Lebensmotto - nein danke!

Autorin: Iris Macke

Ich habe einen Trend verpasst. Wobei – nein, eigentlich scheint das gar keine neumodische Angelegenheit zu sein. Vielleicht habe ich eher eine lebensentscheidende Weichenstellung verpasst. Aber von vorne: In der Redaktionssitzung zu diesem Magazin warf eine das Thema auf: »Lasst uns doch mal was über das Lebensmotto von Menschen machen! Zum Beispiel: ›Wer weiß, wofür es gut war!‹ Das hat meiner Oma oft geholfen!« Ich gestehe: In diesem Moment war ich gedanklich raus. Lebensmotto, dachte ich, wer hat schon so was. Ich schweifte also innerlich ab und bereitete mich auf die Präsentation meines eigenen Themas vor. Nur mit einem Ohr hörte ich die euphorischen Einwürfe der Kolleg:innen: »Versuch macht kluch!« – »Lebe, lache, liebe!« Und je länger ich dem Hin- und Herwerfen von möglichen Mottos zuhörte, desto mehr wuchs mein Widerstand: »Euer Ernst? Findet ihr so einen Multifunktionsspruch wirklich sinnvoll?« – »Bietet Orientierung! Gibt Sicherheit! Hilft mir, Entscheidungen zu treffen! Erinnert mich daran, was mir wichtig ist!«, waren nur ein paar der postwendenden Antworten. Wenige Tage später saß ich im Wohnzimmer einer Freundin und blickte auf ein ölgemäldegroßes Wandtattoo: »Carpe diem!« Heute kann ich sagen: Ich habe mich ganz bewusst entschieden. Ich will und ich werde mir kein Lebensmotto suchen. Zunächst stoße ich mich an der Zeitvorgabe. Ein Lebensmotto heißt für mich: Es begleitet mich mein Leben lang. Aber ist mein Leben dafür nicht viel zu bunt und vielfältig, sind die einzelnen Phasen nicht viel zu unterschiedlich?

Mein Leben ist viel zu bunt für ein einziges Lebensmotto.

Als ich zwanzig war, hätte ich gut etwas Zuspruch brauchen können: Du bist gut so, wie du bist! Mit 35 vielleicht eher etwas Gelassenes: Du musst nicht alles perfekt machen! Und heute? Keine Ahnung. Ich frage die KI nach einem Lebensmotto für 50+. Sie schlägt mir Goethe vor: »Alt wird man wohl, wer aber wird klug?« Na, danke auch. Ich spüre schon wieder meinen Widerstand: Wieso muss ich mich mit diesen Allgemeinplätzen auseinandersetzen – mich daran messen, sie verwerfen und weitersuchen? Wieso soll ich meinem Leben eine Überschrift geben? Mal angenommen, die hieße: »Von nichts kommt nichts.« Was würde ich dann genau heute eigentlich anders machen? Wo sind die Berufstätigen, die in ihrem Job ihren Traum leben? Und wenn mich das Leben in die Knie zwingt, will ich übrigens gerade keinen Limbo tanzen. Mein Leben ist keine Mottoparty. Ich will und werde hoffentlich nicht aufhören zu fragen, was mir wichtig ist. Möchte Werte in den Blick nehmen und mich daran ausrichten. Ehrlichkeit, Humor und Ruhe suche und brauche ich. Diese Werte kann ich für mich formulieren und sie im Herzen tragen. Manchmal ziehe ich auch Kraft aus biblischen Versen. An die Wand oder auf meine Fußmatte schreiben muss ich sie aber nicht. Et kütt doch sowieso, wie et kütt.  

Dieser Text stammt aus unserem 

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