Radfahren

Autorin: Sabine Henning

Als Kind hatte ich ein blaues Klapprad. Darauf fuhr ich im Sommer abends oft durch unsere Siedlung, über die »Teerwege« zwischen den Reihen- und Hochhäusern, die nur für Fußgänger waren und in den Ferien leer. Die Runde führte mich auch auf einer abschüssigen Straße hinab in einen Wendekreis. Wenn ich dort hinuntersauste, war ich eine Artistin: Ich streckte ein Bein nach hinten aus und legte es auf den Sattel. Dann ließ ich den Lenker los und breitete die Arme zur Seite aus. Wie frei ich mich fühlte! Wie abenteuerlich! Das Kunststück würde mich in den Manegen dieser Welt berühmt machen. Ich würde durch die Lande ziehen und Schönheit leben, wie die Zirkuskünstlerinnen in meiner Lieblingsserie »Salto Mortale«. Noch heute ist das Rad ein Lebensmittel für mich. Egal, ob es regnet, stürmt oder schneit: Ich strampele mich ab und frei – und komme auf tollkühne Gedanken.
 

Dieser Text stammt aus dem Buch geistreich - 50 Pfingstideen.

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