Der Weg durch die Wüste
Autorin: Ulrike Berg
Hänschen klein ging allein in die weite Welt hinein.« Uralt und zehntausendmal gehört. Doch hinter dem etwas ausgelutschten Kinderlied von Franz Wiedemann aus dem 19. Jahrhundert steckt mehr als abgedroschene Reime: Hier kommen große Themen wie Ablösung, Abschied und Neuanfang zur Sprache.
Viele Menschen sehnen sich nach Aufbruch und Veränderung. Die »weite Welt« kann der Traum von einer neuen beruflichen Herausforderung sein, vom Ortswechsel, von frischen Beziehungen oder bisher nicht gekannten Hobbys. Hauptsache raus aus dem ewig gleichen Alltagstrott. »Sich wirklich zu verändern, fällt schwer, weil es bedeutet, Gewohntes loszulassen«, sagt die Autorin und Ordensfrau Melanie Wolfers. »Und an diesem Punkt hakt es: Viele wollen ein neues Leben anfangen, aber kaum jemand will sein altes aufgeben.« Auch Hänschen kehrt um (zumindest in der heute bekannten jüngeren Textfassung) – allerdings nicht aus Zweifeln oder Bequemlichkeit. Er »besinnt sich«, weil »Mutter weinet«.
Eine Reise zu dir selbst
Neues zu wagen bedeutet nicht nur, Altes loszulassen (und manchmal auch Menschen zurückzulassen), sondern auch, sich auf unbekanntes Terrain zu begeben und damit ein Stück Sicherheit aufzugeben. »Da bläst einem rasch ein heftiger Gegenwind ins Gesicht und innere Widerstände nehmen einem den Wind aus den Segeln«, sagt Melanie Wolfers. Ihr größter Umbruch im Leben war der Eintritt in den Orden. »Ich wusste damals: Wenn ich jetzt nicht auf mein Herz höre, werde ich mich irgendwann mit der Frage herumschlagen, ob ich nicht eine Chance verpasst habe. Und mit diesen nagenden Zweifeln wollte ich nicht leben.« Eine mutige und eher ungewöhnliche Haltung, denn dass Menschen um verpasste Chancen trauern, ist nicht selten. Gemeinsam mit Andreas Knapp hat Melanie Wolfers das Buch Atlas der unbegangenen Wege. Eine Reise zu dir selbst geschrieben, das im Frühjahr erscheint.
Die Frage nach unbegangenen Wegen beschäftigt auch den Pastoralpsychologen Joachim Klein aus Wittmoldt bei Plön. Ihn fasziniert die biblische Figur Abraham, deren Geschichte im Buch Genesis erzählt wird. Abraham ist bereits ein alter Mann, als Gott ihn auffordert: Geh aus deinem Haus in ein Land, das ich dir zeigen werde. »Er soll also eigentlich etwas tun, was ein junger Mann tut«, sagt Klein. »Aber er geht! Was ihn dazu befähigt, ist eine innere Sicherheit und ein Grundvertrauen, dass er, wo auch immer er ist, gehalten ist. Die Bibel sagt: gesegnet ist.«
Ein naiver Typ, der blindlings befolgt, was Gott ihm befiehlt, war Abraham aber keineswegs. Im Gegenteil. »Als Gott Sodom und Gomorra bestrafen will, hat dieser Abraham die Stirn zu sagen: Du bist doch der Gott der Gerechtigkeit! Ich pack dich bei deiner eigenen Ehre. Du kannst doch die Menschen jetzt nicht untergehen lassen, die gerecht sind«, erklärt Joachim Klein. Im anschließenden Dialog zwischen Gott und Abraham wird deutlich, dass Abraham sich auf der einen Seite seiner Abhängigkeit bewusst ist und auf der anderen Seite Gott gegen Gott ins Feld führt. »Das ist ein ganz reifes Gottesverhältnis«, findet Klein. »Abraham wird nicht übermütig. Ähnlich wie Hiob: Der klagt Gott auch an und ist sich zugleich bewusst, dass er selbst Staub ist. Das ist für mich aufgeklärte Theologie. Weil ich dann nicht den Gott im Himmel brauche, sondern weil ich frage: Welchen Gott hab ich da eigentlich im Herzen und wozu taugt er?«
Sich selbst an die Hand nehmen
Fasten kann helfen, der Antwort auf diese Frage näherzukommen, denn bewusster Verzicht, eine »Wüstenzeit«, macht uns leer und hilft, den Blick zu schärfen – auf uns selbst, vor allem aber auf das große Ganze. Auch Jesu Weg zu Selbstleitung und Selbstbestimmung führte durch die Wüste (Matthäus 4,1–11). 40 Tage fastete er und schaffte es, den Versuchungen des Lebens zu widerstehen – sogar dem Angebot des Teufels, Macht über die ganze Welt zu haben. »Und dann bindet sich der gereifte Jesus an die Wirklichkeit und widersteht dem Sog nach Macht oder auch nach Ohnmacht«, erklärt Joachim Klein. »Und sagt: Nee, weder das noch das noch das! Und kann der Versuchung widerstehen, sich selbst in die Hand zu nehmen und Teile des großen Ganzen auszublenden.«
Es muss ja nicht gleich der vollständige Nahrungsverzicht sein – Veränderung kann im Kleinen beginnen. Allerdings kann einem angesichts der Weltlage schon mal der nötige Elan zum Aufbruch vergehen. Sich mit Fastenvorhaben wie Käse- oder Kaffeeverzicht zu beschäftigen, erscheint derzeit fast banal. Doch Joachim Klein ist sicher: Fasten kann weit über den persönlichen Horizont hinausführen: »Wer Ungewohntes wagt, fördert die innere Bereitschaft, generativ zu werden, also ein
Stück Verantwortung für die Welt zu tragen. Das kann die Elternschaft sein oder eine Art Berufung: ein Musiker oder eine Forscherin, die ihre Neugier umsetzt in ein Forschen zum Zwecke der Erhaltung dieser Welt, der nächsten Generation.« Diese Generativität stünde übrigens auch am Ende von Jesu Fasten: »Der Versucher lässt von ihm ab – und dann geht Jesus auf die Menschen zu. Und das ist der Zielpunkt.« Auch Abraham handelt generativ, als die Ressourcen und das Weideland für die Herden knapp werden. »Also eine Situation, wie wir sie jetzt im Globalen haben«, vergleicht Klein. »Wir stoßen an die Grenzen des Wachstums. Und da teilt Abraham das Land auf. Wirtschaftlich gesehen zieht er den Kürzeren. Aber das, was ihn leitet, ist sein Blick aufs Ganze. Ihm ist nicht wichtig, ob er sich gegen seinen Neffen durchsetzt, sondern dass die Familie als Ganze erhalten bleibt.«
Das ist das Gegenüber
Diese Haltung bräuchten wir, allen voran Politiker:innen und Machthaber:innen, um die Herausforderungen unserer Zeit anzugehen. Fasten kann ein Anfang sein, denn es schult den Blick und weitet ihn für das Ganze. Dabei hält Joachim Klein unabhängig vom gewählten Fastenvorhaben für wichtig, in dieser Zeit genau in sich hineinzuhören. Zum Beispiel durch bewusstes Essen. »Eine indische Weisheit sagt: Die Gedanken, die du beim Essen hast, werden multipliziert. Wenn du also mit Hast isst, multiplizierst du die Hast. Wenn du mit Zerstreuung isst, Zeitung liest dabei oder Handy, multiplizierst du die Zerstreuung. Wenn du mit Meditation oder mit Gebet isst, dann multiplizierst du das. Das wussten die Mönche, die beim Essen geschwiegen haben.« Bewusst atmen, bewusst gehen, bewusst die Zeit gestalten gehöre ebenfalls dazu, um immer wieder zu spüren: Ich bin, ich bin da! »Dann kann ich mich selber in Beziehung setzen«, erklärt Klein. »Ich bin ich und das ist die Welt und das ist das Gegenüber. Dann bin ich Subjekt und bin in der Lage, mit den Kräften, Ressourcen und Begabungen, die ich habe, zu tun, was möglich ist – und nicht mehr und nicht weniger.«