Die Kunst der Begegnung

Autor: David Krenz

Fotos: Silas Bahr

Alt und jung haben sich nichts zu sagen? Im Dresdner Projekt „Genau“ sieht man das anders. „Genau“ steht für Generationenaustausch“ („Genau“) und bringt Studierende mit Seniorinnen und Senioren in Zweier-Tandems zusammen. 

„Dann stand dieser bunte Vogel vor mir.“

„Frankie, was ist denn das Cooles?!“, ruft Timon Schulze, 28, als er Frank Sperling, 74, im Rollstuhl durch die Ausstellung „Soft Power“ schiebt. Die Schau zeigt himbeerfarbene Flächen, Wurmwesen-Gemälde und Schaumstoffskulpturen. Im Text der Künstlerin heißt es: „Wir können den Herausforderungen unserer Zeit nur mit kraftvoller Weichheit und Menschlichkeit begegnen.“

Hierher, in Dresdens Städtische Galerie, hatte die beiden Männer schon ihr erster gemeinsamer Ausflug geführt. Frank, pensionierter Theaterwissenschaftler und Fotograf, wollte Timon seine Welt zeigen. Der war kaum je in Galerien oder Theatern gewesen. Er sei „abgelegen aufgewachsen“, sagt er. Und Geld war auch selten übrig.

Ihr Kennenlernen lief über das „Genau“-Projekt. Vorher hatte er Vorurteile, gibt Frank zu. Er wusste, da kommt ein junger Mann aus der sächsischen Provinz – „und dann stand dieser bunte Vogel vor mir“.

Timon, zwei Zöpfe, Dino-Pullunder und Vivienne-Westwood-Ohrring, studiert Soziologie und sagt über seinen Weg ins Projekt: „Ich wollte einfach Menschen kennenlernen. Jeder lebt doch in seiner Blase und verlässt sie kaum.“

Was Pensionär Frank sofort mochte: „Wie Timon aus dem Bauch über Dinge sprach, von denen er keine Ahnung hat.“ Grinsend denkt er an einen früheren Galeriebesuch: „Er machte zwischen den Skulpturen Faxen – das hat mir gefallen! Ist das Beste, was einer Skulptur passieren kann: dass jemand sie belebt.“

Frank erzählte Timon vom Leben mit Polio und von seinen Leidenschaften. Autos zum Beispiel. „Gar nicht meins“, sagt Timon. „Und meins total“, sagt Frank. Timon fiel auf: „Wenn Frankie loserzählt, hat er oft ein Funkeln in den Augen. Da kommt immer was Interessantes bei rum.“

Auf einem Gemälde haben die Wurmwesen kleine Händchen, die sich berühren. Frank bemerkt, wie Timon das Bild studiert und zückt seine Einwegkamera. „Wenn ich etwas Schönes sehe, muss ich das festhalten.“ Timon lacht: „Und ich werde gern fotografiert.“ Keine Frage: Zwischen den beiden hat es „Klick!“ gemacht.

„Dass da jemand kommt, mit dem man fachsimpeln kann“

Sie eint die Liebe zur Musik. Aber letztlich brachte auch die Trauer um geliebte Menschen Elisabeth Mätje, 90, und Antonia Preising, 21, zusammen. Voriges Jahr starb Elisabeths Mann. Ein Verwandter erzählte ihr vom „Genau“-Projekt. „Mir gefiel der Gedanke“, sagt sie heute, „dass da jemand kommt, mit dem man vielleicht ein bisschen fachsimpeln kann.“

Antonia meldete sich an, weil sie früh lernte, was ältere Menschen zu geben haben. „Meine Uroma war ein unglaublich wichtiger Anker“, erzählt sie. „Sie hat immer zugehört und mich abgeholt, egal, wo ich im Leben stand.“ Mit 97 Jahren starb sie. „Sie hat viel durchgemacht – und dabei nie ihr Lächeln verloren.“

Auch Elisabeth habe beim Kennenlernen gelächelt, sagt Antonia. „Das hat es mir leicht gemacht.“ Die beiden sitzen in Elisabeths Wohnung nahe dem grünen Elbufer, an dem sie kürzlich spazierten. Antonia stellt ihre Brownies auf den Tisch. Vor Weihnachten tauschten sie Plätzchen. „Dass auch in Antonias Generation gern gebacken wird, habe ich vorher nicht unbedingt gewusst“, sagt Elisabeth.

Als Harfenistin reiste sie mit Leipzigs Gewandhausorchester um die Welt, Japan, Paris, USA. Ein Privileg zu DDR-Zeiten, wie Antonia erfuhr. „Mir war neu, wie schwierig eine Ausreise war.“ Antonia stammt aus Augsburg, studiert in Dresden Musik und spielt in mehreren Orchestern Geige. „Das ist meine große Leidenschaft.“

Miteinander musizieren sie nicht. „Die Harfe steht bloß noch als Schmuck hier“, sagt Elisabeth. Seit sie mit 60 Jahren im Orchester aufhörte, blieben die Saiten unberührt. „Entweder man spielt immer oder gar nicht“, sagt sie. „Ohne Hornhaut gibt es Blasen.“ – „Kenn ich von der Geige“, sagt Antonia. Die Harfe schweigt. Aber mit Antonia weicht die Stille aus dem Wohnzimmer.

„Ich habe eine coole Gesprächspartnerin gefunden.“

Es klingelt an der Tür. „Das wird meine Studentin sein“, sagt Lieselotte Filbrandt, 97 Jahre alt. Kurz darauf steht Liubov Kleshnina lächelnd vor ihr, wenige Minuten nach der vereinbarten Zeit. „Du bist doch sonst immer pünktlich!“, tadelt Lieselotte.

Gab es zwischen beiden mal Streit? Lieselotte guckt spöttisch: „Kommt noch!“ Liubov wird manchmal laut – aber nur, weil Lieselotte schlecht hört. Dafür funktionieren ihre Augen gut: Die Frauen verbindet ihr Blick für Formen, Räume und Ästhetik. Liubov, 24 und aus Russland, studiert in Dresden Architektur. Lieselotte arbeitete als Innenarchitektin.

In der Brigade des Architekten Wolfgang Hänsch half sie, das kriegszerstörte Dresden wiederaufzubauen. Wenn „Liuba“ auf ihrem Sofa sitzt, blättern sie gern in alten Arbeiten. Lieselotte entwarf Interieurs für die sozialistischen Wohnbautypen WBS 70 und IW 67, heute „Plattenbau“ genannt. Liubov kann mitreden: Sie stammt aus Toljatti, einer Industriestadt an der Wolga. „Unser ganzes Städtchen besteht aus solchen Häusern.“

Liubov fand zu „Genau“, weil sie einen Ausgleich suchte. „Ich hatte kein Leben außerhalb der Uni.“ Auf Lieselottes Sofa kommt sie zur Ruhe. „Ich passe mich ihrem Tempo an und höre ihre Geschichten. Ich finde, ich habe eine coole Gesprächspartnerin gefunden.“

Ein Thema streifen sie bislang nur vorsichtig: den Krieg. „Man will ja nicht einfach in die Seele reinplatzen“, sagt Liubov. Lieselotte sah 1945 Dresden brennen. Danach versteckte sie sich vor russischen Soldaten. „Ich war 16. Da hatte man als Mädchen Angst“, sagt sie. „Das hat meine Beziehung zu Russland geprägt. Aber Liuba ist eine andere Generation. Es kommt auf den Menschen an, nicht darauf, aus welchem Land er kommt.“

Erneut die Türklingel: Ein Blumengruß für Lieselotte, von ihrer Enkelin aus Stuttgart. Das schwere Thema wird vertagt. Stattdessen holt Liubov ihr Skizzenbuch hervor. Sie betrachtet Lieselottes Gesicht und greift zum Kohlestift. „Würdest du mir Modell sitzen?“ – „Wenn’s kein Akt ist“, sagt Lieselotte. Da grinsen sie sich an.

 

Über das Projekt

„Generationenaustausch“ ist ein 2024 gestartetes Projekt des Dresdner Sozialunternehmens Animando. Die Gründerin Theresa Ellinger berichtet von aktuell 14 Tandems aus je einer jüngeren und einer älteren Person, die meist nach gemeinsamen Interessen zusammengeführt wurden. Zuvor durchlaufen die Studierenden eine Schulung und schlüpfen dabei in einen Simulationsanzug, der altersbedingte Einschränkungen erfahrbar macht. „Wir wollen ihre Empathie fördern“, sagt Ellinger. „Unser Ziel ist ein Austausch auf Augenhöhe.“ animando.org

 

Dieser Text stammt aus dem Themenheft 

Anders Handeln "Auf der Suche"