Meine engen Grenzen

An Himmelfahrt verschwimmen Räume, die wir eigentlich als klar abgetrennt wahrnehmen. Das kann verunsichern – oder den Horizont erweitern. 

Autorin: Linda Giering

Manchmal verliere ich am Meer kurz die Orientierung. Wenn bei einem bestimmten Licht an der Nordsee das Watt, das Meer und der Himmel fast die gleiche Farbe haben, erkenne ich den Horizont nicht mehr und weiß nicht, wo die Grenze verläuft zwischen Himmel und Erde. Ich suche dann nach einem Fokuspunkt, an dem ich festmachen kann: ein Boot, eine Insel, eine Möwe in der Luft. Oder ich wandere mit den Augen zurück, bis ich wieder sicher bin, was ich sehe: soliden, festen Grund, auf dem meine Füße stehen. 

An Grenzen bin ich gewöhnt. Der klare Raum, den sie abstecken und in den ich meine Erfahrungen und Gedanken einordnen kann wie in einen Setzkasten, gibt mir Stabilität und die Vergewisserung, dass ich alles im Griff habe. Ich erkenne mich als Individuum, das sich von anderen unterscheidet. Ich spüre, wo meine persönlichen Grenzen sind, wo meine Komfortzone endet. Manche Barriere kann ich sogar sehen: Mein Bundesland beginnt bei dem Schild an der Straße, das Nachbargrundstück hinter der Buchenhecke und am Ende einer geschriebenen Seite bricht der Text um. Andere sind unsichtbar, aber mir dennoch bewusst: Um 12 Uhr endet der Vormittag, nach der Schul-/Ausbildungs-/Berufszeit beginnt ein neuer Lebensabschnitt. 

Wenn die wohltuende und mir bekannte Ordnung aufgelöst wird, bin ich verunsichert. Jemand steht zu nah hinter mir, Großbritannien gehört auf einmal nicht mehr zur Europäischen Union, Niederländisch ist nicht Plattdeutsch, Kürbisse sind botanisch gesehen Obst und manche meiner Freunde verlassen zum Arbeiten nie ihre Wohnung. Das ist doch gegen die Regeln, die ich kenne! Die Verwirrung rüttelt an der bisherigen Vorstellung von eindeutiger Trennung – und das gibt Raum für Neues.

Manche Übergänge sind eben fließend. In einem Video über Quantenphysik erklärt der Moderator Ralph Caspers, dass sogar die Grenzen unseres Körpers eigentlich unscharf sind. Die Atome der äußersten Hautschicht bestehen aus Atomkernen, die von Elektronen umschwirrt werden, bei denen man nie ganz exakt sagen kann, wo genau sie sich gerade befinden, da sie keinen festen Bahnen folgen. Der Autor und Kolumnist Axel Hacke leitet daraus ab, dass wir eigentlich permanent ein wenig mit dem Universum verschwimmen. 

Grenzen können also auch wischi-waschi sein. Eigentlich ganz attraktiv, denn oft wünsche ich mir einen freieren Umgang oder sogar die Aufhebung von Trennlinien, die mir unsinnig oder ausgrenzend erscheinen. Grenzen sind nicht gottgegeben und unverrückbar. Sie können kommuniziert, gedehnt, verschoben, für unsinnig befunden oder als sinnvoll bestätigt werden. Sie lassen Übergänge zu: »Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen« (Psalm 18,30). Und sie können verwandelt werden, wenn sie mich auf eine ungute und sinnlose Weise hemmen. »Meine engen Grenzen, meine kurze Sicht, bringe ich vor dich. Wandle sie in Weite«, heißt es in einem Lied von Eugen Eckert. Grenzen können in Weite verwandelt werden. Gut. Aber dabei brauche ich manchmal Starthilfe.

Eine solche Starthilfe, die meinen Grenzhorizont erweitert, ist für mich die biblische Geschichte von Christi Himmelfahrt (Apostelgeschichte 1). Die scheinbar eindeutige Trennung, die zwischen Himmel und Erde, die ich (außer manchmal am Meer) täglich mit eigenen Augen sehe und die ich immer als logisch und unüberwindbar hingenommen habe, verschwimmt und bricht auf. Bis dahin war in den biblischen Erzählungen zwar ab und zu ein himmlischer Bote auf die Erde herabgekommen, aber es schien klar, dass der Grenzübergang nur in eine Richtung nutzbar ist: von oben nach unten. Zwar haben Menschen versucht, sich einen Zugang zum Himmel zu verschaffen – davon erzählt der Turmbau zu Babel (1. Mose 11). Doch das ist eine Geschichte des Scheiterns.

Erst mit Christi Himmelfahrt öffnet sich in meinem Kopf die Pforte für uns Irdische. Jesus entschwindet nicht heimlich, sondern weitet die Grenzen der Vorstellung seiner Freunde und Freundinnen. Mit dieser Geschichte im Rücken traue ich mich was, kann gut auch mal fünf gerade sein lassen und hinter eine Buchenhecke schauen. Wer weiß, wer mich dort erwartet!

Dieser Text stammt aus unserem 

Magazin Andere Zeiten 2/2026