Der Zauber der Auferstehung 

Ostern entfacht Energien. Inmitten ungewohnter Traditionen lässt sich das Fest neu erleben. Davon berichtet unsere Autorin Johanna Haberer, die es in den vergangenen Jahren als evangelische Pfarrerin in Jerusalem und Thessaloniki feierte.

Ostern geht in Jerusalem eigentlich schon am Samstagnachmittag los. Die orthodoxen Chöre singen ab Mittag in jeder Kirche. Die Menschen schieben sich durch die engen Gassen und tragen Bündel von schmalen Kerzen in der Hand, die sie am Osterfeuer anzünden. Die Kerzen, die in der Heiligen Stadt entzündet wurden, bringen die Menschen nach Hause – nach Bulgarien oder Rumänien, nach Griechenland oder Russland – und übergeben sie den Kranken und leidenden Menschen. Das Osterlicht aus Jerusalem: Es ist für viele Menschen unendlich viel mehr wert als jedes andere Kerzenlicht. 

Wir haben in Jerusalem und Thessaloniki mit den orthodoxen Christen Ostern gefeiert. Und wir waren erfinderisch. Am stärksten sind mir die Momente aus der griechischen Hafenstadt in Erinnerung geblieben. Am Abend des Karsamstags sind wir auf den wunderschönen evangelischen Friedhof gegangen und Bruno, der nach dem Abitur Sozialdienst in der Gemeinde leistete, hat mit dem Horn »Christ ist erstanden« geblasen und wir haben den Toten gepredigt, als seien sie die eigentlich Lebendigen. Und nachts sind wir alle in die orthodoxe Kirche geströmt, ein rotes Osterei als Zeichen der Auferstehung Christi in der Hand und haben gesungen und gelacht und das Brot und den Wein geteilt mit allen, die wie wir hier versammelt waren aus aller Welt.

Der Zauber der Auferstehung, er wirkt nach und entzündet sich immer und immer wieder. Die Nachricht von der Auferstehung des gekreuzigten Jesus von Nazareth hatte ja schon bei den Zeitgenossen vor 2000 Jahren Kopfschütteln hervorgerufen: Seine Anhänger hätten den Leichnam geklaut, hieß es gleichermaßen bei den Römern und den jüdischen Religionsgelehrten.

Und als die Jünger an Pfingsten begannen, den Auferstandenen als den Messias zu preisen, auf den das jüdische Volk seit 1000 Jahren wartete, hieß es, sie seien betrunken. Die Überzeugung, dass von den Toten niemand wiederkehrt, war damals also Gemeingut, ebenso wie heute. Und die Zeugen? Die vielen Zeugen, die steif und fest behaupteten, sie hätten den Herren gesehen? Das waren »bloß« Frauen und irgendwelche Fischer, denen man ein X für und U vormachen konnte. Niemand, den man ernst nahm.

Soweit, so normal.

Was aber nicht normal war: Diese ungeheuerliche Energie, die plötzlich in all die Leute gefahren war, die noch am Karfreitag die Beine unter die Arme genommen hatten und vor den römischen Soldaten geflohen waren. Der unglaubliche Mut, der aus einfachen Fischern plötzlich Volksprediger machte. Die alles sprengende Kraft, mit der die Jünger Jesu wenige Wochen nach dessen Tod in alle Himmelsrichtungen davonstoben, um die Nachricht vom Tod des Todes, vom Wunder der Auferstehung in alle Welt zu tragen.

Man schätzt, dass der Apostel Paulus circa 15000 Kilometer zu Fuß durch die damals bekannte Welt gespurtet ist, damit er möglichst vielen Menschen die gute Nachricht, also das Evangelium, von der Auferstehung von den Toten bringen konnte. Er ist überzeugt: Wenn Jesus auferstanden ist, dann ist er der erste, der dem Tod entkommen ist und alle, die auf seinen Namen getauft sind, sie werden ihm in einer langen Reihe nachfolgen auf dem Weg zu Gott. Natürlich kennt auch Paulus die Gegenargumente und den Spott der Gebildeten, die ihm entgegenhalten, dass dem Tod noch niemand entronnen sei.

Er hält selbstbewusst und seiner Sache absolut gewiss dagegen: Wenn Jesus nicht auferstanden ist, dann sind alle, die an ihn glauben, die elendesten unter den Menschen und alles, was im Namen der Christen geredet wird, ist »Dreck«.

Für mich ist sie bis heute zu spüren, diese Energie, die den Tod als nichtig erachtet. Überall dort, wo Menschen, das Leben feiern: Frohe Ostern!

Dieser Text stammt aus unserem 

Magazin Andere Zeiten 1/2026