»Die Weltgeschichte spiegelt sich im Kleinen«

Hubert Wudtke ist 82 Jahre alt. Seit seiner Pensionierung forscht der emeritierte Professor für Erziehungswissenschaften zur Geschichte seines Wohnortes, dem Hamburger Stadtteil Rissen.

Interview: Linda Giering

Worin liegt der Reiz der Heimatforschung?
Ich würde mich selbst lieber als Stadtteilschreiber bezeichnen. Das unterstreicht den erzählenden Charakter, der für die Heimatforschung ganz zentral ist. Heimatforscher sind Spurensucher. Wir knüpfen an gefundene Erzählfäden an und hoffen, dass jemand anders unsere Fäden aufnimmt. Die Geschichten, die ich aufspüre und niederschreibe oder weitererzähle, sollen daher offen bleiben, damit andere anknüpfen können. Bei Vorträgen passiert es regelmäßig, dass sich ein kommunikativer Zirkel mit dem Publikum ergibt. Von Anfang an war es mir daher wichtig, nicht nur zu schreiben, sondern Menschen zu treffen. Das Schöne an dieser Form der Freizeitforschung ist auch, dass ich keine Vorgaben habe und ganz frei entscheiden kann, welche Fäden ich aufnehmen möchte.

Warum brauchen wir Heimatforschung?
Wenn wir sinnlich durch die Welt gehen, ist es wie bei der Fotografie: Es gibt viele schöne Momentaufnahmen. Das birgt die Gefahr, in diesem Moment stecken zu bleiben. Die Erzählfäden der Heimatforschung tragen dazu bei, dass wir immer weiter knüpfen und die Momente einbetten in ein großes Ganzes. Es ist eine Arbeit gegen das Verschwinden und ein Beitrag zum kulturellen Gedächtnis. Deshalb ist es mir besonders wichtig, gerade die Themen in den Fokus zu rücken, die sonst in Vergessenheit geraten.

Welche Themen interessieren Sie besonders?
Ich möchte Lücken schließen und frage mich immer: Was gibt es über diese Zeit zu erzählen? Mir ist anfangs aufgefallen, dass es über die Zeit zwischen 1933 und 1945 in Rissen kaum Informationen gab. Außerdem gab es eine Chronik der letzten 150 Jahre aus Rissen mit alten Fotos, aber nur ganz sporadische Informationen über die Zeit vor 1850. Manchmal findet man bei der Recherche richtige Sensationen oder Skandale, aber die ernsthaftere Arbeit ist die Erforschung des Alltagslebens der Menschen in einer bestimmten Zeit: Was gab es zu essen? Wie viel kostete der Einkauf? Welche Tiere hielten die Menschen? Das gilt auch für die geschichtlich besonders bewegten Zeiten wie die NS-Zeit.

Warum ist auch die Geschichte von kleinen Orten von Bedeutung?
Heimat ist nichts Isoliertes, egal wie klein der Ort ist. Wenn wir die Geschichte eines kleinen Ortes erforschen, sind wir immer mitten in der Welt. Die Weltgeschichte spiegelt sich im Kleinen. Die Erfindung der Dampfschifffahrt zum Beispiel hatte auf das Elbdorf Rissen natürlich große Auswirkungen.

Wie gehen Sie bei den Recherchen vor?
Zu Beginn habe ich vor allem alte Schriften gehoben. Das Archiv der Regionalzeitung oder die nahen Stadt- und Regionalarchive waren die ersten Anlaufstellen. Auch Zeitzeugen oder ehemalige Nachbarn von Menschen, über die ich etwas herausfinden wollte, waren wichtige  Quellen, aber das sind inzwischen nur noch sehr wenige. Bei der Recherche über deutlich länger zurückliegende Zeiten in Rissen habe ich alte Steuerlisten durchforstet. Darüber konnte ich Namen und Details zur damaligen Einwohnerschaft herausfinden und diese Spuren weiterverfolgen. Ich merke, dass ich vorsichtig bei der Recherche bin, wenn es um Täter aus früheren Zeiten geht. Da werde ich scheu zu fragen, denn ich weiß nicht, wie die Menschen reagieren. Ich möchte nicht den Richter spielen.

Bekommen Sie durch die Heimatforschung einen neuen Blick auf Ihre Heimat?
Was ist Heimat überhaupt? Ich bin in Danzig geboren und während des Zweiten Weltkrieges mit meiner Familie nach Dänemark geflohen. Später habe ich länger in Lübeck gelebt. Beheimatet fühle ich mich daher in Hansestädten. Ich glaube aber, viele Heimatvertriebene kennen das Gefühl, dass man immer ein bisschen von dem träumt, was man verloren hat. Vielleicht gefällt es mir deshalb so gut, hier an meinem Wohnort auf Spurensuche zu gehen. Heimat ist wie eine Haut oder eine Hose: eine Umhüllung, in der man sich geborgen fühlt. Aber was beginnt dahinter? Ist hinter der Heimat die Fremde? Oder die Welt? So genau weiß ich das nicht.

 

Dieses Interview stammt aus unserem Themenheft 

Anders Handeln "Heimat"