, nicht fertig, sondern ein Rohstoff, den du noch nicht kanntest.« – Oh, oh, da muss man forschen. – Lena wird Spitzkohl mitbringen, der ist ihr in 37 Jahren echt noch nie begegnet. Aber letzten Monat. Und jetzt ist sie bisschen süchtig.
Lebensmittel, wo man hinspürt
Marco sorgt für Grundnahrungsmittel, Kartoffelstampf, Reis, was für eine Sauce. Man will ja nicht blank dastehen. Die Kinder wollen Pudding.
Sonntag.
Der lange Holztisch, die Zutaten, die Leute drumherum, Prickelndes in den Händen. Setzt euch. »Erzählt die Geschichte zu eurem Stoff.« – »Äh, ja, also den Spitzkohl hab ich bei einem Klassentreffen kennengelernt. Da war auch meine alte Liebe, und ich war so verlegen wie damals, irre.« Dann die Irrfahrt mit der Bahn und die indische Familie, die ihr Essen an die Mitfahrenden verteilt, Dal heißt das. Die Jause in den Dolomiten, Schokolade und Kaminwurz. Lebensmittel, wo man hinspürt. Der Tisch voller Zeug, das sich nicht reimt, die Runde voll mit Erzählchens, die man nie gehört hätte ohne diese Einladung.
Dann die Aufgabe: Jetzt kochen. Mit dem, was da liegt – Kaminwurz, Spitzkohl, Schokolade, Mung Dal, Rettich, Maiskolben, Kängurufleisch, …
Anarchie. Ein Rezept gibt es nicht. Wie auch?
Die Münder offen, bis Lena sagt: »Also ich hab ne Idee mit meinem Spitzkohl, wer macht mit?« Und wie Dominosteine purzeln und Groschen fallen, so finden sich vier kleine Rudel zusammen, es läuft plötzlich alles wie am Schnürchen. Heiße Debatten, ob Schokolade und Spitzkohl möglich oder gar nicht, ja es geht. Man wird es schmecken.
Und das Beste: Es ist egal, alle werkeln im Risikomodus, niemand muss es können, aber alle haben Lust, dass es schmeckt am Ende.
Und ihr ahnt es, das wird ein Fünf-Gänge-Parcour mit Pudding und Seligkeit. Die Kinder vollkommen vergnügt dabei, denn das Chaos macht sie heute glücklich. Marco erstaunt über seine Freude an dem ganzen Verfahren.
Dann wartet Glück
Man sagt das so: Die Komfortzone verlassen, dann wartet Glück. Ja, stimmt, und gleichzeitig kann da auch Ärger lauern, eine Niederlage oder verdorbener Spitzkohl.
Es kommt drauf an: Wie groß wähle ich das Risiko? Ella hat ihren Leuten in der Einladung schon zugemutet, Ungereimtes zu denken. Die Nachfragen waren entsprechend verwundert. Aber sie hats durchgehalten, und die Überraschung aller durch alle war der Geburtstag schlechthin.
Man kann es auch etwas kleiner starten: Freier Nachmittag, Bewegung angesagt, Würfel einpacken, Stiefel an und los. Bei der ersten Abzweigung würfeln: gerade Zahl links, ungerade rechts. Möglich, dass man auf diese Weise nach einer Weile im Kreis geht, aber nicht lange. Plötzlich im Wald oder einem Hinterhof. Da ein Selfie mit Hintergrund.
Das Bild des Tages. Würfeln als ernstes Spiel. So vieles ist mir in meinem Leben zugefallen, und ich musste reagieren. Jetzt übe ich im Kleinen, mein Idiotendreieck rund um die Wohnung zu verlassen und fühle mich plötzlich angenehm fremd.
Dieser Text stammt aus unserem