Schock
Die Ärztin steht neben mir. Ich warte ab, was sie mir zu sagen hat. Sie setzt an und erklärt mir, weshalb ich innerhalb der nächsten Stunde ins Universitätsklinikum verlegt werden muss. Jetzt stehe auch ich neben mir und schaue mich um. Sehe, wie sich die Rettungssanitäter bereithalten. Gedanken kreisen über mir, warten darauf, mich gefangen zu nehmen. Ich versuche, sie abzuschütteln. Überfordert begleite ich die Ärztin in ihr Büro. Auf dem Monitor zeigt sie mir das, was in meinem Kopf unerlaubt Raum einfordert. Viel zu viel Raum. Sie erklärt mir das übliche Vorgehen. OP und so. Ich schaue mich in ihrem Büro um, meide den Blickkontakt. Dann müsse man den histologischen Befund abwarten. Einen klaren Gedanken zu fassen, gelingt mir nicht mehr. Ich lasse die Ärztin ihre Ausführungen beenden und gehe ins Zimmer zurück, um meine Eltern zu informieren. Dann packe ich meine Sachen ein, die erst am Abend zuvor den Weg in den Schrank gefunden haben. Meine Zimmernachbarinnen wählen liebevolle Worte des Abschieds. Eine der beiden gibt mir ihre Handynummer, damit ich ihr schreiben könne. Sie würde gern erfahren, wie es mit mir weitergeht. Warum nicht, denke ich. Das wüsste ich auch gern. Im Flur halten die Sanitäter einen Rollstuhl bereit. Ich solle nichts mehr tun, das zu viel Kraft kosten könnte. Also setze ich mich. Wie im Film sehe ich meine Eltern auf die Ärztin einreden. Ich verstehe nicht jedes Wort, nehme alles nur bruchstückhaft, szenisch wahr. Sie bestehen darauf, mich erst gehen zu lassen, wenn sie Genaueres wüssten. Ihre Stimmen beben, brechen. Ich versuche, mich abzulenken. Bloß wie und womit? Ich warte. Worauf eigentlich? Wartet das Leben noch auf mich?
Aus der Andere Zeiten-Redaktion
Dieser Text stammt aus unserem Buch Wunde/r