Stell dir vor, es wird gut! (Und du bist schuld daran)

Autorin: Ronja von Wurmb-Seibel

Zwischen Krisen, Angst und AfD – wie wir lernen, die Welt trotzdem mitzugestalten. Eine Einladung, mutig das eigene X zu setzen.

Ich werde diesen Sommer 40. Als ich vor Kurzem überlegt habe, wie ich dieses Ereignis feiern möchte, habe ich mich daran erinnert, wie mein 30. Geburtstag war: eine laute Party an der Elbe, 90er-Musik, Glitzertattoos, auf dem Buffet standen neben Essen auch Zigaretten. Mein 40. Geburtstag wird vermutlich anders aussehen. Statt mitten in Hamburg lebe ich inzwischen in einem kleinen bayerischen 470-Seelen-Dorf, ich rauche nicht mehr und trinke keinen Alkohol.

Hätte mir vor zehn Jahren jemand die Zukunft vorausgesagt: Ich hätte es vermutlich nicht geglaubt. Und damit meine ich nicht die Zigaretten. Trump als Präsident in den USA? Die AfD im Bundestag und inzwischen größte Fraktion der Opposition? Pandemie? Russischer Angriff auf die Ukraine? Ach ja, war da noch was mit Klimakrise?

Ehrlich gesagt, auch heute kann ich vieles davon nicht glauben. Genauer gesagt: nicht fassen. Wie also umgehen mit einer Welt, mit der wir nicht nur nicht einverstanden sind, sondern von der wir zunehmend das Gefühl haben:
Das kann doch einfach alles nicht mehr wahr sein! Ich habe eine Antwort gefunden auf diese Frage. In der Theorie schon vor langer Zeit, aber in den letzten Jahren hatte ich viele, nennen wir es »Gelegenheiten«, meine Theorie an der Realität zu testen.

Die Demokratie leidet an zu viel negativen Informationen. Und wir Menschen auch.

Alles begann damit, dass ich nach Afghanistan gezogen bin, um dort als Reporterin zu arbeiten. Zuvor war ich Politikredakteurin bei der ZEIT. Probleme suchen und finden war mein Job – und ich liebte ihn. Ich hatte mir noch nie Gedanken darüber gemacht, wie Nachrichten unseren Blick auf die Welt beeinflussen. Das änderte sich in Kabul, gleich bei der ersten Geschichte. Sie handelte von opiumabhängigen Familien. Ich sprach mit Eltern, die abhängig geworden waren, mit Jugendlichen und Kindern. Das jüngste Kind, das ich damals traf, war ein Jahr alt und bereits opiumabhängig. Als ich die Geschichte aufschreiben wollte, erlebte ich etwas, das mir noch nie zuvor in meinem Beruf passiert war. Mir fehlten die Worte. Ich war wie gelähmt. Ich sah plötzlich überhaupt keinen Sinn mehr in meiner Arbeit. Ich stellte mir vor, wie Menschen in Deutschland den Text lesen würden und ob sie sich betroffen fühlen würden. Aber ich konnte gar nicht anders, als mir irgendwann auch so ein Schulterzucken vorzustellen: »Das ist alles so weit weg. Ich kann ja eh nichts tun. Wieder eine schlimme Nachricht aus Afghanistan.«

Aus der Forschung wissen wir: Wenn wir zu viele negative Informationen konsumieren, fühlen wir uns ohnmächtig, hilflos, ohne Kontrolle. Wir denken: Die Welt ist schlecht und ich kann nichts dagegen tun. An manchen Tagen vielleicht sogar: Die Welt wird immer schlechter und ich kann nichts dagegen tun. Manche Menschen hören auf, sich in ihren Communitys zu engagieren, andere gehen nicht mehr wählen. Im schlimmsten Fall verlieren wir unsere Fähigkeit, mit anderen Menschen mitzufühlen. Ein Schutzmechanismus unseres Körpers, der uns sagt: »Mir ist gerade alles viel zu viel.« Unsere Demokratie leidet an zu viel negativen Informationen. Und wir Menschen auch.

Ich will nicht Teil dieses Kreislaufs sein.

Damals in Kabul hab ich ganz deutlich gespürt: Ich will nicht Teil dieses Kreislaufs sein. Ich will nicht Geschichten erzählen, die Menschen ohnmächtig zurücklassen. Aber gleichzeitig wollte ich unbedingt in Afghanistan bleiben. Ich mochte Kabul. Also entschied ich, etwas zu verändern. Ich wollte weiter nach Problemen suchen, aber bei jeder Geschichte auch einen Hoffnungsschimmer recherchieren. Mit der Zeit entwickelte ich dafür eine eigene Formel. Sie hat mein ganzes Arbeiten verändert. Und irgendwann sogar mein Leben. Die Formel ist nicht sehr mathematisch. Sie lautet: Scheiße plus X. »Scheiße« ist leicht zu erklären: Die Momente, in denen wir uns ohnmächtig fühlen. Kriege. Klimakrise. Trump. Epstein-Files. AfD. Aber auch solche Momente, in denen in unserem eigenen Leben etwas schiefläuft.

Was ist das X? Das X ist ein erster Schritt in Richtung Besserung. Es ist nicht die Lösung. Nur ein erster winziger Schritt. Das reicht. Warum ist das so wichtig? Das X zeigt uns, dass wir nicht hilflos sind. Es erinnert uns daran, dass wir immer, wirklich immer, etwas tun können, um die Welt und unser eigenes Leben ein kleines Stückchen besser zu machen. Das X ist das Gegenteil von Ohnmacht. Es ist der Punkt, an dem wir anfangen, zu glauben, dass die Welt besser werden kann – in kleinen Schritten, auf komplizierten Wegen, mit großer Anstrengung. Es ist der Punkt, an dem wir uns vorstellen, dass die Zukunft gut werden kann. Nicht einfach so, Zukunft »passiert« nicht. Sie entsteht aus Entscheidungen. Aus unseren Entscheidungen. Der Tag in Kabul, an dem ich zum ersten Mal nach einem X gesucht habe, ist mehr als zehn Jahre her. Seither habe ich Geschichten nie wieder anders erzählt. Aber vor allem habe ich nach einiger Zeit angefangen, das X auch in meinem eigenen Leben zu suchen.

Ich habe angefangen, das X in meinem eigenen Leben zu suchen.

Als im Sommer 2015 ein befreundeter Jugendlicher aus Kabul nach Europa floh und in Ungarn feststeckte, fuhren mein Mann und ich los, um ihn nach Deutschland zu bringen. Wir dachten damals: »Einmal helfen und gut ist.« Stattdessen wurden wir Pflegeeltern. Und sind immer noch eine Familie. Als im März 2020 die Pandemie begann und wir alle zuhause bleiben mussten, hängten wir in unserem Hamburger Mehrparteienhaus einen Zettel auf: »Ab heute sind wir jeden Abend um 19 Uhr am Fenster.« Drei Monate trafen wir uns jeden Tag. Sechs Jahre später sind wir immer noch befreundet. Als im Frühjahr 2025 die AfD in meinem Wohnort und ich merkte, dass bei uns im Gemeinderat fast nur Männer saßen, organisierte ich eine überparteiliche Veranstaltung, um Frauen zu motivieren, sich für ein politisches Amt zu bewerben. Sechs Monate später kandidierte ich selbst als Landrätin für 220 000 Menschen. Dabei erlebte ich Tag für Tag, wie aus Politikverdrossenheit Aufbruch werden kann, wenn Menschen erfahren, dass sie selbst etwas verändern können. Und das ist vielleicht die schönste Sache, die ich mit der Zeit über das X gelernt habe: Sobald wir den ersten Schritt gehen,
gehen ganz oft andere Leute mit. Und so entstehen Dinge, die wir uns anfangs niemals getraut hätten auch nur zu träumen.

Zukunft ist nicht etwas, das uns passiert. Sie entsteht durch das, was wir uns trauen – durch das, was wir uns zutrauen.

Und noch etwas habe ich gelernt. Der Kampf um Gerechtigkeit wird niemals gewonnen sein und die Utopie niemals Wirklichkeit. Selbst wenn wir eines fernen Tages alles erreichen sollten, was wir uns heute von einer gerechten Gesellschaft erhoffen, hätten wir bis dahin ganz sicher längst wieder neue Anforderungen an eine bessere Welt. Es geht nicht ums Gewinnen. Es geht ums Machen. Es geht darum, die Welt, die wir uns erträumen, aufzubauen. Schritt für Schritt. Tag für Tag. Beziehung für Beziehung. Mensch für Mensch. Insel für Insel. Damit das klappt, brauchen wir ein Bild von dieser Welt, in der wir gerne leben, ein möglichst konkretes. Ich möchte Sie deshalb zu einem gedanklichen Experiment einladen: Stellen Sie sich einen Moment lang vor, wie eine gute Zukunft aussehen könnte. Ganz konkret, bei Ihnen zuhause, in Ihrem Alltag. Ganz egal, wo Sie gerade gelandet sind: Halten Sie dieses Bild fest. Nicht nur im Kopf, auch in Ihrem Herzen. Und mit diesem Bild im Herzen lesen Sie jetzt die nächsten beiden Sätze: Zukunft ist nicht etwas, das uns passiert. Sie entsteht durch das, was wir uns trauen – durch das, was wir uns zutrauen. Als ich 30 wurde, hatte ich keine Ahnung, wie unsere Welt zehn Jahre später aussehen würde. Das ist heute nicht anders. Wir wissen nicht, welche Krisen kommen. Welche Bewegungen entstehen. Welche Menschen uns begegnen. Welche Entscheidungen unser Leben verändern. Vielleicht ist das die wichtigste Lektion, die ich in den vergangenen zehn Jahren gelernt habe: Wir wissen nicht, was kommt. Aber wir wissen, dass kleine Schritte große Folgen haben können.

 

Dieser Text stammt aus unserem Themenheft 

Anders Handeln »Übergänge«