Kein Zufall, oder?!

Autorin: Ulrike Berg

Das Jahr liegt vor mir wie ein Buch. 366 leere, weiße Seiten. Wer füllt sie? Ich selbst, der Zufall, Gott?

Ich stelle mir vor, dass Gott sie füllt. Nein, nicht füllt – bereits gefüllt hat. »Deine Augen sahen mich, da ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war«, heißt es in Psalm 139. Gänsehaut. Es gibt Gedanken, die sind schön und schaurig zugleich. Dieser gehört dazu. Schön, dass ich mich scheinbar um nichts kümmern muss und einfach alles in Gottes Hand legen kann, nein: muss! Und auch schaurig, denn offensichtlich ist egal, was ich tue, entscheide, plane – alles ist schon jetzt vorherbestimmt.

Ich stelle mir vor, dass alles Zufall ist. Wunderbar! Ich darf gespannt sein, was das Leben noch so an Überraschungen für mich bereithält und noch ist nichts entschieden. Die große Freiheit … Zugleich gruselig: Wabert denn alles hier so haltlos und beliebig vor sich hin und nichts und niemand hält die Fäden in der Hand und fügt die Dinge sinnvoll zusammen? Wieder Psalm 139: »Aber wie schwer sind für mich, Gott, deine Gedanken! Wie ist ihre Summe so groß!« Der Psalmist hat Recht. Ich muss nicht alles verstehen. Jedenfalls nicht sofort.

Manches erschließt sich im Rückblick. Das tut gut. Zu spüren: Es war kein Zufall, dass ich Kurt begegnet bin. An jenem Tag. Zu dieser Stunde. Das war wohl Fügung. Oder ein andermal davon überzeugt zu sein: Das war jetzt Pech. Da kann keiner was für, dass das jetzt so passiert ist. Oder: Das war jetzt einfach mal Glück. Pures, zufälliges Glück.

Das Buch liegt immer noch vor mir. 366 Seiten. Wer füllt sie? Und wie?

Es ist nicht egal, was ich tue, sage, woran ich glaube, wofür ich kämpfe und eintrete, was ich versäume … Nichts ist entschieden. Und nichts ist zufällig. Ich bin gehalten und darf vertrauen, bin Teil eines großen Ganzen, einer höheren Ordnung. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Ich nenne sie Gott. Gott, der die Erde geschaffen hat nach seinem Plan und nichts dem Zufall überlassen hat. Gott, der gelassen laufen ließ ohne einzugreifen. Der seine Pläne auch änderte. Gott, der auf die Erde kam, um zu schauen, zu predigen, zu heilen, sich schutzlos auszuliefern.

366 Seiten. Wer füllt sie? Und wie?

Ich beginne. Nicht mit dem Schreiben. Nicht mit dem Planen. Ich färbe sie erst einmal bunt.

 

Artikel aus: Magazin zum Kirchenjahr 1/2024.

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