Die Kunst loszulassen

Die Geschichte vom Leiden und Tod Jesu, wie sie uns in den Evangelien überliefert ist, ist weit mehr als ein Stück Biografie: Sie erzählt vom Abschiednehmen und Loslassen – und damit von einem Prozess, der unser ganzes Leben prägt.

Autorin: Ulrike Berg

Loslassen gehört zu den wohl schwierigsten Übungen unseres Lebens. Und dabei müssen wir es immer wieder: wenn die Kinder aus dem Haus gehen, eine Beziehung zerbricht, wir die Arbeitsstelle oder den Wohnort wechseln, wenn Träume platzen, ein Lebensabschnitt zu Ende geht oder ein geliebter Mensch stirbt. »Was das Loslassen so schwer macht, ist, dass Menschen sich ungern verändern«, sagt die Pastorin und Pastoralpsychologin Gudrun Bielitz-Wulff, die in der Nähe von Kiel lebt. »Veränderungen machen erst mal Stress und Angst, weil man nicht weiß, was kommt. Das ist auch bei Veränderungsprozessen in Firmen oder Institutionen so: Da gibt es immer Menschen, die ja auch zu Recht die Einstellung haben, zu sagen: ›Es soll alles so bleiben, wie es war.‹« 

Solche Beharrungskräfte kommen von außen und sind zugleich tief in uns verankert – und sie sind bärenstark. So setzt jedes Loslassen, jede Abschiedssituation immer auch einen Trauerprozess in Gang, der besonders schwer wird, wenn ambivalente Gefühle im Spiel sind: »Aggression und Wut, weil etwas oder ein anderer Mensch nicht mehr da ist. Aber auch liebevolle Gefühle, die plötzlich ins Leere gehen. Die dann zurückzunehmen und möglicherweise auch woanders hinzulenken ist ein Prozess, der viel Energie kostet.« Gudrun Bielitz-Wulff rät, alle Gefühle erst einmal zuzulassen und den Trauerprozess möglichst bewusst zu gestalten: »Rituale können helfen, Gespräche. Und Geschichten von Menschen, die in einer ähnlichen Situation waren: Wie sind die damit umgegangen? Das zu hören, hilft, sich zusammenzuhalten. Es ist ja so, dass man sonst auseinanderfällt.« 

›Warum könnt ihr denn nicht wenigstens eine Stunde mit mir durchwachen?‹

Die Bibel ist voll von Geschichten, in denen Menschen ihre Erfahrungen aufgeschrieben haben. »Zum Thema Loslassen finden sich viele kleine Splitter in der Passionsgeschichte «, sagt Bielitz-Wulff. »Zum Beispiel, dass Jesus unter dem Kreuz seine Mutter und seinen Lieblingsjünger zusammenbringt. ›Das ist dein Sohn, das ist deine Mutter.‹ Manchmal ist es so, dass der Pastor, der zum Trauergespräch kommt, für die Angehörigen an die Stelle des Verstorbenen rückt, weil man im Trauerprozess eine Person braucht, die den Verstorbenen repräsentiert. Vielleicht ist diese Szene unter dem Kreuz ein Bild für eine solche Projektion. Und auch die Szene, in der die Soldaten um Jesu Rock würfeln, beschreibt einen Teil von Trauersituationen: Die Hinterbliebenen streiten sich schon beim Beerdigungskaffee um das Erbe.« 

Kurz vor seiner Gefangennahme betet Jesus im Garten Gethsemane und bittet seine Jünger, mit ihm zu wachen. Die schlafen aber ständig ein. »Eine häufige Reaktion in der Trauer ist«, so Bielitz-Wulff, »dass sich der Trauernde abschottet und die Augen schließt, um Dinge nicht erleben zu müssen. Jesus fragt die Jünger: ›Warum könnt ihr denn nicht wenigstens eine Stunde mit mir durchwachen?‹ Das können sie eben nicht, weil es zu schlimm ist.« 

Auch die Geschichte der Emmausjünger im Lukasevangelium enthält viele Symbole für den Verlauf von Trauerprozessen: das Gespräch unter Freunden, ein gemeinsam zurückgelegter Weg. Aber Gudrun Bielitz- Wulff entdeckt noch einen weiteren Aspekt, den viele Tiefenpsychologen für ein typisches Merkmal in Trauerprozessen halten: »Als Trauernde muss ich das Objekt, das äußerlich ja nicht mehr da ist, sozusagen in mich hineinnehmen und in mir wieder aufbauen. Das haben die Emmausjünger noch nicht. Sie sind immer noch in tiefer Trauer und realisieren nicht, dass Jesus neben ihnen geht. Das heißt für mich: Sie haben ihn innerlich verloren. Und bei einem bestimmten Stichwort merken sie: Er ist es! Das ist ein Bild für eine Objektverinnerlichung.« 

Es gab auch dramatische Situationen

Besonders stark findet die Pastoralpsychologin die letzten Worte Jesu im Lukasevangelium: Meinen Geist befehle ich in deine Hände. »Obwohl Jesus am Kreuz auch die Gottverlassenheit zum Ausdruck bringt, wird hier klar: Er ist nicht in Depression oder komplette Hilflosigkeit verfallen, sondern er hat ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr dagegen gekämpft. Das ist eine Art trauernde Annahme der Situation.« Aus ihrer Erfahrung in der Krankenhausseelsorge weiß Gudrun Bielitz-Wulff: Nicht jede:r Sterbende macht angesichts des Todes Frieden mit der Situation. »Da gab es auch dramatische Situationen. Menschen, die ihre Schlafanzüge zerrissen haben. Auch die Kreuzigungsszene ist nicht frei von diesen dramatischen Emotionen. Aber die haben nicht das letzte Wort. Es kann ein Trost sein, dass es offensichtlich möglich ist, sich dem Tod mit einem gewissen Vertrauen in die Welt und in Gott zu stellen. Und die Hoffnung ist, dass vielleicht ja jede:r Sterbende in den letzten Minuten noch Frieden schließt.« 

Tröstlich findet die Pastoralpsychologin auch, dass Jesus seinen Geist nicht einfach weggibt, sondern in Gottes Hände »befiehlt«. »So bleibt Jesus der Handelnde. Und das zeigt mir: Ich kann innerlich Handelnde und Handelnder bleiben, auch wenn ich die Situation nicht ändern kann. Offenbar gibt es so einen Weg.« Und das gelte für jegliches Loslassen, bei einer Trennung zum Beispiel oder bei einer verlorenen Arbeitsstelle. »Auch wenn man äußerlich gar nicht mehr funktionieren kann, weil Emotionen und Sorgen lähmen, lässt sich die Hilflosigkeit möglicherweise abkürzen, wenn man innerlich die Einstellung gewinnt: Okay, das ist jetzt also meine Aufgabe!« 

Dass es einen Zeitpunkt gibt, an dem der Trauerprozess vollständig beendet ist, glaubt die Pastorin nicht: »Aber irgendwann ist man vielleicht nicht mehr ständig damit beschäftigt, sondern kann sich wieder mehr dem Leben zuwenden.« Die Chance, dass das klappen kann, sei vor allem dann gegeben, wenn man sich zumindest teilweise auf den Trauerprozess und die eigenen Gefühle eingelassen hat. »Dann kommt irgendwann der Punkt, an dem man wieder Lebensfreude empfindet, nach vorne schauen kann und offen für Neues ist.«