Erste Sätze
Autorin: Sabine Henning
Jahr, sag mir, was du von mir willst, damit ich dir antworten kann. Soll ich mutiger sein, weniger kleingläubig, weniger zweifelnd, soll ich mir mehr zutrauen und die Zigaretten wegschmeißen? Du hast schon begonnen. Aber ich weiß noch nicht so recht, wo du mit mir hinwillst. Ich habe noch gar nichts von dir gehört. Vielleicht bist du so stumm, weil du noch mit dem beschäftigt bist, was nicht am 31. Dezember endete? Oder habe ich nicht den richtigen Ton getroffen? Hätte ich vielleicht mit einem Vor-Satz beginnen sollen?
Mir ist wichtig, dass wir uns gut verstehen. Es geht um viel: immerhin noch gut 514 520 Minuten in den nächsten knapp zwölf Monaten. Du hast mir so viel zu geben. Den Wind im Haar, eine Hand in meiner, duftenden Jasmin, lachen, mich vergessen können, singen, lauschen, wach sein, mich und vielleicht auch andere bewegen. Ich möchte dich würdevoll ansprechen. Vielleicht mit dieser Präambel: »Ich bin im Bewusstsein meiner Verantwortung vor Gott und den Menschen, von dem Willen beseelt, als gleichberechtigtes Glied in Europa dem Frieden zu dienen«, ja, so könnte auch mein Grundgesetz beginnen.
Damit du weißt, dass ich besser, anders, nachsichtiger, liebevoller werden möchte und wenn das alles nicht klappt auf jeden Fall keine einzige der noch verbleibenden von 30 952 126,08 Sekunden vorsätzlich an einer Zigarette ziehen möchte.
Das ist meine Chance
Was ist in dir drin, Jahr? Dass du stumm bleibst, gibst mir Raum für Fantasie. Ich stelle mir vor, dass du eine Bühne bist, der schwere rote Vorhang ist zur Seite gezogen. Du bist leer. Ich stehe vorn, am Rand, habe noch das Licht von Weihnachten im Rücken. Mein Schatten größer als ich. Ein Vorsatz würde dir eine Absicht zeigen, eine Form, in die ich hineinwachsen kann. Ich bin guter Hoffnung. Ich gehe davon aus, dass sich alles zu seiner Zeit begeben haben wird. Noch liegt nicht viel hinter mir. Das ist meine Chance. Du kannst mich ganz neu kennenlernen.
Ich mache mir nichts vor, am Ende wirst du den Nach-Satz habe, weil du immer recht behältst und der Entwurf, den ich von mir hatte, längst zerstoben ist. Ich lese das auch von anderen und ihren Vorhaben. Petrus hat es nicht geschafft hat, zu Jesus zu stehen, obwohl er ihm das sogar hoch und heilig versprochen hatte. Und sogar ganz am Anfang, als Gott das Tohuwabohu ordnete und alles mit unendlichem Potential beschenkte, unter anderem mich, ging es schief. Er wütete und schickte die Sintflut.
Die Bühne ist frei
Du kannst auf mir herumtrampeln, Jahr, auf uns allen. Aber lass mich am Anfang glauben, dass ich es schaffen kann. Dass wir es schaffen können. Und dass der Nach-Satz auch sein könnte, dass wir glücklich und zufrieden bis ans Ende unserer Tage leben. Doch noch weiß ich nichts. Und vor dieser Vagheit kann mich auch kein Vorsatz retten.
Ich trete aus meinem Schatten und tappe auf der Bühne umher. Zu deinem Anbruch möchte ich aufbrechen. Dass du meine Zeit neu zählst, gibt mir das Gefühl, das ich es könnte. Doch jetzt halte ich noch für einen Moment inne. Ich setze mich an die Seite, zwischen die Kulissenwände und blicke in die Leere. Werde auch betrachten, wie du auftrittst und dann weitermachst. Jahr, ich bin froh, dass du den großen Wurf nicht hast. Und dass ich dich nicht mit Absichten zuschmeißen muss. Ich gehe einfach los. Die Bühne ist frei.
Artikel aus: Magazin zum Kirchenjahr 1/2023.
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