Jemand

Autorin: Sarah Seifert

Spielplatz, alleine. Sie hatte gesagt, dass sie zu mir herunterwinken wird. Ich starre auf den Balkon der Universität und warte. Traue mich nicht mehr zu spielen – aus Angst, ich könnte ihr Winken verpassen. Nun muss sie doch aber mal auf den Balkon kommen. Hat sich da nicht etwas hinter dem Fenster bewegt? Wohl doch nicht. Niemand öffnet die Tür und winkt mir zu. Ich setze mich hin und weine ein bisschen. »Mama!« rufe ich leise – dann lauter, denn ich bekomme Angst. Hat sie mich etwa vergessen? Dieser Gedanke lässt mich zusammenzucken, ich heule los und Tränen, Spucke und Schnodder mischen sich auf meinem Gesicht. Verlassen von allen. Verlassen von allen?
Gott – der müsste doch eigentlich noch da sein!? Ich merke von seiner Anwesenheit nur leider nichts. Vielleicht sollte ich beten. »Bitte Gott«, murmele ich mit geschlossenen Augen, »hilf mir«. Und werde etwas ruhiger. »Warum weinst du?«, fragt mich da jemand. Ich schaue hoch, neben mir steht ein Mann. Sichtlich besorgt schaut er mich an. Ich vergesse das Weinen. Ich erzähle ihm, dass ich auf meine Mutter warte, die gerade in der Uni ist und eigentlich winken wollte. »Komm, steh auf, ich bringe dich hin«, sagt er. Beim Empfang erkundigt er sich nach dem richtigen Seminarraum und dann laufen wir Hand in Hand los – bis wir endlich da sind. Er öffnet die Tür: »Mama!«, rufe ich wieder und stürze zu ihr. Sie schaut überrascht. »Ihre Tochter hat unten auf dem Spielplatz gesessen und geweint«, erklärt der Jemand noch und verabschiedet sich. Meine Mutter umarmt mich. Ein wenig verschämt ist sie, das sehe ich. Sie gibt mir einen Zettel und Stift - ich setze mich neben sie und male. Natürlich einen Engel.

Diesen Text finden Sie in unserem Buch »Ein Engel hat immer für dich Zeit«.

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