Schluss mit dem Lärm

Der November ist mit Feiertagen wie Allerseelen und dem Buß- und Bettag eine Zeit der Besinnung. Der Wunsch nach Ruhe wächst. Doch Rückzug erreicht manchmal genau das Gegenteil.

Autor: Jan Frerichs

Ich sage es gleich: Je mehr und lauter die Stille gepriesen wird, desto skeptischer werde ich. Ich warne sogar vor der Stille. Und wer sich auf sie einlässt, sollte vorsichtig sein. 

Die Sehnsucht nach Stille kann ich sehr gut nachvollziehen, denn die Welt ist laut. Nicht nur äußerlich seit der Erfindung der Dampfmaschine und der Zahnräder der Industrialisierung, die sich bis heute drehen. Auch innerlich wird sie immer lauter. Die Hilfsmittel, zumal die digitalen, die uns so vieles ermöglichen und erleichtern, lassen die Welt um uns herum zugleich immer komplexer und rastloser werden. Wir sind so reich an Wissen wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit, aber wir waren zugleich auch noch nie so arm an Aufmerksamkeit, denn genau die wird aufgebraucht durch die vielen Informationen, die pausenlos um uns herumschwirren. Die Aufmerksamkeit gehört mittlerweile zu den wertvollsten Ressourcen unserer Zeit. Mit ihr wird das ganz große Geld verdient – von Google, Facebook und Co. 

Und deshalb funktioniert auch das Geschäft mit der Stille – als Detox-Programm gegen Reizüberflutung. Bücher über Achtsamkeit und Meditation gehören zu den Bestsellern der spirituellen Ratgeberliteratur. Millionen Menschen nutzen Handyapps, die mit geführten Meditationen und anderen Übungen helfen sollen, Ruhe und Balance zu finden. 

In der Stille wird der Lärm nur noch lauter

Die Wissenschaft hat festgestellt, dass regelmäßige Zeiten der Stille und des Digital-Detox das Stressniveau senken, die Konzentration verbessern und das allgemeine Wohlbefinden steigern können. Der Rückzug in die Stille erscheint folglich als heilsame Praxis, die helfen kann, die Balance wiederzufinden in einer hektischen Welt, die aus den Fugen zu geraten droht. 

Und genau das gab es schon einmal vor vielen Jahrhunderten: Als an einem nicht näher bestimmten Tag des Jahres 275 nach Christus ein gewisser (inzwischen: heiliger) Antonius sein ägyptisches Heimatdorf verließ und in die Wüste zog, ahnte er wahrscheinlich nicht, dass er damit die Bewegung der Wüstenväter ins Rollen brachte, die das christliche Mönchtum begründet hat. 

Tausende folgten Antonius und bald war die Wüste voll mit Eremiten (von dem griechischen Wort »eremos« = wüster Ort, einsamer Ort, Wildnis), die ihren gesamten Besitz aufgaben, dem Leben in der Welt den Rücken kehrten und zuerst alleine, später in kleinen Gemeinschaften, von einfachen handwerklichen Arbeiten lebten und ansonsten Gott suchten in Stille und Abgeschiedenheit. Wir können etwas Wichtiges lernen von den Wüstenvätern: Stille ist nicht einfach die Abwesenheit von Lärm. Das ist nämlich genau die Erfahrung, die alle Wüstenväter verbindet: In der Stille wird der Lärm nur noch lauter, auch wenn äußerlich nichts zu hören ist. In der Sprache der Eremiten sind es die »Leidenschaften « und »Dämonen«, die einem in der Stille das Leben schwer machen. 

Stille ist Wildnis

Mancher spirituelle Höhenflug hat damals ein schnelles Ende gefunden. So schreibt zum Beispiel der heilige Hieronymus zuerst begeistert über die Abgeschiedenheit der Wüste: »Hier kann man sich der Bürde des Körpers entledigen und sich zum reinen Glanz des Äthers emporschwingen.« Nach sechs Monaten ist es allerdings mit der Begeisterung vorbei und Hieronymus kehrt zurück in die Zivilisation. Und das hätte man kommen sehen können, weil das mit dem »Entledigen « eben nicht funktioniert. Wer in die Stille geht, muss damit rechnen, dass das, was man gerne loswerden möchte, noch lauter wird. 

Daher: Vorsicht! Es wäre eine aussichtslose Vorstellung, dass die Abwesenheit von Lärm die Lösung für die Herausforderungen des Lebens sein könnte – äußere oder innere. Wenn Stille bloß als Abwesenheit von Lärm gesehen wird, dann wird sie de facto zum Selbstzweck und in der Folge zu einem Instrument der Weltflucht: »Was? Du hörst noch Nachrichten? Das tue ich mir nicht mehr an …« So etwas fördert weder das persönliche Wachstum noch hilft es irgendwem oder irgendetwas in der Welt. Es führt schlimmstenfalls zu einer Abgrenzung, verbunden mit einem Gefühl der (spirituellen) Überlegenheit. Und genau deshalb möchte ich eindringlich warnen vor der Stille. Stille ist Wildnis. Stille ist Eremos. In die Stille zu gehen, ist ein Abenteuer, auf das man gut vorbereitet sein sollte. 

Die Stimme Gottes hören

Wenn der Prophet Elija in der Wüste erfährt, dass die Stimme Gottes nicht im Sturm, nicht im Beben und nicht im Feuer ist, sondern im »sanften, leisen Säuseln«, dann ist das ein eindringliches Sinnbild für diese Suche (1. Könige 19,11–13). Die Stille macht uns nicht taub und unberührbar, sondern sie sensibilisiert uns und sie ermöglicht uns, ALLES zu hören. Das ist nicht weniger Wahrnehmung, sondern mehr. Dessen sollte sich jeder, der sich nach Stille sehnt, bewusst sein. 

Wer in die Stille geht, sollte also gute Gründe dafür haben. Und oftmals entscheiden gar nicht wir uns für die Stille, sondern sie tritt in unser Leben, ohne dass wir darum gebeten oder uns das gewünscht hätten. Dann wird es »totenstill« nach dem Verlust eines lieben Menschen. Dann herrscht »eisige Stille« unter Zerstrittenen. Stille kann »erdrückend« erscheinen, wenn sich Menschen nichts mehr zu sagen haben, und dann ist da »Schweigen im Walde«, wenn alle Resonanz verstummt. 

Stille ist immer eine Herausforderung und die besteht darin, in der Stille und aus der Stille heraus nach dem zu suchen und zu fragen, was wesentlich ist. Wir können auch sagen: auf die Stimme Gottes zu hören. Stille ermöglicht uns nicht, allem zu entkommen, sondern vielmehr in allem das »stille Geschrei« zu hören, was nichts anderes ist als ein mystischer Name für Gott, »der auch in uns schreit«, wie Dorothee Sölle sagt. 

Stille des Herzens

Elija kehrt aus der Wüste zurück mit Kraft und Klarheit. Seine Erfahrung in der Stille war die Vorbereitung auf sein Handeln in der Welt und mit der Welt. Und Thomas Merton, der US-amerikanische Trappistenmönch und Mystiker, würde vielleicht sagen, Elija habe die »Stille des Herzens« gefunden, die uns ermöglicht, die volle Verantwortung für unser Leben und die Welt zu übernehmen und wirklich »vor Gott« zu leben – und das kann bedeuten, nicht länger zu schweigen, sondern die Stimme zu erheben, nicht um Lärm zu machen, sondern um Raum zu schaffen für das, was wesentlich ist: Mitgefühl, Vertrauen, Hoffnung, Liebe. Allen, die jetzt immer noch in die Stille gehen wollen, lege ich dieses Gebet als Begleitung und Wegweisung ans Herz: 

Du, große Liebe, 

lass mich aufmerksam sein für das Wesentliche. 

Wo Trägheit herrscht, lass mich provozieren. 

Wo nachgegeben wird, lass mich Fragen stellen. 

Wo Stille herrscht, lass mich eine Stimme sein. 

Lass mich das Unliebsame ebenso lieben wie das Liebenswerte. 

 

Jan Frerichs ist Theologe, Autor und Gründer der franziskanischen Lebenschule barfuß+wild.

Artikel aus: Magazin zum Kirchenjahr 3/2024. 
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