Licht dieser Welt

Lucia, deren Gedenktag der 13. Dezember ist, könnte eine dieser Heiligen sein, die halb vergessen in alten Kalendern schlafen. Wenn sie nicht so leuchten würde – bis heute.

Autor: Matthias Lemme

Wenn es dunkel ist, kommt die Angst. Als Monster unterm Bett oder als Kloß im Hals, von tief unten, gemeingefährlich. Angst essen Seele auf heißt ein Filmklassiker aus den 1970er- Jahren. Kein Wunder, dass viele Menschen nachts ein Licht brennen lassen, im Flur auf dem Weg ins Bad. Ich auch, Energiekrise hin oder her. Und kein Wunder, dass wir uns in den dunklen Tagen in jene Geschichten verkriechen, in denen es irgendwann hell wird. 

Lucia macht das Licht an. So richtig. Eine halbe Ewigkeit ist das her und trotzdem hat sie in jedem Dezember ihren großen Auftritt. Genau an dem Tag, der zu alter Zeit als der kürzeste des Jahres galt und damit als der dunkelste. Wenn es dunkel wird, will die Angst der Seele an den Kragen. 

Lucia war auf Sizilien zuhause. Christen wurden verfolgt und verhaftet, oft grausam getötet. Dem Kaiser fehlte die Fantasie, um über sich hinaussehen zu können. Lucia hat ihr Herz an Jesus Christus verloren. Von dem gesagt wurde, er liebe ohne Ende. Eigentlich hat sie so ihr Herz gewonnen. Sie verschreibt sich Jesus mit Haut und Haar und versorgt Geflüchtete und Geächtete im Untergrund. Ihre Liebe zum Leben fließt in ihre nächtlichen Ausflüge, in denen sie die Ödnis der Verfolgten erhellt. Lucia wird zur Heirat gedrängt und wehrt sich dagegen, sie wird selbst verfolgt und später erstochen. Seit damals leuchtet Lucia wie ein Stern in dunkler Nacht. Manche nennen sie eine Heilige, andere staunen einfach und lassen sich anstecken. 

Mit Zuversicht, aber nicht ohne Angst

In Skandinavien verwandeln sich die ältesten Mädchen einer Familie Mitte Dezember in Lucia. Die trägt Kerzen auf dem Kopf und hat so die Hände frei. Was von Weitem aussieht wie ein Elchgeweih mit Lichterkette, zeigt die Schönheit von Lucias Lebenshaltung: sich mit Herz, Glanz und Hand zu verschenken. Kein Wunder also auch, dass viele sagen: berührender als Weihnachten. Zart und tröstend. 

Ich erinnere mich, wie wir im Herbst 1989 mit Kerzen durch meine Heimatstadt Halle gezogen sind. Mit Zuversicht, aber nicht ohne Angst unter der Haut. Ich hatte mit der Kerze in der Hand und dem heruntertropfenden Wachs genug zu tun. Laufen, frieren, singen – und dann noch die Kerzen auf dem Kopf tragen? Unvorstellbar. 

Lucia hält das Licht hoch. Sie hält den Kopf gerade, sodass sie gute Sicht hat. Und schon von Weitem gesehen wird. Ich stelle mir vor, dass ich das könnte: Licht ins Dunkel bringen. Mit einem Korb voller Möhren, mit Brot und Liebe in der Familienpackung. Wie das wäre, wenn wir die Angst wegleuchten könnten. 

In Lichtgeschwindigkeit werden wir zu Leuchtmitteln

Amanda Gorman hat in ihrer leuchtgelben Rede zur Amtseinführung von Joe Biden gedichtet: »Es gibt immer Licht, wenn wir nur mutig genug sind, es zu sehen, wenn wir nur mutig genug sind, es zu sein.« Licht sein, das Licht der Welt, dieses Zutrauen auf innere Super- und Leuchtkräfte hat Jesus der Welt geschenkt. Wenn ich von innen heraus leuchte, dann muss ich keine Taschenlampe halten, sondern kann Tee kochen, Proviantkörbe packen oder warme Pullover stricken. Ich kann meine Hand ausstrecken. Ich glaube, dass diese Leuchtkraft der Stoff ist, mit dem Gott aus dem Vollen schöpft. Immer wieder und immer weiter. Diese ständig erneuerte Energie liegt in unseren Händen – in unserer Fähigkeit, Licht weiterzuleiten. In Lichtgeschwindigkeit werden wir zu Leuchtmitteln. Das hat sich Gott gut ausgedacht. Leuchten ist gar keine Kunst. Leuchten und Strahlen sind Eigenschaften unseres Seins.

 Wir leuchten aus uns heraus, ohne dafür irgendwo eine Münze einwerfen zu müssen. Das ist das Wunder. Wir leuchten wie Lucia – wenn wir mutig genug sind, unsere 100 Watt Körperenergie der Angst vor dem Dunkel entgegenzuhalten. Und all den Dunkelmenschen, die ihr Geschäft mit der Angst machen und aus der Fassung geraten sind. 

Wenn wir dann leuchten, da bin ich mir sicher, lösen sich die Monster in Luft auf und die Ängste schrumpfen auf Augenhöhe. Wir können mehr sehen und weiter als gedacht – über uns hinaus. In den dunkelsten Stunden des Jahres sind wir das Licht. Licht vom Licht. Und Puls der Welt. 

Artikel aus: Magazin zum Kirchenjahr 3/2023. 
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