So fern und doch ganz nah

Was ist die Seele? Autorin Nicole Grochowina hat sich anlässlich von Allerseelen an eine Ortsbestimmung gewagt.

Seit gut 35 Jahren habe ich eine Familie in Neuseeland. Alles begann mit einem Briefkontakt, und dann reiste ich nach dem Abitur nach »down under«. Und da, am Ende der Welt, starteten wir unsere gemeinsame Wegstrecke: Immer wieder haben wir uns »unten« oder »oben in Europa« besucht. An Silvester rufe ich »Mom« und »Dad« − wie ich sie bis heute nenne − an, will hören, wie das neue Jahr wird, in dem sie dann schon angekommen sind. 

Vor einigen Jahren ist mein Dad dement geworden. Und als es immer deutlicher wurde, dass er nun ganz in seine Welt hineingehen würde und zudem sehr krank war, bin ich nach Auckland geflogen. Ich wollte noch einmal Zeit mit ihm verbringen – und ich wollte mich von ihm verabschieden. Diese Zeit war schön und schrecklich zugleich. Meinen Namen wusste er nicht mehr, wohl aber, dass uns etwas verband. Meine Mom sprach in dieser Zeit immer davon, wie er entschwinde und nicht mehr derselbe sei. An einem Nachmittag war uns dann klar: Ja, so ist es. Wir erleben sein Ausschleichen aus dem Leben. Aber – und da waren wir uns beide sicher – irgendwo in diesem vergesslichen und ängstlichen Körper steckt immer noch seine Seele. Und damit meinten wir: das zutiefst Eigene, das Innere von ihm. Wir meinten den Ort, an dem sein Humor wohnt und seine Liebe lebt. Und wir meinten den Ort, an dem er immer ganz er selbst ist und wo ihn eine Liebe hält, für die wir keine Sprache haben. Die Seele – der Mittelpunkt allen Seins, der Urfunken des Lebens. Wir wussten beide: Seine Seele lebt und geht nicht weg. 

Ein freundliches Zunicken des Lebens

Und je mehr wir darüber sprachen, desto größer und schöner wurde uns die Seele: Wir erahnten sie als ein freundliches Zunicken des Lebens trotz aller Angst und mitten in aller Veränderung. Und wenn ich dann nachts meinen Dad unruhig durch das Haus tappen hörte, habe ich Gott gebeten, eben diese Seele zärtlich und sanft zu berühren, sie in seinen Frieden einzuhüllen und mit seiner Liebe alle Angst aufzunehmen und zu tragen. Und: Ich habe dafür gebetet, dass Gott meinen Dad auf seinem unruhigen Weg durch das Leben segnet, einfach nur segnet. Und schützt. Und trägt.

Je mehr wir sprachen, desto größer und schöner wurde uns die Seele.

Mein Dad hatte eine große Kinderseele. Immer wieder ist sie durchgebrochen – auch mitten in der Demenz. Wie oft haben wir dann vor Lachen am Boden gelegen! In einem Drogeriemarkt haben wir ewig vor einem Regal mit Quietscheentchen gestanden, haben alle ausprobiert, sie gedrückt und ihnen die wildesten Quietschtöne abgepresst. Was haben wir gelacht! Und: Gemeinsam haben wir Marineschiffe geentert, die man ausnahmsweise besuchen durfte, die beleuchtete Hafenbrücke von Auckland bestaunt oder einfach nur in den Abendhimmel geguckt. Stundenlang. In all diesen Seelentropfen hat sich ein Licht gespiegelt, das so voller Leben war – atemberaubend schön! Denn das ist die Seele allemal: Sie ist atemberaubend schön!

Vor wenigen Jahren ist mein Dad gestorben. Es war sein großes inneres Aufatmen – und ein Seelenschmerz für meine Mom. Und doch sind sie sich auch heute noch nah. Sie sagt, sie könne seine Seele spüren. Das sei so wie in der Zeit der Demenz, als sie wusste, dass unter all den Kämpfen seine Kinderseele kraftvoll lebe. Und auch ich fühle ihn, vielleicht sogar seine Seele. Manchmal ist das ganz stark – und dann sitzen wir plötzlich wieder zusammen auf der Terrasse und machen Pause mit dem unverzichtbaren Nachmittagstee. Und wir lachen. Wir lachen so unfassbar viel und dies mitten in den Quietschtönen dieser Welt. 

Wir lachen so unfassbar viel. Mitten in den Quietschtönen dieser Welt. 

Auf unserer Seite der Ewigkeit verabschieden wir Menschen uns irgendwann voneinander. Aber ich bin mir sicher, dass zwischen Himmel und Erde nur ein schmaler Grat besteht. Und manchmal berühren sich beide. Und wenn das geschieht, weht etwas Ewigkeit in unsere Welt, nur einen Augenblick. Manchmal denke ich: Das sind Schlupflöcher für die Seelen. Dann sagen sie uns Menschen kurz Hallo, entschwinden wieder und lassen uns etwas Leuchtstaub von der Liebe da, in der sie geborgen sind. In solchen Momenten drücken mein Dad und ich noch einmal gemeinsam auf die Quietscheentchen. Und wir lachen fröhlich. Wie beseelte kleine Kinder. 

 

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Magazin Andere Zeiten 3/2026