Er lockt uns heraus
An Pfingsten feiern wir den Geist Gottes, eine Kraft, die verbindet – nicht nur die Menschen. Sondern alle Lebewesen auf dem Planeten.
Autorin: Julia Enxing
Eine Bekannte nahm auf einer Romreise an einer Führung durch die Kirche Santissima Trinità dei Pellegrini teil. Vor dem 1625 entstandenen berühmten Altargemälde des Barockmalers Guido Reni (1575 – 1642), das die g*ttliche Trinität darstellt, blieben alle andächtig stehen. Nach einer Weile fragte der Reiseleiter auf Englisch in die Runde, was denn da zu sehen sei. Die Stimme eines Kindes ertönte: »The father, the son and the bird.« (»Der Vater, der Sohn und der Vogel.«) Alle lachten. Doch: Was alle zum Lachen brachte, ist keinesfalls lächerlich. Begegnet uns der Geist G*ttes womöglich in tierlicher Gestalt? Vielleicht als Taube? Flügelschlagende Friedensbotin?! Welches christliche Fest legt es uns näher, sich mit der Verständigung zwischen dem G*ttlichen und G*ttes Schöpfung zu befassen, als Pfingsten? Pfingsten, das Geistfest, aber auch das Fest des Sprachenwirrwarrs, das uns die Frage stellt, wie der Geist G*ttes alles verbinden kann, selbst das und diejenigen, die uns irritieren, die wir nicht verstehen?
Was die christliche Kunst mit dem Symbol eines Vogels auszudrücken weiß, gerät in unserem Glauben leider viel zu häufig ins Hintertreffen: G*tt ist nicht nur in uns Menschen gegenwärtig, sondern durchweht jedwede Lebenswirklichkeit. Das Wort ruach (hebräisch: רוח rûa⋅h) im biblischen Text kann eine äußere (Wind, Sturm) und innere (Energie, Lebenskraft, Geist, Atem) Kraft bezeichnen. Erst später wurde daraus der personale Heilige Geist der christlichen Kirchen. Im hebräischen Text meint ruach in erster Linie eine bewegte und bewegende Kraft. Eine Kraft, die Lebendigkeit bewirkt und bezeugt und in Bewegung setzt. Setzt der Geist G*ttes auch uns Christinnen und Christen noch in Bewegung? Ja, in welche Richtung denn? G*tt haucht dem Leben Atem ein, durchatmet die Schöpfung und energetisiert sie zum Leben, hält sie am Leben. Rein organisch ist es schon so, dass wir einander atmen. Wir atmen einander ein und aus. Unser Lebensatmen durchmischt sich, lässt keine Trennung von Innen und Außen zu, keine Trennung von mir und Ihnen und auch keine zwischen mir und meiner Hündin. Wir alle teilen dieselbe Luft, denselben Lebensraum, leben gemeinsam auf diesem uns anvertrauten Planeten Erde.
Da sind nicht wir und die anderen
Und doch scheint es eigener Anstrengungen zu bedürfen, um uns dieser Gemeinsamkeiten immer wieder bewusst zu werden. Der verbindende Geist G*ttes macht uns deutlich: Da sind nicht wir und die anderen. Nicht wir Menschen und dann der Rest der Schöpfung. Wir sind Geschöpfe unter anderen. Wir sind »Leben inmitten von Leben, das leben will«, wie Albert Schweitzer es ausdrückte.
Die Biologie, die vergleichende Verhaltensforschung und andere Naturwissenschaften haben die Theologie längst gelehrt, dass die Grenze zwischen Menschen und anderen Tieren keine kategoriale, sondern eine graduelle ist. Wir teilen mehr, als wir denken. Unsere Unterschiede sind winzig klein im Vergleich zu unseren Gemeinsamkeiten. Und so gibt es auch keine in »der Natur« liegenden Gründe für eine Abwertung des Lebens anderer – sei es Mensch oder Tier. Nichts würde eine Ausbeutung des einen Lebens zugunsten eines anderen rechtfertigen können. Nichts und niemand gestattet es uns, den Lebensatem G*ttes aus den anderen Geschöpfen einfach so auszutreiben.
Wir Menschen sind es, die Werte und Wertigkeiten, Etiketten verteilen und das Leben in »lebenswert« oder »nicht lebenswert« einteilen, nicht G*tt. G*ttes Geist ist egalitär; die Geistkraft durchströmt das All, weshalb auch alles, was atmet, G*tt loben kann, wie es in Psalm 150 heißt. Ebenbild G*ttes (Genesis 1,27) zu sein, bedeutet, beziehungsfähig zu sein, aufeinander bezogen zu leben, sich selbst und einander lieben zu lernen – über die Grenzen des eigenen Geschlechts, der eigenen Sexualität, der eigenen Ethnie, der eigenen Spezies hinweg.
Das höchste Ziel
Oft tun wir so, als wären wir Menschen die Einzigen, die eine Geschichte hätten, ein selbstbestimmtes Leben, und als sei unsere Unabhängigkeit das höchste und erstrebenswerteste Ziel. Dabei sind wir doch als liebende, aufeinander bezogene und soziale Lebewesen ins Leben gestellt. Und das fordert auch Respekt vor allen anderen Lebewesen ein. Auch sie sind keine Dinge, nicht für uns, sondern mit uns da. Auch sie haben eine Geschichte, haben Verwandte, Familie, auch sie wollen leben. Unser gemeinsamer Lebensatem verbindet uns – untereinander und mit dem atemgebenden G*tt.
Der Geist G*ttes ist damit keineswegs ein zahmes, zu jederzeit säuselndes Wellnesselement im Kontinuum irdischer Existenzen. Im Gegenteil: Er lockt uns heraus aus den Gedanken und Gewohnheiten, die wir als selbstverständlich angenommen haben, ruft uns auf zu einer speziesübergreifenden, planetarischen Solidarität. Dass alles so bleiben soll und kann, wie es ist, glauben wir nur so lange, bis uns der Geist G*ttes ins Wort fällt, uns mal ordentlich durchwirbelt, uns Unbequemes zumutet und uns mit Sprachen, Tönen und Symbolen konfrontiert, die wir vielleicht nicht auf Anhieb verstehen. Ich bin überzeugt, dass G*ttes Geist auch die Kraft gibt, Neues zu lernen, umzudenken, den Blick zu weiten und uns auf anderes einzulassen.
Zu oft hören wir weg
Und noch ein Gedanke scheint anlässlich des Pfingstfestes so reizvoll: G*tt in den verschiedenen Sprachen zu hören. Auch in den Stimmen der nichtmenschlichen Lebewesen. Die Bischöfe von Japan haben es mal so formuliert: »Wahrzunehmen, wie jedes Geschöpf den Hymnus seiner Existenz singt, bedeutet, freudig in der Liebe Gottes und in der Hoffnung zu leben.« (Laudato si 85)
Aber wir dürfen auch die traurigen Gesänge, das Wimmern und Jaulen, die Schreie und das zunehmende Verstummen der Geschöpfe nicht vergessen. Es ist nicht so, dass wir sie nicht verstehen könnten, zu oft hören wir weg, schauen weg. Wir können uns daran erinnern, dass jedes Geschöpf Tempel des Geistes G*ttes ist und G*tt sich in ihm kundtut. Wir sind somit alle verbunden und in Beziehung gerufen. Die Vergegenwärtigung dieses allumfassenden Geistes G*ttes ist immer auch Beziehungspflege.