Kämpfen, vertrauen, lieben
Rebekka Müller leitet das Tierheim Ludwigshafen. Sie hat sich auf Kampfhunde spezialisiert, die zu einer Bedrohung geworden sind.
Autorin: Sabine Henning
Foto: Hardy Müller
Das Tierheim liegt im Westen Ludwigshafens hinter einem schicken Neubaugebiet. Umgeben von einem Pudelclub, einem Kleingartenverein und den Trainingsplätzen des VSK Germania. Hier wirft man mit Bällen und Boulekugeln. Und trotzdem wirkt es mit seinem übermannsgroßen Metalltor von außen wie ein verlorener Ort. Die Straße endet in einem Sandweg. Wütendes Bellen übertönt das Klingeln an der Pforte.
Seit zwei Jahren arbeitet Rebekka Müller (33) hier als Tierheimleiterin. Sie ist die Frau für die harten Fälle. Für Kampfhunde, die vom Ordnungsamt eingewiesen, von der Feuerwehr oder der Polizei gebracht werden. Weil sie Menschen gebissen oder skalpiert haben, weil sie bis auf die Knochen abgemagert gefunden oder im Zwinger gehalten wurden. »Sie sind wie Handgranaten mit gezogenem Stift«, sagt Rebekka Müller. »Weil ihre Besitzer ihnen nicht geben konnten, was sie brauchen.« Es sind Rottweiler, Amstaff, Belgische Schäferhunde, Kangals: »Listenhunde«, für deren Haltung man eine Erlaubnis braucht.
Rebekka Müller ist eine auffällige Erscheinung: ganz in Schwarz gekleidet, mit Rastazöpfen und Undercut, Gesichtspiercings und bis zum Kinn tätowiert. Sie geht über den Innenhof, in dem eine hohe Linde Schatten spendet, zu einem weiteren Tor. Das Bellen dahinter schwillt an. Der Hundezwinger stammt aus den 70er-Jahren, ist eigentlich für 40 Hunde gebaut. Doch sie kann immer nur rund 30 unterbringen, manche brauchen viel Platz für sich, würden sonst einander anfallen.
Sie öffnet das Tor. Ein schmaler Gang, rechts eine Reihe von Zwingern. Die Höllenhunde springen an den Gitterstäben hoch. Unter ihren Pfoten nackter Beton. Auf Kopfhöhe eine spezielle Klappe, um einen Maulkorb einzuführen. Ohne geht es draußen nicht. In einem der Zwinger: Ramos. Der Belgische Schäferhund dreht und dreht sich um sich selbst, stereotypes Verhalten sei das, erklärt Rebekka Müller. Sie kennt die Geschichte jedes einzelnen Hundes. Sie redet ruhig auf Ramos ein.
Links gegenüber der Zwingerreihe ein kleiner Rasenplatz. Zweimal am Tag kommen die Hunde raus. Wenn sie schon daran gewöhnt sind, mit anderen zusammen. Oder Ehrenamtliche gehen mit ihnen spazieren. Es müssen erfahrene, starke Menschen sein, die die Kraft der Tiere aushalten. Jeden Monat kommt der Hundetrainer.
Die Hunde, die hier landen, haben ganz bestimmte »Talente«, wie Rebekka Müller sagt. Sie wurden für den Kampf oder für die Jagd gezüchtet – und brauchen viel Anleitung, um mit ihren Kräften haushalten zu können. Ihre Besitzer haben sie unterschätzt, manchmal als Welpe bekommen und von Anfang an verhätschelt. Sie wurden in viel zu kleinen Wohnungen gehalten oder kamen über dubiose Händler oft schon schwer traumatisiert aus dem Ausland. So war es auch bei Ivy. Die American Pitbull Terrier- Hündin, ein Muskelpaket mit stumpfer Schnauze, springt ihr am Gitter entgegen. Die Besitzer ließen sie aus Bulgarien importieren, die Hündin war dort noch für Kämpfe abgerichtet worden. »Sie war einer der gefährlichsten Hunde hier. Nur mit einer Betäubung, die ihr per Blasrohr von außerhalb des Käfigs verabreicht wurde, konnten wir ihr überhaupt einen Maulkorb überziehen.« Rebekka Müller steht am Käfig. Ihre Stimme klingt nun viel höher und weicher. Sie ist wie die Mythengestalt Orpheus, die Höllenhunde mit ihrem Gesang beruhigen konnte. Rebecca ist es zu verdanken, dass Ivy noch lebt. Schon zweimal sollte sie euthanasiert werden. Bevor die beiden zu einem eingespielten Team wurden, haben sie drei Tage lang miteinander gerungen. Rebekka Müller in Schutzkleidung, Ivy mit Maulkorb. 25 Kilogramm wiegt die Hündin. Sie habe sich auf ihre Hinterläufe gestellt, sie mit den Vorderläufen gepackt und dann versucht zu schnappen. »Ich war grün und blau am ganzen Körper. Ich habe gespürt: Der Hund will an dein Leben.« Immer wieder habe sie zu Ivy gesagt: »Mäuschen, wir gehen da jetzt zusammen durch.« Nach drei Tagen habe die Hündin gemerkt: »Irgendwie komisch, die ist ja immer noch da.« Und hat angefangen, Vertrauen zu fassen.
Dann kam eine Phase von starken ambivalenten Emotionen. Rebekka Müller musste wachsam bleiben. An Tagen, an denen sie sich innerlich nicht stabil fühlte, setzte sie aus, zu gefährlich. Ivy sei wahnsinnig feinfühlig: »Sie spürt vor mir, wenn ich Migräne bekomme.« Ivy ist ganz auf sie bezogen. Lebte sie allein und nicht mit Mann und fünfjähriger Tochter, würde sie die Hündin auch zu sich nach Hause holen.
Rebekka Müller ist mit fünf Geschwistern in Ludwigshafen aufgewachsen, den ersten Hund hatte sie mit 15 Jahren. Auf Wunsch der Eltern machte sie eine Ausbildung zur Krankenpflegerin, brach sie ab – und erfüllte sich den Lebenstraum, Tierpflegerin zu werden. Sie ist es heute mit Leib und Seele: »Mein Herz schlägt für die besonderen Hunde. Um mit ihnen in Kontakt zu kommen, muss man selber Aggressionspotenzial in sich haben und spüren.«
Was sie sauer macht, sind nicht die Tiere, sondern die Menschen. Manchmal fährt sie im Auftrag des Ordnungsamtes selbst raus. Geht zu Menschen, deren Nachbarn Alarm geschlagen haben. Nimmt stark abgemagerte Hunde mit vereiterten Zähnen und verfilztem Fell in Obhut. Bei solchen Einsätzen sieht sie auch Kinder und pflegebedürftige Menschen, die massiv verwahrlost sind. Dann verständigt sie das Jugendamt: »Ich blicke in viele Abgründe. Manchmal befällt mich dann eine tierische Riesenscheißwut. Man darf in meinem Job keinen Menschenhass bekommen.«
Ist ihr schon mal ein Hund untergekommen, den sie von Grund auf für böse hielt? »Auch bei den Hunden gibt es verschiedene Charaktere, genau wie bei Menschen, Arschlöcher oder Morgenmuffel«, sagt sie. Es sei wichtig, das Wesen des Tieres zu verstehen: »Ein Hund lebt im Hier und Jetzt. Davon können wir Menschen uns auch was abschauen. Und er ist egoistisch, macht, was für ihn gut ist.« Es komme darauf an, Grenzen zu setzen, klar, verlässlich und wohlwollend zu führen. Das Ziel sei, dass die Hunde ihren Alltag managen können. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Die Bedingungen für ihre Arbeit werden schwerer. Vor 15 bis 20 Jahren sei ein Hund, der gebissen habe, eingeschläfert worden. »Das wird heute nicht mehr praktiziert. Die Latte hängt aus Gründen des Tierschutzes sehr hoch.«
Viele Tierheime sind voll mit Hunden wie Ivy oder Ramos. Oft dauert es mehrere Jahre, bis sie vermittelt werden können – wenn überhaupt. Rebekka Müller möchte diesen Hunden eine Stimme geben. Auch, weil sie trotz aller Anstrengungen viel zurückbekommt. »Wenn du spürst, dass ein Hund wie Ivy beginnt, dir zu vertrauen und du ihm, das ist ein ganz intensives Gefühl – das ist einfach magisch.«