Mein Sehnsuchtsort
Autorin: Iris Macke
Ich kämpfe mich mit meiner Freundin den Dünenberg hinauf. Immer wieder hat sie mir von ihrem ganz besonderen Ort vorgeschwärmt. Nun will sie ihn mir zeigen. Ein Dünenkamm auf Sylt, mit Blick zur Seeseite und zur Wattseite. Oben angekommen beginnt ihr Gesicht zu leuchten. „Guck, da! Ist das nicht traumhaft? Da geht einem doch das Herz auf!“ Ich lächele etwas schräg, der Wind pustet mir kalt ins Gesicht, das Panorama ist okay, aber ich bin wohl zu kühl angezogen. Hingerissen bin ich zumindest nicht.
Wie finde ich eigentlich meinen ganz besonderen Ort? Sicher gibt es kein Rezept dafür. Nur eine Voraussetzung: Ich muss losgehen. Unterwegs habe ich die Chance, meinen Ort zu entdecken. Vielleicht muss ich gar nicht weit gehen. Mein eigener Sehnsuchtsort liegt etwa sechs Kilometer von meinem Haus entfernt. Ich habe ihn nicht gesucht und auch nicht sofort gefunden. Anfangs war er mehr eine verhechelte Durchgangsstation auf der Suche nach neuen Laufstrecken. Bis ich plötzlich an ihn denken musste, ganz unvermittelt, mitten im Alltag. Die nächsten Male betrachtete ich ihn aufmerksamer. Und heute kann ich die Augen schließen und – wenn ich Glück habe – mich an meinen Ort versetzen. Das klappt nicht immer. Aber wenn, gibt mir das Ruhe und Sammlung, wo ich sie gerade gebrauchen kann. Mit meiner Freundin war ich noch nicht an meinem Ort. Ich nehme sie gerne mal mit. Es könnte aber sein, dass sie die Mücken da zu sehr stören.
Dieser Text steht im Buch Andere Orte.
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