Eine Frage der Perspektive

Autorin: Ilva Ring

Vier Jahre lang hatten sie um ihre Ehe gekämpft. Waren zum Paartherapeuten gegangen, in ein romantisches Berghotel gefahren und hatten unzählige Ratgeberbücher gelesen. Er war zweimal aus- und wieder eingezogen. Doch am Ende hatte all das ihre Liebe nicht gerettet. Ihr letzter Termin als Paar würde die Scheidung am Mittwoch sein, nach 24 Jahren Ehe. Sie brauchte dieses Wochenende. Wollte zur Ruhe kommen, ausschlafen. Sich innerlich vorbereiten, vielleicht alte Fotos betrachten. Der Gerichtstermin war eine Formalie. Vorbei war nicht vorbei. Sie fühlte sich noch immer verbunden mit Jan. Sah ihn in den Kindern, die im Gegensatz zu ihr um acht Uhr am Samstagmorgen im Bett lagen und die Partynacht ausschliefen. Wenn er in der Nähe war, fühlte sie sich leicht, trotz allem, was passiert war. Sein Humor brachte sie immer noch zum Schmunzeln. Sie ging zum Herd. Das Frühstücksei klackte auf den Boden des Topfes, hin und her geworfen im kochenden Wasser. Das Wochenende kam ihr plötzlich unendlich lang vor. Am besten, sie ging nach dem Frühstück gleich wieder ins Bett und sagte ihrer Freundin für die Ü50-Party am Abend ab. Sie fühlte sich ohnehin zu jung dafür. Sie begann den Tisch zu decken. Schreckte das Ei ab und stellte es in das kleine pinke Kissen, dass sie kürzlich bei einem Berlinbesuch gekauft hatte, zündete eine Kerze an, rückte die Vase mit dem Rittersporn heran. Bevor sie sich setzte, schaute sie noch einmal von oben auf alles. Und sah, dass der Tisch auch mit einem Teller, einem Glas und einem Becher vollständig gedeckt war.

Diesen Text lesen Sie in unserem Buch “alles in allem”.

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