Die rot-weißen Spuren Gottes
Das Fest der Geburt Jesu beschert nicht nur Freude, Licht und Hoffnung, sondern auch eine Menge Geschenkestress. Doch die längste Zeit war nicht Heiligabend Bescherung, sondern am Fest des heiligen Bischofs Nikolaus am 6. Dezember.
Autor: Martin Löwenstein
Martin Luther, der die Heiligenverehrung in der katholischen Kirche ablehnte, dachte pastoral. Nikolaus solle doch besser nicht populärer sein als Christus selbst am Weihnachtsfest. In reformierten Landen galt daher: Persönliche Geschenke gibt es Heiligabend – und nicht am Nikolaustag. Das Jesuskind, das Christkind, also Gott selbst bringt die Geschenke. Dieser neue Brauch setzte sich durch – nur nicht überall. Denn in vielen Ländern Nordeuropas verschob sich zwar der Tag der Bescherung vom 6. auf den 25. Dezember, aber es blieb Santa Claus, der Heilige Nikolaus, der die Geschenke brachte, nun aber nicht mehr an seinem eigenen Fest. Und in den USA verschmolz über Einwanderer der Santa Claus mit Père Noël aus der Westschweiz oder (Groß-)Väterchen Frost aus Russland und dem Baltikum. Dann kam 1931 Coca-Cola, griff auf alte Darstellungen aus dem Süden Thüringens zurück, die aber auch schon ein Pfälzer als Auswanderer in die USA gebracht hatte. Und aus diesem Kuddelmuddel entstand der rundliche, freundliche alte Mann mit langem weißen Rauschebart und mit rotem und weißem Pelz – der im Englischen bis heute Santa Claus heißt, in Deutschland aber Weihnachtsmann.
Weihnachten feiern Christinnen und Christen das größte Geschenk: Gott selbst schenkt sich dieser Welt und wird geboren, in Armut mitten unter den Menschen. Damit ist es mit Ostern und Pfingsten das dritte große Fest der Christenheit. Nikolaus aber war im 4. Jahrhundert Bischof in der Hafenstadt Myra an der kleinasiatischen Mittelmeerküste, die bis ins 11. Jahrhundert zum christlichen Oströmischen Reich gehörte. Ganz sicher hat der Bischof kein rotes Pelzgewand getragen. Vielmehr hat er die Kirche in Myra geleitet, indem er den Glauben bezeugt hat und für die Menschen da war. Die Verehrung für ihn war bald schon so groß, dass sein Name zum beliebtesten Vornamen der Region avancierte: Nikolaus, zu Deutsch »Das Volk (Gottes) siegt«.
Zeugnis der Liebe
Auf seine Weise hat Bischof Nikolaus bezeugt: Gott ist nicht fern. Er wird lebendig erfahrbar, wo wir als seine Kirche in Wort und Sakrament, aber eben auch im Zeugnis der Liebe fortführen, was Jesus uns aufgetragen hat. Schon immer rankten sich um Nikolaus Erfahrungen und Sehnsüchte gläubiger Menschen – Legenden, die den Ursprung mit der Gegenwart und Christi Liebe mit dem christlichen Zeugnis der Liebe verbinden. Etwa, dass Nikolaus während einer Hungersnot ein vorbeifahrendes kaiserliches Schiff mit Getreide anhielt, damit sich erst die Armen ihren Anteil holen konnten. Oder dass er heimlich einer armen Familie ein Geschenk zum Fenster hineinwarf – und so den Töchtern eine gute Heirat ermöglichte.
Ein Glück: Neben den stressigen Weihnachtseinkäufen hat sich in manchem Haus dann doch noch eine Nikolaus-Tradition bewahrt. Am Vorabend stellen die Kinder ihre Schuhe vor die Tür und in der Nacht füllen sich diese wundersam mit leckeren Apfelsinen oder dem berühmten Schokoladen-Nikolaus (natürlich aus Transfair-Schokolade). Und das ist ein Anlass, sich über die Liebe zu freuen und einander zu danken.
Gott bleibt in dieser Welt nicht ohne Spuren
»Stirbt Gott, haben wir noch den Heiligen Nikolaus«, sagt ein slawisches Sprichwort. In den orthodoxen und orientalischen Kirchen ist Nikolaus als Heiliger besonders beliebt. Das Sprichwort entstammt einer Volksfrömmigkeit, die in vielen Kirchen des Westens einer Nüchternheit gewichen ist. Schade, denn darin kommt eine große Dankbarkeit dafür zum Ausdruck, dass die Gnade Gottes Spuren zeichnet. Auch manche, die sich in ihrer Tradition oder persönlich mit Heiligenverehrung schwertun, werden durch einen einfachen Vergleich vielleicht ein wenig nachvollziehen können, was orthodoxe Christen damit meinen: Ist nicht auch die Musik von Johann Sebastian Bach ein solches Gnadengeschenk? Gott bleibt in dieser Welt nicht ohne Spuren. Die Liebe und die Geschenke, die Menschen einander von Herzen machen, sind Zeichen seiner Gegenwart. Wie Nikolaus.