Der schönste Unfall

Zur Ehe gehört ein Trauspruch. Unser Autor erzählt eine wahre Geschichte und davon, was so ein Motto fürs Leben bedeuten kann.

Autor: Thomas Hirsch-Hüffell

Milla und Marian haben sich im Krankenhaus kennengelernt. Sie lag im Flur, weil sonst kein Platz war. Meniskus. Er wurde eine Stunde später neben sie geschoben. Schlüsselbein. Sie hatte sich abseits der  Piste kurz hingehockt und erleichtert. Dabei kamen die Skier ins Rutschen und sie  sauste quer über die Piste, kreischend und lachend, die Hände wollten bremsen, aber nur die Büsche auf der anderen Seite hielten sie vom Fels fern. Marian also im Bett neben ihr. Der Gang dazwischen. Hastige Pflegerinnen dazwischen. Armbinde. »Wie kam das?«, fragt Milla. Er schweigt, dann gibt er sich einen Ruck. »Das glauben Sie nicht.« Sie: »Na, jetzt will ich es aber wissen!« Er lacht. »Ich die Leitnerpiste normal runter, nicht mal schnell, da rast mir eine Frau in der Hocke halbnackt vor die Füße. Ich dachte, ich spinne. Dann lag ich irgendwo, die Schulter im Eimer.«  

Sie schweigt. Dann lacht sie. »Was gibt’s da zu lachen?« – »Sorry, das war ich.« Im selben Jahr sieht man sie vorm Altar. »Dein Wort ist Leuchte für unsere Füße und Licht auf unsrem Weg.« – »Das war der schönste Unfall unseres Lebens«, sagen beide. Aber dabei soll es bitte auch  bleiben. Deswegen dieses Bibelwort aus Psalm 119.  Sie pachten eine Almhütte, im Sommer für die Wanderer, im Winter für die Ski-Leute. Ungeplant das erste Kind, so früh platzt es in ihre Startphase. »Na ja«, sagen sie, »gehen wir halt mit Kind weiter – wird schon für irgendwas gut sein.« Aber leicht ist es nicht. Sie werden bekannt für ihre nächtlichen Läufe. Wer üben will, wie man sich am Berg nachts zurechtfindet, ist bei ihnen richtig. Sie starten sommers um drei Uhr nachts und laufen mit den Mutigen durchs Dunkle. Man sieht nur, was  vor den Füßen liegt. Bei Mond mehr. Jeder hat eine  eigene kleine Lampe. Sie lehren die Leute, nur das zu beachten, was direkt vor ihnen liegt. Kein Gipfelblick, der entmutigen könnte – nur der nächste Schritt ist wichtig. Alle sind verwundert, wenn sie plötzlich oben ankommen und bei Sonnenaufgang das große Licht sehen. Juchzer, Umarmungen. »Wenn ich gewusst hätte, wie hoch das ist, wär ich unten geblieben«, sagt eine, »aber so Schritt für Schritt konnte ich es.«  

Als Milla und Marian etwas klappriger werden, kommen ihre beiden Söhne oft auf die  Hütte und übernehmen die  Nachtläufe. »Wer weiß, wozu  es gut ist« – der Seufzer beim ersten Kind. Spätestens jetzt wissen sie es. Weitergehen, so weit man sehen kann, das genügt auf den großen Strecken. »Leuchte für unsere Füße.« Nicht Leuchte für alles, nur fürs Nächste. 

Artikel aus: Magazin zum Kirchenjahr 2/2023. 
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