Ein Baum, ein Klassiker, eine alte Dame
Wir brauchen Widerstandskraft, gerade in diesen Zeiten. Das Fest der Auferstehung erinnert an eine Fähigkeit, die wir geschenkt bekommen – und üben können.
Autorin: Christina Brudereck
Die Resilienz ist wie ein Baum. Ein Ginkgo. Mit der nahezu alchemistischen Gabe, Grün in Gold zu verwandeln. Über ihm der weite Himmel. Im Untergrund Wurzeln. Steht nicht allein da, sondern in einem Wald.
Oder kleiner: Resilient ist die Brombeerranke, die sich nie für immer jäten lässt. An jedem Gartentag im Herbst ist sie wieder da. Und trägt sogar dicke süße Früchte.
Resilienz ist in. Denn wir erleben viele Grenzen. Persönlich. Als Gesellschaft. Weite Welt. Die Grenzen der Erde, der Demokratie, der Solidarität, unserer Ressourcen. Es kostet Kraft, angemessen zu reagieren. Resilienz lässt die Herausforderungen nicht verschwinden, sie ist die Fähigkeit, besser mit ihnen umzugehen.
Der Ginkgo ist die älteste noch lebende Pflanzenart unseres Planeten. Sein Doppelblatt, ein Symbol für das Miteinander von Gegensätzen. Baum des Jahrtausends. Zeichen der Überlebenshoffnung. Er zeigt, was Stärke verleiht: Die Fähigkeit zum Wandel. Halt in der Tiefe, die Verbundenheit zu dem, was Dich wachsen lässt. Die Gemeinschaft als Wald. Das Aufwachsen zum Himmel, der größeren Größe.
Resilienz ist Deine ganz eigene Kraft. Aber sie muss kein Soloprojekt sein. Wir können sie gemeinsam üben.
Die Resilienz ist wie ein Klassiker. Ein Evergreen. Der sich immer wieder ins Gedächtnis bringt. Eine Melodie, die Menschen vom Moll ins Dur singt. Texte, die ein paar Zeilen leihen in sprachloser Zeit. Hoffnung, die Konzerthallen füllt.
Oder kleiner: Ein Lieblingslied, das für dich zu einem Ritual gehört, einem Feiertag, zur Familie. Wenn du es hörst, bekommt der Tag eine Wende. Du stimmst beherzt ein, singst vielleicht etwas schief, nicht ganz textsicher. Es fließen Tränen, aber trotzdem hebt sich Deine Laune. Du wirst dankbar. Weißt, du bist nicht allein.
Resilienz ist ein Modewort. Denn wir erleben eine Tiefenkrise, weltweit. Eine Krisenkrise. Es sind zu viele. Wir sind mütend. Die Resilienz aber weiß von Harmonien. Sie summt uns ins Ohr: Du kannst von Glück singen.
Die Resilienz ist wie eine alte Dame. Eine Weise. Eine Lady. Sie hütet Erinnerungen. Plant für morgen etwas Schönes. Und in ihrem Gesicht lacht ein knallrot kecker Lippenstift.
Oder kleiner: Resilient ist die Zehnjährige, die ein Gedicht auswendig lernt. Ein erstes eigenes Gedicht schreibt. Mit klecksendem Füller und Tintenlöscher.
Resilienz boomt. Ich freue mich darüber. Wir brauchen Vertrauen in die Kraft der wohltuenden Veränderung. Dringend. Wir, unsere Weltgesellschaft. Wir, Familie Mensch. Die Resilienz hat gute Freundinnen: Empathie. Selbstfürsorge. Verbundenheit. Interesse. Sie heißt auch Widerstandsfähigkeit. Ich nenne sie am liebsten ›Trotzkraft‹.
Naomi Replansky ist 104 Jahre alt. Geboren 1918 in der Bronx. Das Jahr, in dem die Spanische Grippe ausbrach. Mit Corona erlebt sie ihre zweite Pandemie. Ihre Großeltern waren vor Pogromen geflohen. Sie lebt mit ihrer Frau in einer kleinen Wohnung in der Upper West Side. Mit Eva Kollisch. 98 Jahre alt. Geboren 1925 in Wien. Vor dem Holocaust geflohen. Als Naomi die Highschool beendet hatte, kam die Wirtschaftskrise. Sie war die Übersetzerin von Bertolt Brecht und schrieb selbst Gedichte. Eva arbeitete in Detroit in einer Autofabrik und engagierte sich in der Arbeiterbewegung. Heute lieben die beiden Spaziergänge. Gehen zur Meditation, einkaufen auf dem Markt, vegetarisch essen. Sind so beeindruckend lebensfroh. Sie haben überlebt. Pandemien, Verluste, Einschränkungen. Judenfeindlichkeit, Homophobie. Und sagen voller Überzeugung: »Es kommen immer wieder gute, neue Zeiten.«
Die alten Damen zeigen, was Stärke verleiht: Ein Ja zum Leben. Akzeptanz von Lücken. Gestaltungswille. Klugheit, die aus überwundenen Krisen lernt. Sich nicht als Opfer, sondern als Täter!n wahrzunehmen. Wach für die Realität zu sein und Teil einer Erzählgemeinschaft. Vertrauen in die eigene Kreativität. Selbstreflexion. Offenheit für ein Gegenüber. Austausch. Lachen. Liebe. Und: verzichten zu können.
G-tt. Ein Baum, ein Klassiker, eine alte Dame. In diesen Bildern entdecke ich G-tt. Die heilige uralte Idee. Nicht zu bändigen. Euphorische Energie. Überraschend. Weisheit. Ewiges Ja. Bewährte Kraft, die uns bewahrt vor Verzweiflung. Die immer neue Treue. Halt, Zusammenhalt, Haltung. Kraft, die wächst und singt und liebt. Trotz allem. Mit uns. Weiter. Und immer.
Dieser Text stammt aus unserem