Mach mal hinne!

Autorin: Ulrike Berg

Meine Freundin Nina hat einen ziemlich rasanten Fahrstil, mein Mann fährt auf der Autobahn konsequent 110. Bei beiden bin ich als Beifahrerin nach zehn Minuten schweißgebadet. Meine Kollegin braucht mindestens dreimal so lange wie ich, um ihren Teller leer zu essen. Macht mich wahnsinnig! Shoppen mit meiner Tochter ist nicht mein Ding, weil die stundenlang seelenruhig in Klamottenstapeln stöbert. Meine Freundin Andrea verwechselt spazieren gehen mit Rennen, Jessi redet in Diskussionen so schnell, dass mir schwindelig wird und mein Neffe liest im einwöchigen Urlaub fünf dicke Wälzer durch. Mir suspekt … Jeder Mensch hat sein eigenes Lebenstempo. Ob das angeboren oder anerzogen ist oder den Lebensumständen geschuldet – keine Ahnung. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo in der Mitte. Fakt ist: Immer wieder ertappe ich mich dabei, dass mein eigenes Tempo für mich das Maß aller Dinge ist und jede Abweichung davon durch andere bei mir zu Nervosität, Ungeduld und Ungehalten-Sein führt. Leicht auszuhalten ist das nicht. Aber das wirkliche Schnippchen schlägt mir da wohl meine eigene Intoleranz. Schluss damit!
Bloß, wie? Zusammenreißen? Sich in Toleranz üben? Laaangweilig … Viel spannender klingt doch: einfach mal ausprobieren, wie es sich anfühlt, wenn ich die Dinge bewusst in einem anderen Tempo mache als üblich. Ich werde das morgendliche Ritual im Bad auf die doppelte Zeit ausdehnen. Beim Spaziergang einen Zahn schneller gehen als sonst. Ein Kapitel im Buch in Zeitlupe lesen – und das darauffolgende im Eiltempo. Den Einkaufswagen langsam durch die Regale schieben und jedes Produkt vor dem Hineinlegen mindestens eine halbe Minute betrachten. Und am Ende verabrede ich mich, hoffentlich um einige Erfahrungen reicher, mit Jessi und werde ihr von meinem Experiment erzählen – selbstverständlich nicht in meinem Sprechtempo, sondern in ihrem.

Dieser Text stammt aus unserem Fasten-Wegweiser wandeln 2025.

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