Nächte voller Geschichten
Autorin: Nicole Grochowina
Der Alarm kommt meist tief in der Nacht. Und er ist laut – so laut, dass von jetzt auf gleich nicht mehr an Schlaf zu denken ist. Alle Sinne sind hellwach. Wenn dieser Alarm kommt, ist das Leben eines Menschen zu Ende gegangen – und dies auch noch auf eine Art und Weise, die für Angehörige und Freunde ein großer Schock ist.
Jetzt bin ich als Notfallseelsorgerin gefragt. Ich greife meine Sachen und schon geht es los. Was dann passiert, ist so vielfältig wie das Leben selbst; und zugleich auch so einmalig wie jeder Tod. Ganze Geschichten bündeln sich in solchen Nächten, Geschichten mitten in Schock und Trauer. Sie drehen Schleifen. Umkreisen die Warum- Frage. Oder verstecken sich im bleiernen Schweigen und unter Tränen, die sich nicht um Etikette scheren, sondern einfach fließen. So ist es. Eben noch miteinander gesprochen, alles war in Ordnung. Und nun: nichts mehr. Nur noch Ende. Ende tut weh. Und doch ist das Ende auch viel, viel mehr. Das klingt verrückt, aber: In die Tränen vom Ende mischt sich bisweilen auch das Lachen. Sogar das herzhafte Lachen. Da sind die gemeinsamen Erlebnisse. Da sind die Verrücktheiten, die ein Leben ausmachen und die nun erzählt werden. Wild purzeln sie in den Kopf und finden ganz unmittelbar ihren Weg in die Sprache. Und da sind Menschen wie die Ehefrau, die ihren Kindern in der fernen Großstadt rät, langsam zu fahren: Der gerade verstorbene Vater würde schließlich nicht weglaufen. Und da ist der nun verwitwete Ehemann aus dem hohen Norden, den es in den tiefen Süden verschlagen hat. Er erzählt Geschichten aus »Hamburch«, während ihm Tränen über die Wangen laufen, die sich noch uneins sind, ob sie vom Lachen oder vom Weinen kommen.
Mit dieser Frage fangen gute Geschichten an
Und da ist zumeist auch ganz, ganz viel Liebe. Hier am Ende ist dies eine sehr stille Liebe. Doch genau darin ist sie so unfassbar kraftvoll. Es ist eine Liebe, die sich einfach nicht ihre Leuchtkraft rauben lassen will. »Ist sie nicht wunderschön?«, fragt mich ein Mann, als wir gemeinsam seine Frau für ihren Weg auf der anderen Seite der Ewigkeit segnen. Eine geflüsterte Frage, in der die ganze Lebensgeschichte Platz hat; und die mit so viel Liebe durchwoben ist, dass es mir den Atem nimmt. Und ja, sie ist wunderschön. Sie ist angekommen. Und mit Blick auf ihr friedliches Gesicht frage ich mich, was sie wohl gerade sieht. Und ich frage mich, ob nicht jedem Ende doch auch ein Anfang innewohnt. Nur eben für sie – und noch nicht für uns. Ich verlasse die Menschen, wenn dieses Glück der gemeinsamen Geschichten zart aufleuchtet. Und wenn andere da sind: Freunde. Familie. Nachbarn. Menschen, die eine Geschichte miteinander haben und die diese nun hier am Ende dieser einen Geschichte teilen; mit Tränen in den Augen. Weißt du noch? So fragen sie. Und ja: Mit dieser Frage fangen gute Geschichten an. Auch am Ende.